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Deutschland/Welt Männliche Nutztiere: Geboren, um direkt wieder zu sterben
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22:54 12.06.2019
Wenige Tage alte Küken stehen in einem Hähnchenmastbetrieb Quelle: Jens Büttner/ZB/dpa
Hannover

Die Tiere, die es eigentlich nicht geben dürfte, sitzen zu Dutzenden auf den hölzernen Stangen im Stall, dicht an dicht und ziemlich genau so flatterhaft, wie es sich für einen Hahn in der Pubertät gehört. Ein Schritt von Landwirt Carsten Bauck auf die Tiere zu, schon stieben sie in alle Richtungen davon. Bauck, von kräftiger Gestalt, schwarzes Hemd, abgeschnittene Jeans, kann sich mit raschem Griff eines packen, dann hält er es hoch und schaut es an.

„Und ihr werdet normalerweise weggeschmissen“, sagt er dann. „Ist das ätzend?“

Es ist eine rhetorische Frage. Natürlich ist das ätzend. Da sind sich auch alle einig. Ökobauern, konventionelle Bauern, Tierschützer, Politik, keiner widerspricht.

Die Frage ist nur, ob es auch so ätzend ist, dass es sofort verboten werden muss – und kann. Da hört die Einigkeit dann sehr schnell auf.

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Die Bundesverwaltungsrichter müssen wichtige Fragen klären

Deshalb muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig an diesem Donnerstag eine hochumstrittene Frage klären. Es geht um 45 Millionen männliche Küken, die in Deutschland pro Jahr kurz nach dem Schlüpfen getötet, in der Regel geschreddert werden, weil sich mit ihnen kein Geld verdienen lässt. In ihrem Urteil werden die Richter Antworten auf die Frage finden müssen, inwieweit sich der Tierschutz hintanstellen muss, wenn es um die Wirtschaftlichkeit geht. Geld gegen Tierwohl, Tierleben gar, das ist die Grundsatzfrage, um die es in Leipzig geht. Und ganz nebenbei wird das Urteil auch ein Schlaglicht darauf werfen, dass bei all den Fortschritten in der Landwirtschaft ein Geschlecht immer mehr zum Ausschuss, mindestens aber zum Pro­blemfall geworden ist.

Küken schreddern? Richter entscheiden heute

Das Bundesverwaltungsgericht wird am heutigen Donnerstag ein Grundsatzurteil zur Rechtmäßigkeit des millionenfachen Tötens männlicher Küken fällen. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte 2013 den Brütereien die umstrittene Praxis untersagen wollen. Dagegen klagten zwei Betriebe und bekamen in den Vorinstanzen recht.

Die Bundesrichter müssen in ihrem Urteil darlegen, ob das Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Das besagt in Paragraf 1, dass niemand einem Tier „ohne vernünftigen Grund“ Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Das damals rot-grün regierte Nordrhein-Westfalen nahm 2013 darauf Bezug und wollte das Kükentöten per Erlass verbieten lassen. Zwei Brütereien klagten dagegen. Die Bundesrichter warfen in der mündlichen Verhandlung ausführlich die Frage auf, welches Gewicht Tierschutzbelange und die Interessen der Geflügelbranche jeweils haben.

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster gab 2016 den Brütereien Recht. Für das Töten der Küken gebe es einen vernünftigen Grund. Das OVG kam es zu dem Schluss, dass die wirtschaftlichen Bedingungen der Brütereien das Kükentöten rechtfertigten. Das Bundesverwaltungsgericht prüft die OVG-Urteile.

Der Bauckhof in Klein Süstedt bei Uelzen, am Rand der Lüneburger Heide, einer der ältesten Demeter-Höfe der Republik, an einem sonnigen Junitag. Vor dem Stall scharren Hähne auf dem Boden, zwei liefern sich ein aufgeregt-pubertäres Kämpfchen, andere tasten sich langsam bis zur Obstbaumplantage mit ihren schützenden Zweigen vor. Es sind stattliche weiße Tiere, die nur einen einzigen Makel haben: Sie sind jetzt 21 Wochen alt. Eine Woche noch bis zur Schlachtung. Aber Fleisch auf der Brust, das also, was sich als pralles, schieres Stück in Kühlregalen oder Fleischtheken anbieten ließe, sucht man bei ihnen fast vergebens. Fehlanzeige.

„Lass sie doch ineffizient sein“, sagt Carsten Bauck und blickt auf seine Tiere, „aber wenigstens leben sie.“

„Lass sie doch ineffizient sein“: Carsten Bauck, Demeter-Landwirt in Klein Süstedt, hat die Bruderhahn-Initiative mitbegründet. Quelle: Thorsten Fuchs

Dass seine Hähne nicht im Schredder gelandet sind, verdanken sie einer Initiative, die Bauck 2012 mitangestoßen hat: die Bruderhahn-Initiative. Die Idee war, die Aufzucht der männlichen Küken über einen Aufpreis auf die Eier mitzufinanzieren. 4 Cent zahlen Verbraucher deshalb zusätzlich, wenn sie Eier der Initiative kaufen – damit die Hähne leben können. Es ist ein erfolgreiches Projekt, 34 Höfe sind inzwischen bei der Bruderhahn-Initiative dabei, es gibt Nachahmer wie Ei Care, auch Supermarktketten haben ähnliche Linien im Programm.

