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Deutschland/Welt Populist Farage: er kam, ging – und kam wieder
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Populist Farage: er kam, ging – und kam wieder
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12:00 17.05.2019
Plötzlich ganz seriös: Brexit-Kämpfer Nigel Farage im Wahlkampf. Bisher trat er gern in schrillen Schuhen und bunten Broschen am Revers auf. Die „Change UK“-Bewegung, die für den Verbleib in der EU ist, dringt bisher nicht durch – auch weil sie nicht mehr eint, als die Ablehnung der Premierministerin Theresa May (unten).
London

Der Messias des Brexit läuft zu Rockmusik in die Halle ein, vor lauter Beifall und Jubel gehen die Gitarrenklänge unter. Die Anhänger strecken kamerafreundlich Plakate in die Höhe, auf denen „Change Politics for Good“ („Lasst uns die Politik zum Guten verändern“) prangt, während Nigel Farage auf der Bühne wie zur Segnung seiner Jünger die Arme ausbreitet.

Er ist wiederauferstanden. Nichts anderes soll das heißen an diesem Abend im ostenglischen Peterborough.

Und so strahlen rund 1800 Menschen beseelt, haben sich die 2,50 Pfund Eintritt und das lange Warten vor dem Kongresszentrum doch gelohnt. Nigel Farage, der lauteste Schreihals aller Brexit-Schreihälse, Schreckgespenst der konservativen Partei und Hassfigur aller Europafreunde, tritt derzeit beinahe täglich in der Provinz auf.

Früher galt er auch als Oberbiertrinker der Nation, gerne fotografiert mit Pint in der Hand im Pub, dieser englischsten aller englischen Institutionen. Dieser Tage trinke er nicht mehr, erzählt Farage jedem, der es hören und nicht hören will. Doch hängen bleiben soll, dass er sein Image geändert hat. Nicht mehr Clown und Kumpel möchte er sein, auch nicht Gesicht der rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei Ukip, die mit Anti-Einwanderungs-Rhetorik viele abschreckt. Dafür als seriöser Politiker der von ihm vor fünf Wochen erst neu gegründeten Brexit-Partei, der es aber, da bleibt er sich treu, noch immer denen da oben zeigen will.

„Verrat am Wähler“?: Nigel Farage in seinem Wahlkampfbus. Quelle: Getty Images

Die da oben, das sind die Karrierepolitiker, die angeblich „Verrat“ am britischen Wähler begehen, weil sie den Brexit noch nicht geliefert haben – und eigentlich bis heute, wenige Tage vor der Europawahl, keine mehrheitsfähige Idee präsentiert haben, wie das eigentlich gehen soll, der Austritt Großbritanniens aus der EU.

Farages Comeback transportiert denn auch nur eine einzige Botschaft: Raus aus der EU und zwar sofort. Geschenkt, dass der 55-Jährige selbst Teil des Establishments ist, immerhin seit 20 Jahren Abgeordneter im Europaparlament, ehemaliger Broker, nettes Haus in London, solche Dinge. „No more Mr. Nice Guy“, droht Farage dem Parlament im fernen Westminster und zuvorderst Premierministerin Theresa May. Wann immer er ihren Namen ausspricht, buht die Halle – die konservative Regierungschefin taugt als Feindbild allzu gut. Laut Umfragen werden die Tories und auch Labour bei den Europawahlen eine historische Schlappe erleben, die Brexit Party dagegen mit mehr als 30 Prozent einen überwältigenden Sieg feiern.

„Es geht nicht um links oder rechts, dafür um richtig statt falsch“, ruft Nigel Farage gerne und vergisst zu erwähnen, wie denn das politische Programm jenseits des Brexit aussehen könnte. Statt Substanz liefert er Emotionen, das kommt an.

Es herrscht Wut. Frustration. Ärger unter den Versammelten, viele ehemalige konservative Wähler, Unternehmer und Rentner, einige Ex-Labour-Anhänger sind ebenfalls darunter. Sie alle bevorzugen einen ungeregelten Brexit ohne Deal.

