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Deutschland/Welt Tatort in Chemnitz: Gericht verhandelt nachts in Döner-Imbiss
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Tatort in Chemnitz: Gericht verhandelt nachts in Döner-Imbiss
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11:30 13.06.2019
Nächtliche Tatortbegehung am Döner-Imbiss in Chemnitz. Quelle: imago images / Michael Trammer
Chemnitz

Nach zehn Minuten ist alles vorbei. Als Erste beugt sich die Vorsitzende Richterin Simone Herberger aus dem quadratischen Fenster des Döner-Imbisses, das sich neben dem Tresen öffnet. Danach folgen ihre Beisitzer, der Staatsanwalt, die Anwälte der Nebenklage.

Was sehen sie? Darum geht es bei diesem Vor-Ort-Termin im Chemnitzer „Alanya“-Grill in der Nacht zu Donnerstag. Er könnte entscheidend für den Fortgang des Prozesses gegen Alaa S. (23) sein. Dem Asylbewerber aus Syrien wird laut Anklage gemeinschaftlicher Totschlag an Daniel H. (35) vorgeworfen - und der Koch Younis Al N. (30) aus dem „Alanya“-Grill gilt als Hauptbelastungszeuge.

Gericht verhandelt in Chemnitzer Döner-Imbiss

Deshalb verlegt das Landgericht Chemnitz, das die Verhandlungen normalerweise in Sachsens einzigem Hochsicherheitssaal in Dresden führt, einen Verhandlungstag an den Ort des Geschehens und funktioniert den Döner-Grill kurzerhand zum Gerichtssaal um. Die tödliche Messerattacke traf Daniel H. am 26. August 2018 gegen 3.15 Uhr, bei sternklarer Nacht und Mondschein. In der Nacht zum Donnerstag kommt das Gericht – mitsamt dem Angeklagten Alaa S. – um 0.30 Uhr zusammen, der Himmel ist verhangen, es regnet große Tropfen. In genau 56 Meter Entfernung zu besagtem Fenster, aus dem der Döner-Koch die Tat beobachtet haben will, postieren sich fünf dunkel gekleidete Statisten.

An jener Stelle ist eine Gedenktafel in den Gehweg eingelassen, ein rotes Grablicht schimmert in der Nacht. Das Areal ist weiträumig von einem Großaufgebot der Polizei abgeriegelt. Zuschauer müssen durch eine Sicherheitskontrolle, werden aber nicht näher als 50 Meter an den Döner-Imbiss herangelassen. Zu groß ist die Angst vor Demonstrationen oder neuerlichen Übergriffen.

Gerichtssprecherin: „So etwas habe ich noch nicht erlebt“

„Das Gericht will sich selbst einen Eindruck machen, was der Zeuge gesehen haben kann“, erklärt Gerichtssprecherin Marika Lang. Es sollen „ungefähr die Lichtverhältnisse wie zur Tatzeit“ herrschen. Die Verteidigung von Alaa S. hatte kurz nach Prozessbeginn vor drei Monaten unter anderem ein Gutachten über die Lichtverhältnisse beantragt.

Nun wird die Szene, die sich nach den bisherigen Zeugenaussagen als „chaotisch“ oder wenigstens „unübersichtlich“ dargestellt haben soll, in der Nacht nachgezeichnet. Insgesamt sei ein solcher Vor-Ort-Termin im Strafrecht ungewöhnlich, meint Marika Lang: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Den Prozess bezeichnet die Gerichtssprecherin insgesamt als „nicht einfach“.

Auch die rechtsextreme Pro Chemnitz kommt zum nächtlichen Termin

Diese Einschätzung resultiert zum einen aus der auch in der Nacht zu Donnerstag großen Medienpräsenz: Der Tod von Daniel H. hatte im Spätsommer 2018 Ausschreitungen in Chemnitz ausgelöst - entsprechend ist das bundesweite Interesse. Bei dem ungewöhnlichen Gerichtstermin zeigt sich auch die vom Verfassungsschutz beobachtete rechtsextreme Bewegung Pro Chemnitz, verhält sich aber ruhig.

Manche Beobachter tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Gedenkstätte Daniel H.“. Die Mutter des Getöteten, die den Prozess als Nebenklägerin verfolgt, hatte von solchen Trauerbekundungen stets Abstand genommen. Auch zwei Dutzend Freunde und Bekannte des angeklagten Syrers sind als Zuschauer vor den Döner-Imbiss gekommen.

Hauptverdächtiger ist weiterhin auf der Flucht

Zum anderen spielt die Gerichtssprecherin offenbar auf die Beweislage im Prozess an, die selbst in sächsischen Justizkreisen als „dünn“ bezeichnet wird. Denn der als Hauptverdächtiger geltende Farhad A. (22) ist auf der Flucht und soll sich in den Irak abgesetzt haben. Nach ihm wird international gefahndet. Daneben ist ein weiterer Verdächtiger namens Said untergetaucht.

Bislang konnte keiner der Zeugen, die sich im Umfeld von Daniel H. aufgehalten hatten, Alaa S. wiedererkennen. Von ihm haben sich weder am mutmaßlichen Tatwerkzeug noch an der Kleidung des Getöteten DNA-Spuren finden lassen. Diese möglichen Indizien fallen für einen Schuldnachweis aus. Allerdings ist er in jener Nacht - offensichtlich flüchtend - von der Polizei aufgegriffen worden.

Koch ist der einzige Zeuge

Die Anklage basiert damit wesentlich auf den früheren Schilderungen des Döner-Kochs Younis Al N., der seine polizeilichen Aussagen allerdings teilweise widerrufen hat. Wegen möglicher Bedrohungen befindet sich der Libanese momentan in einem Zeugenschutzprogramm und ist bei dem nächtlichen Termin in seinem ehemaligen Imbiss nicht anwesend.

Rechtsanwältin Ricarda Lang, die Alaa S. verteidigt, hatte zuletzt die Glaubwürdigkeit des Zeugen angezweifelt: Nach einer zweiten, vierstündigen Vernehmung sagte sie, der Beweiswert tendiere „gegen null“. Schon zu Prozessbeginn im März hatte sie die Einstellung des Verfahrens gefordert.

Prozess dauert mindestens bis Ende Oktober

Tatsächlich macht der Vor-Ort-Termin allerdings klar: Selbst bei den eher ungünstigen Lichtverhältnissen, die in der Nacht zum Donnerstag in der Chemnitzer Brückenstraße herrschen, hätte sich die Schlägerei auch aus 56 Meter Entfernung wohl problemlos verfolgen lassen - zumal der Beschuldigte kurz zuvor in dem Döner-Imbiss gewesen ist.

Die Frage ist, ob und wie sich der Koch Younis Al N. an diese Augustnacht erinnert. Große Teile des auf zunächst 24 Verhandlungstage bis Ende Oktober angesetzten Prozesses werden sich nun darum drehen, ob seine ursprünglich zu Protokoll gegebenen Beobachtungen bewiesen werden können. In bisherigen Aussagen hatte sich Younis Al N. teilweise widersprochen. Aufgrund von Bedrohungen befindet er sich aktuell in einem Zeugenschutzprogramm.

Lesen Sie auch: Chemnitz-Prozess eröffnet mit „sehr dünner“ Beweislage

Von Andreas Debski/LVZ/RND

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