Romantisches Projekt: Ein paar Cent für die Rettung des Hahns

Es ist ein fast romantisches Projekt: ein paar Cent für die Rettung des Hahns. Bauck verkauft das Bruderhahn-Fleisch auch, das kräftiger schmeckt als das von Masthähnchen. Aber es ist eine Art Gnadenhof für Hähnchen. Nur kommt man mit Romantik auch in der Ökolandwirtschaft nicht weit. Bauck weiß das. Er kennt die Rechnungen. 1,4 Kilogramm Futter brauchen konventionelle Hühner, um ein Kilogramm Gewicht zuzulegen. Baucks Demeter-Hühner brauchen 2,9 Kilogramm – die Bruderhähne aber 5,5. Viel Aufwand, viel Energie für wenig Ertrag.

„Das macht wirtschaftlich keinen Sinn, es macht ökologisch keinen Sinn, und es blockiert Ställe“, sagt Bauck. Die Hähne, so erklärt er es heute, sollten für ihn nur ein Pro­blem sichtbar machen. Einen politischen Anstoß geben. Die Lösung, so sieht er es heute, liege woanders, und sie müsse grundsätzlicher sein.

Viel Aufwand, viel Energie für wenig Ertrag: Hühner und Hähne auf dem Demeter-Hof. Quelle: Thorsten Fuchs

Tatsächlich ist das Problem der getöteten Küken ja das Ergebnis eines gewaltigen Erfolgs. Die Zucht hat in den vergangenen Jahrzehnten immer effizientere Rassen hervorgebracht, Hochleistungstiere in ihrer jeweiligen Disziplin. Um 1960 legten Hennen im Jahr 130 Eier. Heute sind es 300. Eine Kuh gab im Jahr 1960 im Schnitt 4000 Liter Milch. Heute ist es mehr als das doppelte. Fleisch setzen diese Tiere aber kaum noch an, dafür sind jetzt andere Rassen zuständig.

Das macht es für die Männer tragisch. Nicht nur bei den Hühnern.

Das Leiden der Bullenkälber

Er freue sich über jedes Kalb gleich, versichert Peter Habbena, Landwirt im niedersächsischen Krummhörn und Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Milchviehhalter. „Ich empfinde jede Geburt als ein Riesengeschenk.“ Es wäre allerdings verständlich, wenn nach dem Blick aufs Geschlecht bei jedem Landwirt in 50 Prozent der Fälle eine gewisse Ernüchterung einsetzte. Denn Habbena sagt auch: „Ein Bullenkalb ist für uns ein Minusgeschäft.“

Dass es so viele Kälber gibt, liegt an unserer Liebe zur Milch. Um permanent Milch zu produzieren, müssen Kühe jedes Jahr ein Kalb bekommen, das dann kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt wird. Die weiblichen Kälber können zu neuen Milchkühen herangezogen werden. Und die männlichen? Sind übrig. Nach 14 Tagen Aufzucht ein Fall für den Händler, der dafür kaum etwas bezahlt.

Es gab deshalb in der Vergangenheit immer wieder schwerwiegenden Verdacht: dass mancher Landwirt sich den letzten Ehrgeiz spart, wenn ein Bullenkalb krank ist – und zumindest auf den zweiten Tierarztbesuch lieber verzichtet. „Ein Bullenkalb? Krank? Lass gut sein.“ Das wäre das Motto. Pech für die Männer.

Es gibt keine Statistik, die diesen Verdacht belegt. Es gibt auch Argumente dagegen. Die Verbundenheit der allermeisten Landwirte mit ihren Tieren. „Ich würde nie ein Bullenkalb stiefmütterlich behandeln“, sagt Habbena. Zudem gefährde ein krankes Tier immer den ganzen Bestand.

Aber es gibt zumindest einen Mechanismus, der die Trauer über einen frühen Tod in Grenzen halten wird. „Wenn der finanzielle Druck steigt, wird der Tierschutz nicht besser“, sagt Kirsten Wosnitza vom Bund Deutscher Milchviehhalter in Schleswig-Holstein. Michael Drees, Tierarzt in Worpswede und im Vorstand der Landestierärztekammer, kennt einen Zusammenhang von Kälberpreis und medizinischem Ehrgeiz der Bauern aus eigener Anschauung – besonders deutlich vor vier Jahren, als die Preise im Keller waren. „Mit einer gewissen Todesrate konnte da mancher ganz gut leben“, sagt er. Inzwischen, dank besserer Preise, sei es wieder anders. Aber für wie lange?

Bauern können Sperma von Bullen kaufen, mit denen ihre Kühe nur noch weiblichen Nachwuchs bekommen. Keine Jungs mehr. Das gilt als Lösung. Teuer, aber machbar. Drees sieht das kritisch. Dann würde der Preis für die weiblichen Kälber fallen, befürchtet er. „Wir werden den Tierbestand reduzieren müssen“, sagt er. Es wäre folgerichtig. Populär ist es derzeit nicht.

