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Deutschland/Welt Merkel gegen türkische Gymnasien in Deutschland
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Merkel gegen türkische Gymnasien in Deutschland
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08:48 26.03.2010
„Von der Vorstellung, dass alle türkischen Schüler hier auf ein türkisches Gymnasium gehen sollen, halte ich nichts." Bundeskanzlerin Merkel.
„Von der Vorstellung, dass alle türkischen Schüler hier auf ein türkisches Gymnasium gehen sollen, halte ich nichts." Bundeskanzlerin Merkel. Quelle: dpa
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Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan betont gern, dass er sich als Vertreter aller Türken sieht – auch der rund drei Millionen Auslandstürken in Deutschland. Um die bei vielen Einwandererkindern vorhandenen Deutschdefizite zu beseitigen, hat Erdogan jetzt ausgerechnet die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland gefordert. „In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien. Warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben?“, fragte Erdogan in der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Man muss zunächst die eigene Sprache beherrschen, also Türkisch, und das ist leider selten der Fall“, sagte Erdogan.

Seine eigenwillige Logik: Türkisch können, um Deutsch zu lernen. Mit seinem Vorstoß rief Erdogan wenige Tage vor dem Türkeibesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel scharfe Kritik hervor – auch unter Deutschtürken.

Türkischstämmige Bundestagsabgeordnete sind erstaunt: „Türkische Migrantenkinder, die die Gymnasialreife erlangen, haben keine Sprachprobleme“, sagte die Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz dieser Zeitung. Das Hauptproblem liege dagegen bei den rund 20 Prozent, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Der Stader FDP-Bundestagsabgeordnete Serkan Tören bezweifelt, dass Erdogan den Auslandstürken in Deutschland einen Dienst erweist: „Vielmehr müssen wir Kinder aus Familien, in denen Türkisch gesprochen wird, viel früher an die deutsche Sprache heranführen.“

Die Hamburger SPD-Parlamentarierin Aydan Özoguz sagt: „Der Ruf nach türkischen Privatschulen ist legitim, allerdings ist bei solchen Elitegymnasien nicht davon auszugehen, dass sie Integrationsprobleme lösen.“ Kritik kam auch vom Vorsitzenden des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), und von Niedersachsens Ministerpräsident: „Schule darf kein Ort der Separation sein“, sagte Christian Wulff am Donnerstag.

Von Erdogans bildungspolitischen Vorstellungen hält auch Rakip Dumlu wenig. Dumlu ist Verwaltungsleiter des Privatgymnasiums VIB in Hannover, einer Schule in der Trägerschaft des deutsch-türkischen Vereins für Integration und Bildung. Der Migrantenanteil unter den rund 150 Schülern liegt bei 80 Prozent, unterrichtet wird aber auf Deutsch. „Für rein türkische Gymnasien ist es noch viel zu früh“, sagt Dumlu. „Erst einmal muss sich die türkische Gemeinschaft in der deutschen Gesellschaft etablieren.“ Das könne noch 20, 30 Jahre dauern. Bis dahin würden türkischsprachige Schulen die Gefahr bergen, die Kinder abzuschotten.

Die zuletzt häufigen Vorstöße Erdogans im vermeintlichen Interesse der Auslandstürken sorgen zunehmend für Unmut. „Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören“, sagt Alptekin Kirci, Vorsitzender der türkischen Gemeinde Niedersachsen. „Erdogan soll sich lieber um die Probleme in der Türkei kümmern.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist gegen türkische Gymnasien in Deutschland: „Das führt aus meiner Sicht nicht weiter, denn grundsätzlich sollten türkischstämmige Kinder und Jugendliche bei uns in deutsche Schulen gehen. Von der Vorstellung, dass alle türkischen Schüler hier auf ein türkisches Gymnasium gehen sollen, halte ich nichts“, sagt Merkel der „Passauer Neuen Presse“. Merkel besucht in der nächsten Woche Ankara.

Mit seiner Forderung stößt Erdogan weiterhin auf Kritik und Ablehnung auch bei Türken in Deutschland. „Wenn Erdogan damit sagen will, dass der Unterricht in solchen Gymnasien komplett auf Türkisch stattfinden soll, halten wir das für einen großen Fehler“, sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der Zeitung „Die Welt“ (Freitag). Zudem seien Erdogans Äußerungen, wonach Türken zunächst ihre Muttersprache beherrschen müssten, bevor sie Deutsch lernen könnten, schlicht falsch.

Von einem falschen Signal sprach der hessische Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP). Ziel müsse es sein, türkischstämmige Migranten rasch in die deutsche Gesellschaft einzugliedern. Durch Schulunterricht in Türkisch würden sie hingegen weiterhin abgesondert. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte der Münchner Zeitung „tz“ (Freitag), mit seinem Vorschlag habe Erdogan der Integration türkischer Bürgerinnen und Bürger in Deutschland einen „Bärendienst“ erwiesen. „Er demonstriert immer mehr einen neuen türkischen Imperialismus und Nationalismus, der für uns Deutsche unerträglich ist.“

Ähnlich äußerte sich der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. „Mir gefällt der nationale Ton überhaupt nicht“, sagte er der „Saarbrücker Zeitung“ (Freitag). Besser seien deutsch-türkische Schulen, an denen beide Sprachen gleichwertig nebeneinander gelehrt würden. Der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU- Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, sagte, nur wer die deutsche Sprache gut beherrsche, könne in der Schule und im Berufsleben erfolgreich sein und am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilhaben.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Krauss, hatte in der „Rheinischen Post“ (Freitag) nichts dagegen einzuwenden, dass Türkisch als zweite oder dritte Fremdsprache an deutschen Gymnasien gefördert wird, um die Sprachkompetenz der jungen Türken zu stärken. Aber klar sei, dass Deutschland von hier lebenden Türken, bei aller Rücksicht auf kulturelle Herkunft, nicht nur Integration, sondern auch Assimilation verlangen müsse.

Marina Kormbaki/dpa