Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland/Welt McAllister: Atomlager auch im Süden
Nachrichten Politik Deutschland/Welt McAllister: Atomlager auch im Süden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:44 03.11.2010
Im Zwischenlager Gorleben ist noch  Platz für weitere Castor-Behälter. Unter der Erde wird ein mögliches Endlager für Atommüll erkundet.
Im Zwischenlager Gorleben ist noch Platz für weitere Castor-Behälter. Unter der Erde wird ein mögliches Endlager für Atommüll erkundet. Quelle: dpa
Anzeige

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister unterstrich am Mittwoch, die Erkundung in Gorleben sei „ergebnisoffen": „Sollte der Standort Gorleben nicht für ein Endlager geeignet sein, müsste der Staat spätestens dann nach Alternativen suchen. Und zwar deutschlandweit und damit auch in anderen Bundesländern“, sagte McAllister der HAZ. „Dann erwarte ich auch konstruktive Vorschläge aus allen Teilen der Republik – auch aus dem Süden“, fügte er hinzu.

McAllister reagierte damit indirekt auf den Vizechef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Max Straubinger. Dieser hatte das „Ergebnisoffene“ an der Erkundung in Gorleben mit den Worten zurückgewiesen: „Keine Diskussion über alternative Standorte, sonst zünden wir die ganze Republik an.“ Wie verärgert in Norddeutschland auf derlei Ratschläge aus Bayern geantwortet wird, zeigt auch die Veranstaltung des Haus- und Grundeigentümerverbandes, in der Ministerpräsident McAllister jetzt deutlich und unter dem Beifall der Anwesenden erklärt hatte, dass im Fall der Nichteignung von Gorleben auch die Bayern mit Standortvorschlägen für ein Endlager gefordert seien. Auch Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) vertritt diese Meinung: „Sollte sich herausstellen, dass Gorleben ungeeignet ist, kommt in Niedersachsen kein anderer Endlagerstandort infrage“, sagte er der HAZ.

McAllister bewegt sich auf einer Linie mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen, der erst am Dienstag unmissverständlich von der Möglichkeit gesprochen hatte, dass Gorleben eventuell nicht als Standort in Betracht käme. Da sind zum einen die geologischen Fragen, die sich um die Sicherheit des Salzgesteins und um die mögliche Bildung explosiver Gase in Gorleben drehen, zum anderen aber auch die rechtlichen Komponenten. Womöglich müsste der Bund die Salzrechte von Grundeigentümern – unter anderem evangelische Kirchengemeinden – enteignen, um genügend Flächen für den atomaren Abfall zu bekommen.

Derweil gerät Deutschland in der Endlagerfrage unter verschärften Druck aus Brüssel. EU-Energiekommissar Günther Oettinger, früherer Ministerpräsident von Baden-Württemberg, forderte am Mittwoch von den EU-Mitgliedsstaaten bis spätestens 2015 konkrete Pläne für die Entsorgung von atomarem Müll. Der Export des Abfalls aus Atomkraftwerken in außereuropäische Länder soll jedoch verboten werden. Genau das regte der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber am Mittwochabend in der ARD an. „Wenn Gorleben am Ende der Prüfung nicht in Betracht kommen kann, dann sind alle aufgefordert, eine Alternative zu suchen“, sagte der CSU-Politiker. „Internationale Lösungen“ dürfe man nie ausschließen.

Der Castor rollt an – die Route ist Geheimsache

Der Castor macht sich auf den Weg – die Gegner machen mobil. Die Atomkraftkritiker rechnen mit einer Rekordbeteiligung von rund 30.000 Demonstranten bei der Großkundgebung am Sonnabend in Dannenberg im Wendland. Doch zunächst muss der Zug mit den elf Atommüllbehältern den weiten Weg von der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague in der Normandie bis ins Wendland überstehen. Auf der rund 1000 Kilometer langen Route sind Gleisbesetzungen und andere Protestaktionen geplant.

Schon in der vergangenen Woche wurde damit begonnen, die Behälter mit dem verglasten atomaren Abfall aus der Atomfabrik La Hague per Lkw zum Verladebahnhof des Atomkonzerns Areva in Valognes rund 30 Kilometer südöstlich von La Hague zu befördern. Die letzten verließen gestern die Wiederaufarbeitungsanlage, wie Greenpeace-Atomexperte Yannick Rousselet berichtete. In drei Speziallastwagen wurden sie nach Valognes gebracht.
Voraussichtlich am Freitag gegen 14.20 Uhr soll der Castor-Zug von Valognes aus starten. Am Sonnabend soll er um die Mittagszeit die deutsch-französische Grenze überqueren und am Sonntag im Wendland eintreffen – sofern alles glatt läuft. Welche Strecken der Zug nehmen wird, ist Geheimsache. „Das gleicht dem Blick in eine Kristallkugel“, sagt Luise Neumann-Cosel von der Anti-Atom-Initiative „x-tausendmal-quer“.