Der Geruch der Eber

Eber (männlich). Landwirtschaftlicher Nutzen: Eingeschränkt. Quelle: Ingo Wagner/dpa

Bei den Schweinen ist nicht die Zucht das Problem. Es ist etwas anderes. Eber stinken. Nicht alle, aber 5 Prozent, sobald sie geschlechtsreif sind. Ihr Fleisch will niemand essen.

Deshalb werden 20 Millionen männliche Ferkel im Jahr in Deutschland einer schmerzhaften Prozedur unterzogen: Ein Schnitt mit dem Skalpell, dann reißt der Landwirt die Hoden des Ferkels heraus. Seit 2013 ist die Kastration ohne Betäubung schon verboten, Ende vergangenen Jahres hat der Bundestag den Bauern aber noch eine zweijährige Übergangsfrist gewährt.

So lange müssen die männlichen Ferkel weiter leiden.

Die Bauern wollen selbst ihren Ferkeln das Leid der Kastration ohne Betäubung ersparen. Ihnen kommt daher entgegen, was der Bundestag noch diesen Monat beschließen will, den Bauern zu erlauben, die Ferkel mit dem Gas Isofluran zu betäuben und sie dann zu kastrieren.

Ist das dann die Lösung für die männlichen Tiere? Professorin Kemper von der Tierärztlichen Hochschule Hannover sieht das kritisch. Eine solche Narkose ist bislang Sache des Tierarztes – „aus gutem Grund“, betont sie. Korrekte Dosierung und der Umgang mit Komplikationen seien in einem Lehrgang kaum zu erlernen. „Am besten wäre es, wenn man die Tiere intakt lässt“, sagt sie. Wenn man sie also impfen würde, was möglich ist. Oder wenn man sie vor der Geschlechtsreife schlachtet, mit geringerem Gewicht.

Aber dazu ist etwas anderes nötig: ein Umdenken in der Fleischindustrie. Und bei den Verbrauchern,, die wohl höhere Preise akzeptieren müssten – was bislang nicht zu erkennen ist.

Hühner: Zurück in die Zukunft?

Küken (männlich). Landwirtschaftlicher Nutzen: Unbrauchbar Quelle: Bernd Wüstneck/zb/dpa

Das Kükentöten soll enden. Das wollen auch die Geflügelzüchter. „Es gilt das klare Bekenntnis der Branche zum Ausstieg aus dem aktuell weltweit praktizierten Kükentöten, sobald eine praxistaugliche Alternative vorliegt“, schreibt der Zentralverband der Geflügelzüchter. (Lesen Sie hier das Interview mit dem Chef der Geflügelwirtschaft) Die „praxistaugliche Alternative“, das wäre ein Verfahren, um vor dem Schlüpfen das Geschlecht zu bestimmen. Die Technik gibt es im Prinzip schon, neun Tage muss ein Ei dazu bebrütet werden, dann geht es. Eier mit männlichen Embryos würden dann entsorgt. Ein Schwangerschaftsabbruch beim Huhn.

Neun Tage? Carsten Bauck holt sein Handy hervor, er zeigt einen Film, ein pochendes Wesen in einem Ei, mit Adern. „Ein Hühnerembryo am neunten Tag“, sagt er. „Wir sollten nicht anfangen zu diskutieren, wann Leben beginnt.“

Seine Lösung ist eine andere. Gemeinsam mit anderen Höfen züchten sie jetzt an einem neuen Huhn. Eines, das so ist wie die alten. Eines, das beides kann: Fleisch ansetzen und Eier legen, nur nicht mehr ganz so gut. Das hätte Folgen: Das Fleisch würde anders schmecken, intensiver. Und im Winter würden die Hühner weniger Eier legen, weil sie das von Natur aus erst wieder im Frühjahr tun. Weshalb sich Kinder tatsächlich mal über Eier zu Ostern freuten, weil es vorher keine gab, wie Bauck fasziniert betont.

„Wir waren ja bei der Hühnerzucht schon mal viel weiter“, sagt Bauck. Vor 60, 70 Jahren, meint er. Da stand es um die Gleichberechtigung tatsächlich schon mal besser. Jedenfalls bei den Hühnern.

Ist das Ökospinnerei? Die Initiative ist nicht die einzige, die sich derzeit für das sogenannte Zweinutzungshuhn interessiert. Die Tierärztliche Hochschule Hannover hatte ein dreieinhalbjähriges Forschungsprojekt dazu. „Aus Tierschutzsicht“, sagt Professorin Silke Rautenschlein, „ist das die beste Lösung.“ Mehr Frieden im Stall, kein Federpicken, bestens.

Sie haben bei dem Projekt allerdings auch nach der Bereitschaft der Verbraucher gefragt, ob sie das Fleisch dieser Hühner kaufen würden. Ergebnis: 16 Prozent würden es tun. Nur 16 Prozent, muss man wohl sagen.

Es klingt, als müssten sich die männlichen Hühner zumindest fürs Erste noch auf harte Zeiten einstellen.

Von Thorsten Fuchs

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