Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland/Welt Memorial Day in Washington
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Memorial Day in Washington
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:13 30.05.2010
Von Stefan Koch
Drei Veteranen des Vietnamkrieges. Quelle: Stefan Koch
Anzeige

Das Dröhnen der unzähligen Motoren ist schon von weitem zu hören. Bullige Kerle in schwarzen Lederjacken und mit grauen Bärten fahren mit ihren schweren Harley-Davidson-Maschinen die M-Street hinauf. In gemächlichem Tempo biegen sie in die eine oder andere Nebenstraße ab, drehen kleinere Runden durch die engen Gassen von Georgetown, um dann wieder ein bisschen Gas zu geben und in Richtung Weißes Haus davonzuknattern. An diesem Wochenende bereiten die Jungs ihre große Parade in Washington vor: Am Montag ist Memorial Day. Der Tag, an dem Amerika seiner Kriegsopfer gedenkt.

Im ganzen Land legen Angehörige der Gefallenen, Bürgermeister und Gouverneure Kränze an den Gedenkstätten nieder. Eigentlich ein ruhiger Feiertag. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das Memorial-Wochenende in Washington zu einem der größten Biker-Treffen der USA entwickelt. Für diesen Montag werden eine Viertelmillion in der Hauptstadt erwartet. Die meisten von ihnen haben in Vietnam gekämpft. Doch mittlerweile sind auch diejenigen sehr präsent, die im Irak oder in Afghanistan im Einsatz standen. Ehemalige Kriegsteilnehmer, die sich zu Motorradgruppen zusammenschliessen: Manche wollen für die Rechte der Veteranen und Witwen streiten, andere suchen Gesprächspartner, die ähnliches erlebt haben. Und wieder andere suchen einfach nur eine Gruppe, mit der sie rund um den Memorial Day tagelang durchs weite Land fahren. So wie die Wisconsin Biker, die eine viertägige Anreise in Kauf nehmen, um auch in diesem Jahr ihre gefallenen Kameraden zu ehren.

Anzeige

Mike Taylor ist einer von den Jungs aus Wisconsin, die die Hälfte ihres Jahresurlaubs dafür nutzen, per Harley Davidson bis an den Potomac zu fahren. Zu den vielen Grauhaarigen zählt er nicht. Taylor ist etwa halb so alt wie die meisten Vietnam-Veteranen und nahm 2005 am Feldzug gegen das Regime von Saddam Hussein teil. Fünf Jahre war er bei der Army, davon ein Jahr im Irak. Die Wisconsin Biker hätten ihm dabei geholfen, dieses eine Jahr zu verarbeiten. "Das war eine schlimme Zeit", sagt Taylor. Der 30-Jährige trägt ein Tshirt mit dem Schriftzug "Top Gun". Ansonsten wirkt er mit seiner eher schmalen Gestalt und seinem etwas traurigen Blick so gar nicht wie ein Krieger.

Taylor lässt sich von seinen Nachbarn begleiten, einem älteren Ehepaar, das mehr Spaß am Motorradfahren hat als an alten Kriegsepisoden. Gleichwohl steht auf der Lederweste des Mannes "We support our Troops" - "Wir unterstützen unsere Truppen".

In den USA leben etwa 25 Millionen Veteranen. Viele von ihnen haben in Vietnam gedient, andere in Somalia, im Libanon, auf Grenada, in Panama, im Persischen Golf, im Irak oder in Afghanistan. Mehr als zwei Millionen Frauen und Männer sind zur Zeit für das US-Militär im Einsatz, davon etwa 90 000 im Irak und 95.000 in Afghanistan. Es ist erst wenige Wochen her, da meldete das Pentagon den 1000. Gefallenen am Hindukusch. Im Irak waren es mehr als 4000, in Vietnam fast 60.000. Ganz zu schweigen von den Verwundeten, sei es am Körper oder an der Seele.

Wohl alle Biker, die eigens zum Memorial-Wochenende nach Washington kommen, besuchen in diesen Tagen die Kriegsgräber in Arlington. Die zentrale Gedenkstätte in Sichtweite des Pentagons hat sich zu einer regelrechten Wallfahrtsstätte entwickelt, seit auch die Verstorbenen der Kennedy-Familie hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

300.000 Gräber reihen sich auf der sanften Anhöhe aneinander. Der Blick reicht über den Potomac weit nach Washington. Die weißen Marmorsteine stehen in Reih und Glied, mit Namen versehen und auf der Rückseite nummeriert. Von oben, von der Seite und sogar von der Diagonalen bildet das riesige Gräberfeld klare Linien. Eine Stätte des Patriotismus, an der sogar noch den Kämpfern des spanisch-amerikanischen Krieges gedacht wird. Daneben liegen unzählige Gefallene aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie aus dem Korea-Konflikt.

Mike Taylor aus Wisconsin gehört zu einer kleinen Gruppen von motorradfahrenden Veteranen, die nicht nur zum sogenannten Heldenfriedhof pilgern. Taylor will auch einen kurzen Abstecher in das Walter Reed Militärkrankenhaus am Stadtrand von Washington machen. Ein guter Freund, der Anfang des Jahres aus dem Irak zurückkehrte, werde in diesem Krankenhaus zur Zeit behandelt, das als eines der besten in den USA gilt. Äußerlich habe der Kamerad den gefährlichen Einsatz im Zweistromland gut überstanden. Aber wie so viele Soldaten leide er an posttraumatischen Störungen. Taylor erzählt, dass für seinen Freund die Rückkehr in die Normalität enorm schwer falle. Im Irak sei er darauf trainiert worden, selbst in einem abgelegten Müllsack am Straßenrand eine Gefahr zu wittern. Ständig musste er wachsam sein. Die Angst, immer und überall Opfer eines Sprengstoffanschlags werden zu können, habe ihn später halb wahnsinnig werden lassen.

Taylors Nachbarn, die ihn auf seiner Reise in das Memorial-Wochenende an die Ostküste begleiten, kennen diese Geschichte. Mehrfach habe ihnen Taylor von seinem Freund und dessen psychischen Störungen erzählt. "Damals, vor fünf Jahren, hat Mike Taylor den Krieg einigermaßen gut überstanden", sagt die Nachbarin. "Aber so richtig losgelassen hat er ihn bis heute nicht."