Die Castor-Gegner orientieren sich an den bislang genutzten Routen, die sie minutiös aufgezeichnet haben. Danach kommen für den Grenzübergang drei Orte infrage: das baden-württembergische Kehl, das elsässische Lauterbourg sowie Forbach in Lothringen. Von der Grenze an gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Atommüll nach Norddeutschland zu bringen. Der Zug kann eine westliche Route über Frankfurt, Marburg nach Kassel und weiter nach Hannover und Lüneburg nehmen. Er könnte aber auch weiter östlich über Würzburg, Fulda, Göttingen nach Lüneburg fahren. Ob der Transport Hannover passiert, ist unklar. Eine Variante wäre, über Minden, Nienburg, Verden nach Lüneburg zu fahren. Von Lüneburg aus bleibt dann nur noch eine Strecke bis Dannenberg. Dieser Abschnitt ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt.

Schon in der Südpfalz soll es eine große Blockadeaktion geben. Mehr als 40 Anti-Atomkraft-Initiativen haben für Sonnabend zu einer Kundgebung in der Gemeinde Berg nahe der Grenze zu Frankreich aufgerufen. Die Veranstalter rechnen mit einer vierstelligen Teilnehmerzahl. Brisanter könnten die letzten 53 Kilometer von Lüneburg bis Dannenberg werden. Eine Initiative hat dazu aufgerufen, das Gleisbett zu „schottern“, also Steine unter den Schienen zu entfernen, um den 2500 Tonnen schweren Zug so aufzuhalten. Die Polizei wertet dies als Straftat.

In Dannenberg muss der Atommüll wieder auf Tieflader umgeladen werden. Entlang der rund 20 Kilometer langen Strecke zum Zwischenlager – zwei Routen sind möglich – sind mehr als 60 Camps, Demonstrationen und Mahnwachen angemeldet.
Der Leiter des Einsatzes, der Lüneburger Polizeipräsident Friedrich Niehörster, bleibt gelassen. Er rechnet nicht mit schweren Krawallen im Wendland. Unter den Demonstranten seien weniger als ein Prozent gewaltbereite Autonome, schätzt er. Die Schotterer-Gruppe will die Polizei aber besonders im Auge behalten. Entlang der Transportstrecke gilt eine Verbotszone von 50 Metern. Auch mögliche Brandanschläge machen den Sicherheitskräften Sorgen. Ein Feuer in der Berliner S-Bahn in dieser Woche geht wahrscheinlich auf Atomkraftgegner zurück.

Mehr als 16.000 Polizisten aus fast allen Bundesländern sollen den Transport sichern. Die Polizei will notfalls mit Wasserwerfern gegen Störer vorgehen, was die Atomkraftgegnern empört. Bei Protesten gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ waren Demonstranten durch Wasserwerfer kürzlich verletzt worden.

Ziel der Atomkraftgegner ist es, mit ihren Aktionen die Ankunft des Castor-Zuges zu verzögern. Die Castor-Behälter seien ein Symbol für die Gefahren der Atomkraft und für eine verfehlte Atompolitik der Bundesregierung. „Darauf wollen wir aufmerksam machen“, erklärt „x-tausendmal-quer“-Sprecherin Cosel. Es ist uns klar, dass wir den Zug nicht aufhalten können. Jochen Stay von der bundesweiten Initiative „ausgestrahlt“ betont: „Es soll keine Aktion geben, die Menschen gefährdet.“ Allerdings sind Schienenblockaden nicht ungefährlich. 2004 war ein junger französischer Demonstrant, der sich an den Gleisen angekettet hatte, bei Avricourt von einem Castor-Zug überrollt worden.

An der Rücknahme des Atommülls aus der Wiederaufarbeitung führt kein Weg vorbei. Deutschland hat darüber völkerrechtlich bindende Verträge mit Frankreich abgeschlossen. Elf solcher Transporte sind seit 2005 durchgeführt worden, jetzt ist der vorletzte im Anrollen.Der Zug ist mit zehn Castor- und einem französischen Behälter des Typs TN85 beladen, die mit jeweils 28 Glaskokillen bestückt sind. Im kommenden Jahr werden noch elf Castor-Behälter aus La Hague erwartet, 2014 weitere 21 Behälter aus der Wiederaufarbeitung in Großbritannien. Mehr Müll dieser Art fällt nicht an, weil Deutschland zur direkten Endlagerung der abgebrannten Brennstäbe übergegangen ist.

Weil der Abfall stärker strahlt als bei früheren Transporten, benutzt die Atomwirtschaft einen neuen Behältertyp. An dessen Außenhaut soll die Strahlung nach Angaben der Industrie nicht höher sein als bei früheren Transporten. Angaben, denen Greenpeace widerspricht. Damit in Gorleben nicht weiterhin Sachzwänge geschaffen werden, forderten die Umweltschützer gestern die Bundesregierung auf, die Behälter nicht länger nach Gorleben zu bringen, sondern im Zwischenlager des grenznahen Atomkraftwerks Philippsburg in Baden-Württemberg unterzubringen.

Margit Kautenburger und Klaus Wallbaum

Deutschland/Welt Nach versuchtem Bombenanschlag - Sparen zulasten der Sicherheit?
03.11.2010
03.11.2010