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Deutschland/Welt Macron beschwört Europa und fordert Merkel heraus
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Macron beschwört Europa und fordert Merkel heraus
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17:58 18.11.2018
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach seiner Rede mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Nähe täuscht. Quelle: Michael Kappeler/dpa
Berlin

Am Schluss schritt Emmanuel Macron die führenden Repräsentanten des deutschen Staates ab. Er gab Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundesratspräsident Daniel Günther und Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle die Hand. Nur Kanzlerin Angela Merkel gab der französische Präsident nach Landessitte zwei Wangenküsse – oder sie ihm. Dabei dürfte sich die Kanzlerin zuvor über Macron geärgert haben.

Denn das 40-jährige Oberhaupt der Republik Frankreich hatte im Parlament anlässlich des Volkstrauertages soeben eine Rede gehalten. Doch statt es wie sonst bei derlei Gelegenheiten bei eher wolkigen Ausführungen zu belassen, denen alle zustimmen können und die niemandem wehtun, hielt der Gast eine eminent politische Rede – genauer: ein flammendes Plädoyer für den alten Kontinent, das indirekt auf Merkel gemünzt war. Er nutzte den Volkstrauertag als Chance.

Tatsächlich absolvierte Macron aus diesem Anlass und 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ein ganztägiges Programm. So legte er auf einem Jüdischen Friedhof einen Kranz nieder – und später einen zweiten in der Neuen Wache, der Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Am späten Nachtmittag war ein Treffen mit Merkel im Kanzleramt vorgesehen. Dazwischen trat Macron zweimal mit öffentlichen Worten in Erscheinung – Worten, die es in sich hatten.

Macron an die Jugend: „Schafft ein offenes, ehrgeiziges Europa

Vormittags fand eine Begegnung mit 500 jungen Menschen aus 48 Ländern in Europa, Afrika und dem Nahen Osten statt. Sie hatten in den vergangenen Tagen zum Thema „Youth for Peace - 100 Jahre Erster Weltkrieg, 100 Ideen für den Frieden“ darüber diskutiert, wie der Frieden in einer unruhigeren Welt gesichert werden und wie der Zusammenhalt gestärkt werden kann. „Wir befinden uns an einem sehr wichtigen Zeitpunkt unserer Geschichte“, sagte Macron bei dieser Gelegenheit. „Eine Jugend kann nur die Zukunft aufbauen, wenn sie die Vergangenheit kennt“, fuhr er fort. Sonst gebe es das Risiko, Fehler zu wiederholen. „Schafft ein offenes, ehrgeiziges Europa“, rief Macron den Jugendlichen zu.

Steinmeier erklärte bei derselben Gelegenheit, es gehe darum zu, das Versprechen „Nie wieder Krieg“ zu erneuern. „Es braucht vor allem frische Ideen.“ Aus der Geschichte müsse man lernen, um neue Missverständnisse zu vermeiden. „Das war in Europa schon mal einfacher.“ Das mit den „frischen Ideen“ darf durchaus als Unterstützung des Kollegen aus Paris gewertet werden.

„Mehr Tote, als Zuschauer im Stadion“

Am frühen Nachmittag trat Macron schließlich in einem voll besetzten Plenarsaal auf, in dem Blumen drapiert waren, große Kreuze standen im Gedenken an die Toten und Nachwuchsfußballer unter anderem von Schalke 04, Hertha BSC, dem FC Liverpool und dem FC Brügge Briefe und Lebensschicksale von ehemaligen Fußballern ihrer Vereine vorlasen, die als Soldaten gestorben waren. Ein Fußballer von Hertha BSC sagte: „Wir haben Friedhöfe besucht, auf denen mehr Tote liegen, als Zuschauer in unser Stadion passen.“

Hier, im Parlament, mahnte der Präsident, die gemeinsame Aufgabe und Verantwortung Deutschlands und Frankreichs bestehe darin, „die Welt nicht ins Chaos abdriften zu lassen. Das schulden wir Europa.“ Auch der Klimawandel, Handelskonflikte und andere Herausforderungen müssten gemeistert werden. Immerhin wünschten sich alle eine faire Weltordnung. Macron betonte: „Wir werden gemeinsam ein neues Kapitel in der Geschichte Europas aufschlagen; da bin ich mir sicher.“ Im Übrigen bedankte er sich, an diesem Tag überhaupt im Bundestag sprechen zu dürfen. Das sei ein großes Signal der Versöhnung. „Unsere Gemeinsamkeiten sind stärker als unsere Unterschiede.“ Er schloss mit den Worten: „Es lebe Frankreich. Es lebe die Bundesrepublik. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft. Es lebe Europa.“

Macrons Worte in Richtung Merkel

Während Steinmeier anschließend vom Rednerpult aus der Toten gedachte, war eine Rede Merkels im Protokoll nicht vorgesehen. Freilich dürften sich Macrons Worte nicht zuletzt an sie gerichtet haben. Die Kanzlerin hatte nämlich zwar erst unlängst eine Rede vor dem Europaparlament gehalten und sich dabei grundsätzlich für die Schaffung einer europäischen Armee ausgesprochen. Macrons Forderungen nach einem gemeinsamen Haushalt der Europäischen Union und einem europäischen Finanzminister griff sie jedoch nicht auf. Auch machte Merkel in Strasbourg keine eigenen Vorschläge. Es heißt, Macron sei europapolitisch zunehmend enttäuscht von ihr. Das dürfte so weiter gehen. Bei der Suche nach einem Präsidenten für die nächste EU-Kommission unterstützen die beiden unterschiedliche Kandidaten mit unterschiedlichen Konzepten. Nein, Deutschland und Frankreich ziehen nicht an einem Strang, jedenfalls nicht in der Europafrage.

Ob Macrons Aufritt am Sonntag bei der deutschen Regierungschefin Wirkung gezeigt, bleibt einstweilen offen. Gewiss ist: Als Emmanuel Macron mit seiner Rede fertig war, da erhoben sich die Hörer im Saal zum Applaus. Und Angela Merkel blieb nichts anderes übrig, als mit zu applaudieren.

Von Markus Decker/RND

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