Farage soll Ärger anzetteln“

„Der Gewinner bestimmt, das ist Demokratie“, sagt Graham Garrett. Der 65-jährige lebenslange Anhänger der Tories kam mit seiner Frau aus Kingsley in Norfolk angereist, hofft jetzt darauf, dass mehr Europaabgeordnete der Brexit Party auf den Kontinent entsandt werden, „um Ärger in Europa anzuzetteln“. Garrett ist jemand, der immer nur England sagt, wenn er vom Vereinigten Königreich spricht. „England folgt den Regeln, wir stehen etwa Schlange. Frankreich ignoriert die Regeln. Die Deutschen machen ihre eigenen. Die Spanier interessieren sich nicht für Regeln und die Griechen wollen nur mehr Geld.“

Seine Frau, sie stammt aus der Provinz Nordirland, nickt eifrig. Dass dort wieder geschossen und gewütet und getötet wird, seit der Brexit die Grenzfragen neu stellt und damit den alten Konflikt neu anstachelt, blendet das Paar auf bemerkenswerte Weise aus. Beide haben sich Farages Bewegung angeschlossen, wie mehr als 100 000 andere Menschen in den vergangenen Wochen. Die Plakate für das Wohnzimmerfenster, die im Anschluss an die Veranstaltung in Peterborough verteilt werden, gehen weg wie Freibier im Fußballstadion.

Eine zutiefst absurde Wahl

Eigentlich hätten die Europawahlen im Königreich nie stattfinden sollen, nachdem sich das Land Ende März aus der Staatengemeinschaft verabschieden wollte. Nun müssen die Briten am 23. Mai doch zur Urne. Ein Umstand, dem etwas zutiefst Absurdes anhaftet. Er taugt natürlich sehr gut als Symbol für das Komplettversagen der britischen Politik, sich auf ein Austrittsabkommen zu einigen. Zweimal wurde deshalb der Scheidungstermin bereits verschoben. Derzeit ist es der 31. Oktober. Angesichts der Streitereien in Westminster streicht man sich den Tag besser nur mit Bleistift im Kalender an.

. 21/04/2019. London, United Kingdom. Brexit Party leader Nigel Farage during a visit to the Battle of Britain Museum in the village of Shoreham near Sevenoaks in Kent. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY xStephenxLockx/xi-Imagesx IIM-19587-0006 Quelle: www.imago-images.dewww.imago-images.de

„Die Europawahl ist eine großartige Möglichkeit für kleine und neue Parteien, einen Fuß in die Tür zu bekommen, sozusagen eine Startrampe in die Innenpolitik“, sagt Sara Hobolt, Politikwissenschaftlerin der London School of Economics and Political Science (LSE). Und Farage habe es clever angestellt, sich von der extremen Rechten zu distanzieren und stattdessen mit einer klaren Botschaft anzutreten: Gebt uns endlich unseren Brexit! „Die Tories dagegen sind intern gespalten und senden längst nicht mehr dieses Signal.“ Vielleicht verharren die Konservativen deshalb wie gelähmt in Westminster – ohne Anstrengungen, den Wahlkampf anzunehmen. Für Farage jedenfalls ist die EU-Wahl nur ein Anfang auf dem Weg zu einem größeren Ziel. „Die Brexit-Partei ist dafür gegründet worden, die EU-Wahlen als ersten Schritt zu nutzen, um das politische System im Vereinigten Königreich komplett zu verändern. Jetzt geht es darum, das gesamte politische Establishment herauszufordern“, sagte er dem „Spiegel“.

Ohne Zweifel darf man Peterborough als sehr britisch bezeichnen, ein beschauliches Städtchen, hübsch anzusehen an manchen Ecken, sehr grau an anderen, eine imposante Kathedrale aus dem Mittelalter mittendrin, natürlich, England eben. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen erhielt Peterborough in der Grafschaft Cambridgeshire nach dem EU-Referendum den Spitznamen „Brexit Central“, weil hier 60 Prozent der Menschen für den EU-Ausstieg gestimmt haben. Hier konnte alles im Kleinen erzählt werden, was im Großen schieflief und was viele Briten zum Brexit-Votum verführte. Es herrschten eine chronische Haushaltskrise und ein Mangel an Schulplätzen, der Druck auf das Gesundheitswesen stieg, und die Bevölkerung wuchs auch wegen der vielen Erdbeer-, Tomaten- und Spargelfelder in fünf Jahren um 11 000 auf 196 000, vor allem osteuropäische Zuwanderer kamen wegen der Jobs.

