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Deutschland/Welt Philipp Rösler wollte eigentlich nicht nach Berlin
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Philipp Rösler wollte eigentlich nicht nach Berlin
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21:32 23.10.2009
Von Klaus Wallbaum
Nach acht Monaten als niedersächsischer Wirtschaftsminister zieht es Philipp Rösler in die Bundeshauptstadt.
Nach acht Monaten als niedersächsischer Wirtschaftsminister zieht es Philipp Rösler in die Bundeshauptstadt. Quelle: ddp
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Noch vor zwei Tagen, heißt es aus seiner Umgebung, habe Philipp Rösler einen Wechsel in die Bundespolitik strikt abgelehnt. Gerade mal acht Monate sitzt er auf dem Stuhl des Wirtschaftsministers in Hannover, hat jetzt erst begonnen, das Ressort nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Und nun sollte er sich in ein riesiges Bundesministerium vorwagen, das belauert wird von Lobbygruppen wie kein zweites? Dazu hatte er keine Neigung, und dies ließ er auch seine Umgebung wissen.

Doch am Freitag war der 36-Jährige dann doch bereit. „Ich weiß auch nicht, warum er es nun am Ende anders sieht“, erklärt ein Mitstreiter, der ungenannt bleiben will. War es der ausdrückliche Wunsch von FDP-Chef Guido Westerwelle, dem sich Rösler nicht verschließen konnte? Oder liegt es am Regionalproporz? Drei starke Verbände sind bereits bedient worden (NRW mit Westerwelle als Außenminister, Rheinland-Pfalz mit Rainer Brüderle als Wirtschaftsminister und Baden-Württemberg mit Birgit Homburger als designierte Fraktionschefin). Wenn die Erneuerung predigende FDP nun keine Altgedienten wie Hermann-Otto Solms oder Carl-Ludwig Thiele ins Rennen schicken wollte, führte an Rösler als jungem Vertreter aus dem starken Landesverband Niedersachsen kein Weg mehr vorbei.

Rösler ist in der Politik eine ungewöhnliche Gestalt. Er kam 1973 in Vietnam zur Welt, wurde von einem deutschen Ehepaar adoptiert und entwickelte als Schüler politische Leidenschaft – er rieb sich an einem Lehrer, der bei den rechtsextremen „Republikanern“ aktiv war. Rösler trat der FDP bei, machte bei den „Jungen Liberalen“ Karriere und wurde gefördert von Walter Hirche, dem Urgestein der Niedersachsen-FDP. Als Hirche zu Jahresbeginn abtrat und Rösler als neuen Landeswirtschaftsminister vorschlug, war das auch ein Versuch, den jungen Hoffnungsträger der FDP in der Landespolitik zu halten. Viele in der CDU sahen diese Weichenstellung damals mit Freude, schließlich ist das Vertrauensverhältnis zwischen Rösler und CDU-Fraktionschef David McAllister, die sich bereits aus dem Studium kennen, eine der Säulen für die Stabilität der Regierung in Niedersachsen.

Nun wird diese Säule geschwächt. Rösler, Vater von kleinen Zwillingen, wird in seine beruflichen Anfänge zurückversetzt. Er hat Humanmedizin an der MHH in Hannover studiert und begann 1999 im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus eine Facharztausbildung. 2002 promovierte der Sanitätsoffizier zum Dr. med. Vom Arztberuf versteht er etwas. Aber dass Rösler sich in den Verästelungen der Gesundheitspolitik auskennen würde, wäre übertrieben. Schon in die Fachgruppe der Koalitionäre ging er nur widerwillig, auf Westerwelles ausdrückliche Bitte.

In Niedersachsen ist Rösler, Hobby-bauchredner mit Vorliebe für Lakritz, vor allem durch sein stets freundliches, optimistisches und offenherziges Wesen aufgefallen. Als Wahlkämpfer beeindruckte er mit Schlagfertigkeit und Witz. Im Ministeramt hingegen wirkte er in den ersten Wochen nicht mehr so locker und unbeschwert wie früher, auch deshalb, weil er mit einem weitgehend fremdbestimmten Terminkalender leben musste. Nun fordert ihm der Sprung nach Berlin womöglich eine weitere Umstellung ab.

Für seine Nachfolge in Hannover werden mehrere Namen gehandelt: Der FDP-Fraktionschef und Bankkaufmann Jörg Bode (38) könnte zum Minister aufsteigen. Dies indes würde Nachfolgeprobleme in der Fraktion erzeugen, wo der Geschäftsführer Christian Dürr aufrücken müsste. Als heißer Tipp wird Röslers bisheriger Staatssekretär Stefan Kapferer gehandelt. Er war schon als neuer FDP-Bundesgeschäftsführer oder als Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium im Gespräch. Der 43-jährige Verwaltungswissenschaftler, der lange in Berlin gearbeitet hat, ist ministrabel.

Dass die FDP einen Wirtschaftsexperten von außen zum Minister befördert, ist wegen der Kürze der Zeit unwahrscheinlich. Eher käme der Aufstieg eines Bundestagsabgeordneten in Betracht, etwa von Patrick Döring (Hannover) oder Carl-Ludwig Thiele (Osnabrück). Was auch geschieht, Rösler wird mitreden, denn er bleibt FDP-Landeschef. Vorerst jedenfalls, denn sein Versprechen besteht: Mit 45 will er aus der Politik völlig aussteigen. Bis dahin sind noch neun Jahre Zeit.

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