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Deutschland/Welt Kriegsverbrecherprozess vor dem Abschluss
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Kriegsverbrecherprozess vor dem Abschluss
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17:43 22.07.2009
Der ehemalige Wehrmachtsleutnant Josef S. sitzt in München in einem Saal des Landgerichts. (Archivbild) Quelle: Oliver Lang/ddp
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Bereits vergangene Woche hatte ein ehemaliger Mitarbeiter des Schreinereibetriebs von Josef S., Eugen Sch., den 90-jährigen Angeklagten schwer belastet. Er gab an, Josef S. habe sich in seinem Beisein mit der Tötung von Zivilisten in Italien gebrüstet, „so nach dem Motto, wir waren halt noch richtige Kerle“.

Einer von fünf weiteren Zeugen, die am Mittwoch vor dem Münchner Landgericht gehört wurden, auch er ein ehemaliger Angestellter der Schreinerei, bezeichnete diese Aussage von Eugen Sch. nun als „Vergeltungsschlag aus Rache“, weil dieser damals entlassen worden sei.

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Zwar bestätigten er und die anderen Zeugen durchaus, Josef S. habe immer wieder einmal die Kriegsereignisse in Italien erwähnt und „erzählt, sie haben damals Brücken gesprengt und Brunnen kaputt gemacht“. Jedoch habe er sich nie näher zu dem für die Verhandlung zentralen toskanischen Ort Falzano di Cortona und die angebliche Tötung von Zivilisten dort geäußert.

Laut Anklage soll Josef S. im Juni 1944 einen Rachemord an 14 Italienern nach einem Partisanen-Überfall auf drei deutsche Soldaten mitorganisiert haben. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe allerdings. Der Staatsanwaltschaft zufolge sollen Wehrmachtssoldaten auf der Suche nach Partisanen zunächst vier Menschen erschossen haben. Außerdem sollen sie elf weitere Italiener in ein Bauernhaus getrieben, dieses verriegelt und mit Dynamit in die Luft gesprengt haben. Nur ein damals 15-jähriger Jugendlicher überlebte das Massaker.

Bevor Staatsanwalt Thomas Steinkrauss-Koch auf der Grundlage der neuen Aussagen sein Plädoyer erneuern konnte, erhob sich Rainer Thesen, einer der drei Anwälte des Angeklagten. Er übergab dem Staatsanwalt ein Blatt Papier mit dem Hinweis, er erstatte Strafanzeige wegen Falschaussage gegen den Zeugen Eugen Sch. und bitte darum, diese „an die richtige Stelle weiterzuleiten“.

Dennoch betrachtet die Staatsanwaltschaft die Aussagen der zuletzt gehörten Zeugen als „Mosaiksteine zu einem Gesamtgebilde“ und sieht auch die Anklage dadurch bestätigt. Steinkrauss-Koch wiederholte daher seine Forderung von lebenslanger Haft für Josef S. wegen 14-fachen Mordes in Mittäterschaft.

Nach Einschätzung der Verteidiger des Angeklagten haben die Aussagen der Zeugen dagegen lediglich gezeigt, „dass sich einfach nicht mehr aufklären lässt, was 1944 passiert ist“. Das Verfahren habe keinen Nachweis persönlicher Schuld ihres Mandanten erbracht, weshalb auch alle drei Verteidiger weiter Freispruch fordern.

Mit einer unerwarteten Wortmeldung endete der Verhandlungstag:
Josef S., der während des Prozesses überwiegend geschwiegen hatte und Erklärungen durch seine Anwälte abgeben ließ, erhob sich unsicher zu seinem letzten Wort, um seinem Anwalt Rainer Thesen „für seine Mühen zu danken“. Außerdem sei er „traurig“, dass er „so viele Wochen hier in diesem Haus verbringen musste“. Das Urteil wird für den 11. August erwartet.

ddp