Peterborough steht exemplarisch für das ganze Land

Heute kann Peterborough abermals exemplarisch stehen für das ganze Land. Für das Dilemma, in dem das Königreich steckt. Hier die EU-Freunde, dort die Brexiteers, dazwischen nicht viel. Einig sind sie sich vor allem auf der Anti-EU-Seite. Die Proeuropäer präsentieren sich zersplittert. Ratlos. Planlos.

Die Geschichte in Peterborough geht in Kürze so: Ein Jahr nach dem Referendum 2016 wurde der europaskeptische Abgeordnete der Konservativen abgewählt und durch eine EU-freundliche Parlamentarierin der Labour-Partei ersetzt. Weil die sich durch Meineid strafbar machte, setzten die Bewohner sie kürzlich per Volksbegehren ab, zwei Wochen nach der Europawahl soll nun ein Nachfolger bestimmt werden.

Mit dem Bus durch Peterborough: Nigel Farage mit dem Brexit-Partei-Kandidaten Mike Greene. Quelle: Getty Images

Eigentlich wollten die vier kleinen proeuropäischen Parteien einen Kandidaten ins Rennen schicken, um eine Chance auf einen Sitz in Westminster zu haben. Doch der Versuch scheiterte, manche würden nachschieben, kläglich. In derselben Woche, in der die Proeuropäer mit peinlichen Nachrichten aus Peterborough landesweit Schlagzeilen machten, trat Nigel Farage mit seiner Entourage am Stadtrand auf, fing die EU-Skeptiker und Unentschlossenen ein. Die Brexit Party darf nun darauf hoffen, dass ihr Kandidat mit dem Schwung eines Erfolgs aus den Europawahlen auch noch ins Unterhaus zieht.

Geschickt füllt Farage im ganzen Land das Vakuum, das die andere Seite hinterlässt. „Wenn die Pro-Brexit-Parteien gut abschneiden, würde die Triebkraft hinter einem zweiten Referendum an Dampf verlieren“, sagt Politologin Sara Hobolt. Zudem würde Westminster das Ergebnis im Sinne der Brexiteers interpretieren.

Die Brexit-Gegner patzen

Phil Murphy steht im schwarzen Nadelstreifenanzug und mit polierten Lacklederschuhen in der Fußgängerzone des südenglischen Städtchens Southampton. Er ist Kandidat der neuen Partei Change UK, die ehemalige Labour- und Tory-Abgeordnete aus Frustration formiert haben. Die Gruppierung fordert eine erneute Volksabstimmung und den Verbleib in der Staatengemeinschaft. Gerade versucht er, einen Briten von den verheerenden Folgen des Brexit zu überzeugen. Dieses Mal erfolglos. Nur, Change UK hangelt sich von Fehler zu Fehler. Mehrere Namenswechsel, mangelnde Absprachen, abspringende Kandidaten, ein kaum einprägsames Logo. Man befinde sich noch im Lernprozess, heißt es immer wieder. Die perfekt geölte Maschine von Nigel Farage freut sich über die Patzer des politischen Gegners.

Murphy ist das, was man als durch und durch Labour bezeichnen würde. Mehr als 30 Jahre war er Mitglied bei den Sozialdemokraten, hat als Berater für Tony Blair gearbeitet, war während der Hochzeiten Labour-Kommunikationsdirekter in der Downing Street.

Brexit-Gegner halten Plakate mit den Aufschriften "Brexit: is it worth it?" (Brexit: Lohnt es sich?) in London hoch. Quelle: dpa

Vor sechs Wochen wechselte er die Seite. Das Wirtschaftsprogramm des Oppositionschefs Jeremy Corbyn sei ein Desaster, die unklare Haltung beim Thema Brexit nicht hinnehmbar, schimpft er. Seit Monaten windet sich Labour, will die Brexit-Wähler halten und die EU-Freunde nicht vergraulen. „Wir dagegen sind ein neues Gebräu mit einem anderen Ansatz, Politik zu machen“, sagt der 60-Jährige, der „voller Verzweiflung“ sei beim Blick auf die Regierung von Theresa May. „Sie ist bei weitem die schlechteste seit Menschengedenken.“

Auf Premierministerin Therasa May können sich alle einigen – als Feindbild. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE

Der Groll auf die Premierministerin ist dieser Tage das einzige, bei dem sich die Nation einig ist – ganz gleich, ob Pro-Europäer oder Brexit-Anhänger. Bald soll auch Theresa May gehen.

Von Katrin Pribyl

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