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Deutschland/Welt Muschelsuppe für den Massenmörder
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Muschelsuppe für den Massenmörder
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20:43 12.05.2009
Von Alexander Dahl
Der mutmaßliche Nazikriegsverbrecher John Demjanjuk wird in einem Krankenwagen in die Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim gebracht. Quelle: Lennart Preiss/ddp

Dem 89-Jährigen wurde nach kurzer ärztlicher Untersuchung und einem Mittagessen – Muschelsuppe und Leberkäse – gegen 14 Uhr der Haftbefehl verlesen. Hauptanklagepunkt: Beihilfe zum Mord in 29 000 Fällen. Demjanjuk soll von März bis September 1943 im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen als SS-Wachmann am Massenmord europäischer Juden beteiligt gewesen sein. Das wichtigste Beweisstück der zentralen Ermittlungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg ist ein Dienstausweis Demjanjuks, der seine KZ-Wärtertätigkeit belegt. Die Fahnder haben außerdem die persönlichen Daten aller im fraglichen Zeitraum in Sobibor getöteten 29 000 Juden rekonstruiert.

Gerichtsmediziner müssen nun klären, ob der 89-jährige Demjanjuk verhandlungsfähig ist. Entsprechende Untersuchungen mit der notwendigen Laborbegleitung begannen bereits am Dienstag. Demjanjuks Familie in den USA hatten geltend gemacht, dass der Verdächtige an einer Frühform der Leukämie erkrankt ist und eingewandt, eine Auslieferung nach Deutschland käme einer Folter gleich. Auch Demjanjuks deutsche Anwälte, Günther Maull und Ulrich Busch, bezeichneten die Überstellung an die deutsche Justiz als „unmenschlich“. Sollte sein Mandat verhandlungsunfähig sein, könne er nicht mehr zu seiner Familie zurückkehren, da ihm die US-Staatsangehörigkeit entzogen worden sei, beklagte Maull. Und: „Da können wir dann gleich einen Platz in einem hiesigen Pflegeheim suchen.“ Die Strategie der Verteidigung gleicht der, die auch Anwälte anderer NS-Verbrecher in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt haben. Maull und Busch wollen auf „Befehlsnotstand“ verweisen. Demjanjuk habe mit dem NS-Regime kooperieren müssen, um nicht selbst ermordet zu werden, sagen die Juristen. Ein Eingehen auf die Anwerbungsversuche der SS war allerdings freiwillig; Zwang wird sich dort nicht nachweisen lassen. Die Staatsanwaltschaft München geht denn auch davon aus, bereits innerhalb weniger Wochen Anklage gegen Demjanjuk erheben zu können.

Ebenfalls am Dienstag traf der 82-jährige Thomas Blatt aus Kalifornien in München ein; einer der wenigen, die Sobibor überlebt haben. Blatt kann sich an Demjanjuk nicht erinnert, berichtete aber der Staatsanwaltschaft davon, dass die Wärter ihre Opfer mit Gewehrkolben und Bajonetten durch einen Stacheldrahtgang, die sogenannte „Himmelfahrtsstraße“, in die Gaskammern trieben.
Die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, dankte den Ermittlers am Dienstag dafür, dass sie Demjanjuk vor Gericht gebracht haben. „Der Prozess hat einen hohen Stellenwert. Es geht nicht um Rache, es geht um Gerechtigkeit, denn Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nicht“, sagte Knobloch

Berlin. John Demjanjuk geriet bereits vor 34 Jahren in das Visier der Ermittler. Damals, im Jahr 1975, übergab die sowjetische Regierung mehreren US-Senatoren eine Liste mit 70 mutmaßlichen, in den USA lebenden Kriegsverbrechern, auf der auch Demjanjuks Name stand. Der als Iwan Demjanjuk 1920 im ukrainischen Dorf Kosjatyn geborene wurde daraufhin verdächtigt, der berüchtigte KZ-Aufseher „Iwan der Schreckliche“ im Vernichtungslager Treblinka gewesen zu sein, der mehr als 100.000 Juden ermordete und viele sadistisch folterte.

Im Oktober 1983 forderte Israel die Auslieferung; 1986 wurde Demjanjuk abgeschoben und in Jerusalem vor Gericht gestellt. Im Prozess erkannten 18 Zeugen in ihm „Iwan den Schrecklichen“; Demjanjuk wurde 1988 zum Tode verurteilt. Dann tauchten jedoch Akten des sowjetischen Geheimdienstes KGB auf, wonach der Massenmörder von Treblinka nicht Demjanjuk, sondern Marchenko hieß. Das oberste Gericht Israels sprach der Verurteilten frei. Demjanjuk durfte wieder in die USA zurückkehren. Im Jahr 2001 begann in den USA ein neuer Prozess gegen den NS-Verbrecher, weil neue Dokumente belegten, dass er als Wärter in den Vernichtungslagern Treblinka, Sobibor und Maidanek und auch im KZ Flossenburg tätig war. Drei Jahre später wurde Demjanjuk die US-Staatsbürgerschaft entzogen, weil er diesen Teil seiner Vergangenheit verschwiegen hatte; 2005 wurde seine Abschiebung in die Ukraine angeordnet. Demjanjuk klagte vor mehreren Gerichten gegen eine Abschiebung. Im vergangenen Jahr präsentierte die Zentrale Ermittlungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg ihre Fahndungsergebnisse. Weitere Einsprüche Demjanjuks gegen eine Überstellung nach Deutschlands verwarf die US-Justiz.
Der heute 89-Jährige war Soldat der Roten Armee; er geriet 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde dort als SS-Helfer angeworben. Nach 1945 lebte er zunächst in einem Lager für „Displaced Persons“ in Bayern und wanderte 1952 in die USA aus. Dort arbeitete er als Automechaniker und erhielt 1958 die amerikanische Staatsbürgerschaft.

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