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Deutschland/Welt Pakistan warnt Ausländer - Käßmann berichtet aus USA über Proteste
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23:33 09.09.2010
Aufgeheizte Stimmung: Im pakistanischen Multan verbrennen Anwälte eine US-Fahne. Quelle: dpa

In den USA versuchen die Kirchen, den evangelikalen Prediger Terry Jones noch davon abzubringen, am 11. September öffentlich den Koran zu verbrennen. Jones Aktion hat weltweit Proteste ausgelöst – vom Vatikan über den amerikanischen Präsidenten Barack Obama bis hin zum Präsidenten Pakistans, Asif Ali Zardari. Der Koran – und zwar jedes einzelne Buch – gilt den Moslems als heilig.

Auch in den USA tobe eine „hoch emotionale“ Auseinandersetzung, ob dieser Akt noch von der Meinungs- und Religionsfreiheit gedeckt sei, schreibt die frühere hannoversche Bischöfin Margot Käßmann, die derzeit an der Emory-Universität in Atlanta weilt. „Das Land der Freiheit ringt um die Grenzen“, schreibt Käßmann in ihrem Tagebuch für das Internet-Portal „www.evangelisch.de“: „Der Antrag auf ein Bonfire, also ein öffentliches Feuer, wurde in der Gemeinde abgelehnt. Eine Gegendemonstration ist angekündigt. Vernünftige Reaktionen, die um Schadensbegrenzung bemüht sind, also allerorten.“ Käßmann hält sich derzeit vier Monate zu einem Studienaufenthalt in den USA auf.

Obwohl auch viele Amerikaner gegen die Aktion des Pastors protestieren, sind der amerikanischen Regierung die Hände gebunden. Den Hass-Akt verbieten können sie nicht – er fällt unter die Meinungs- und Religionsfreiheit, die in den USA als unumstößlich gilt. Dies betonte ein Sprecher des US-Außenministeriums, der darum bat, klarzumachen, dass es sich bei der Koranverbrennung um die Aktion einer Splittergruppe handele. Man sollte den Akt einfach ignorieren, empfahl der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer in der „Leipziger Volkszeitung“: „Alle stürzen sich auf 50 Idioten in den USA. So wird aus einem Furz eine Bombe gemacht.“

Den Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens, Michael Fürst, macht es ratlos, dass der US-Staat keine Handhabe hat, „gegen diesen skandalösen Akt der Aggression“ einzuschreiten: „An diesem Punkt scheint auch mit der amerikanischen Verfassung etwas nicht zu stimmen“, sagte Fürst der HAZ. Ignorieren könne man den „religiösen Eiferer aus Florida“ leider jetzt nicht mehr, meinte Fürst. Man könne nur hoffen, dass er am 11. September nicht zur Tat schreite.

Prediger Jones in den USA gibt sich derweil gesprächsbereit. Sollte ihn das Weiße Haus direkt um eine Absage bitten, werde er die Aktion „definitiv überdenken“.

Pakistan warnt Ausländer

Pakistans Behörden fürchten um die Sicherheit ausländischer Fluthelfer, falls die von einer kleinen US-Gruppe in Florida geplante Verbrennung des Korans am 11. September, dem Jahrestag des Al-Qaida-Attentats in New York, stattfindet. „Wenn die das tatsächlich machen, wird ein Sturm der Entrüstung in der islamischen Welt losbrechen“, erklärte am Donnerstag ein ranghoher Vertreter von Islamabads Geheimdienst ISI, „wir werden dann die Lage nicht kontrollieren können.“

Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Helfern sind in das Land am Indus geströmt, seit massive Überschwemmungen rund ein Drittel des Territoriums unter Wasser setzten. Allein aus Deutschland halten sich gegenwärtig die Vertreter von etwa 15 Hilfsorganisationen in Pakistan auf.

Rund 20 Millionen Menschen wurden von der Katastrophe betroffen. Etwa zehn Millionen gelten nach Angaben der Vereinten Nationen als obdachlos. „Angesichts der heimatlosen Pakistaner ist es möglich, dass es für Extremisten einfacher geworden ist, sich unbemerkt inmitten dieser Menschenmasse im Land zu bewegen“, warnte der Vertreter des ISI. In der pakistanischen Stadt Multan verbrannten rund 200 Anwälte und Bürgerrechtler eine amerikanische Flagge. Die Demonstranten in Multan warnten auf einem Transparent: „Wenn der Koran verbrannt wird, dann ist das der Anfang von der Zerstörung Amerikas.“ In Sprechchören hieß es: „Nieder mit Amerika!“

Der 11. September fällt in diesem Jahr mit dem Ende des Fastenmonats Ramadan zusammen, dem wichtigsten islamischen Feiertag des Jahres. Pakistans Behörden haben bereits die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Die gespannte Stimmung wurde durch Deutschlands Ehrung von Kurt Westergaard, dem wegen seiner Mohammed-Zeichnungen in konservativen islamischen Kreisen verhassten dänischen Karikaturisten, zusätzlich angeheizt.

In Pakistan verübten die radikalislamischen Taliban-Milizen bereits in der vergangenen Woche vier blutige Selbstmordattentate, die rund 150 Menschenleben forderten, auf Prozessionen von Schiiten und Polizeistationen. Außerdem intensivierten die USA ihre Drohnenangriffe auf vermutete Schlupfwinkel von islamistischen Extremisten in Wasiristan. Im benachbarten Afghanistan gab es bereits Straßenproteste gegen die geplante Koran-Verbrennung. Ausländische Helfer wurden von Sicherheitskreisen aufgefordert, während der kommenden Tage besonders große Vorsicht walten zu lassen.

Proteste von Muslimen in Asien und auf der Arabischen Halbinsel gegen die für Sonnabend geplante Koran-Verbrennung blieben am Donnerstag friedlich. Die Regierung des Golfemirats Bahrain sprach von einer „schändlichen Tat, die mit den Prinzipien von Toleranz und Koexistenz unvereinbar ist“. In Bahrain ist die 5. US-Flotte stationiert. Der indonesische Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono wandte sich in einem Brief an US-Präsident Barack Obama und rief ihn auf, die Verbrennung zu verhindern. Yudhoyono äußerte seine Sorge über die Folgen der geplanten Koran-Verbrennung. „Dies könnte einen Konflikt zwischen den Religionen auslösen“, schrieb er. Indonesien ist der Staat, in dem weltweit die meisten Muslime leben, gefolgt von Pakistan und Indien.

Indien rief die US-Regierung auf, die Aktion zu stoppen. „Wir hoffen, die US-Behörden werden entschieden handeln, um so eine Schandtat zu verhindern“, sagte Innenminister P. Chidambaram in Neu-Delhi. An die Medien appellierte er, keine Bilder der Aktion zu veröffentlichen.

Michael B. Berger / Willi Germud / dpa / afp

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