Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland/Welt Obama verliert die Geduld mit Energiekonzernen
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Obama verliert die Geduld mit Energiekonzernen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:07 16.05.2010
Von Stefan Koch
US-Präsident Barack Obama Quelle: ap
Anzeige

Es werde vermutlich noch bis zu zehn Tage dauern, bis der Ölfluss gestoppt und das Leck in 1500 Meter Tiefe abgedichtet werden könne.

US-Präsident Barack Obama hatte am Freitag den Druck auf die Ölindustrie erhöht. Die Industrievertreter würden mit ihren gegenseitigen Schuldzuweisungen ein "lächerliches Schauspiel" abgeben. BP, Transocean und Halliburton müssten das Problem endlich lösen. Seine Geduld sei begrenzt: "Hier fließt Öl ins Meer. Und das müssen wir so schnell wie möglich stoppen", sagte Obama vor Journalisten. Er habe seinen Innenminister Ken Salazar angewiesen, das gesamte Kontrollsystem für die Ölindustrie "von unten bis oben zu reformieren". Die Rohstoffbehörde MMS (Minerals Management Service) habe einen zu "behaglichen Umgang" mit den Konzernen gepflegt. Scharfe Worte, die allerdings nicht darüber hinwegtäuschen können, dass der eher nachlässige Umgang mit Fördergenehmigungen und Bestimmungen politisch durchaus gewollt war. So veröffentlichte die Washington Post am Sonntag eine Studie, die die enge finanzielle Verflechtung zwischen örtlichen Abgeordneten und Ölindustrievertretern in den Bundesstaaten Alabama, Louisiana, Mississippi und Texas beschreibt. Republikaner und Demokraten seien gleichermaßen aus der Ölindustrie unterstützt worden. Da die Ölindustrie allein in Louisiana etwa 300.000 Arbeitsplätze stelle, sei ihr Rückhalt in der gesamten Bevölkerung enorm.

Anzeige

Es passt ins Bild, dass sich am Wochenende mehrere BP-Kritiker zu Wort meldeten, die davon ausgehen, dass die gesunkene Bohrinsel "Deepwater Horizon" ohne ausreichende Sicherheitsüberprüfungen genehmigt worden sei. Die Behördenaufsicht MMS habe sich eher als Partner, denn als Kontrolleur der Ölindustrie empfunden.

Ungeachtet dieser Debatten ringen BP und die Partnerfirmen weiterhin um eine schnelle technische Lösung im Golf von Mexiko. Trotz der bisher gescheiterten Versuche halten die Ingenieure offenbar an ihrem Plan fest, ein 1500 Meter langes Rohr direkt in das Leck zu verlegen. Ein gewagtes Unterfangen: Per Roboter wollen die Ingenieure einen Dichtungsring auf einem 53 Zentimeter breiten Rohr befestigen und eine 15 Zentimeter dünne Leitung daran anschließen. Ob das in dieser Meerestiefe und bei eisigen Temperaturen gelingen kann?

Zumindest zwei Drittel der Fördermengen könnten mit diesem Entlastungsrohr abgefangen werden, hieß es am Sonntag bei BP. Sollte auch dieses Vorhaben scheitern, könnte ein Stahlbeton-Zylinder zum Einsatz kommen, der auf dem Meeresboden bereit stehe. Dieser Container besitzt eine Höhe von knapp zwei Meter und ist damit wesentlich kleiner als die Stahlglocke, mit der in der vergangenen Woche vergeblich experimentiert worden ist. Der Energiekonzern geht davon aus, dass täglich etwa 700 bis 800 Tonnen des Rohöls direkt ins Meer strömen. BP räumte am Wochenende aber ein, dass es sich bei diesen Angaben um Schätzungen handelt. Dagegen mehreren sich die Stimmen, die von einer weitaus größeren Verseuchung des Golfs ausgehen. So sagte Steve Wereley von der Purdue University dem US-Sender CNN, dass die tatsächlichen Mengen bei 9000 Tonnen täglich liegen würden. Das ließe sich anhand der Videoaufzeichnungen erkennen, die BP veröffentlicht hatte.

Der Wissenschaftler geht davon aus, dass die Umwelt nicht zuletzt durch die Ölbekämpfung enorm belastet werde. BP habe nach eigenen Angaben seit Ende April knapp zwei Millionen Liter Corexit auf das Meer gekippt, ohne dass die langfristigen Folgen dieses Stoffes für das Ökosystem bekannt seien. Um größere Schäden zu vermeiden, hatte die US-Umweltschutzbehörde dieses Verfahren ausdrücklich gebilligt. Sie gab BP jetzt zudem die Erlebnis, Corexit direkt am Meeresboden einzusetzen, um das Rohöl zu verflüssigen.

Zweifel an dieser Methode weckt die New York Times: Die Zeitung zitierte am Sonntag Meeresforscher, die über großflächige Unterwasser-Ölschwaden in der Nähe der Bohrstelle berichteten. Diese wabernden Ölklumpen seien bis zu 16 Kilometer lang, sechs Kilometer breit und hätten eine Höhe von etwa 100 Metern. Das komme einer Katastrophe für das gesamte Ökosystem im Golf von Mexiko gleich. Die Wissenschaftler vermuten, dass die neuen Chemikalien für diese Ölschwaden verantwortlich seien.