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Deutschland/Welt Kindler: “Keinen Bock mehr auf Machos“
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Kindler: “Keinen Bock mehr auf Machos“
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17:48 17.10.2018
Schätzt den Einsatz der Niedersachsen: Sven-Christian Kindler lobt das Engagement bei der Veranstaltung „Bunt statt braun“. Quelle: Kaminski
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Berlin

Sven-Christian Kindler muss nicht lange nachdenken, als er in Berlin mit der NP über seine Heimatstadt spricht. Ihm fällt sofort ein, was er an Hannover am liebsten mag. „Es hat mich begeistert, wie schnell sich dort Menschen bewegen lassen“, sagt er und bezieht sich damit auf die Veranstaltung „Bunt statt braun“ kurz nach den Ereignissen in Chemnitz. „Innerhalb kürzester Zeit konnten wir 6000 Menschen mobilisieren, die unbedingt für Demokratie und Vielfalt einstehen wollten.“

AfD nutze Bundestag als Bühne für Provokation

Der Grünen-Politiker sitzt nunmehr seit neun Jahren im Bundestag. Doch es habe sich etwas verändert – auch in seinem Wahlkreis. „Ich erlebe, dass die Menschen sich angesichts der rechten Hetze Sorgen um die Demokratie in Deutschland machen.“ Damit bezieht sich Kindler auf die AfD, die seit einem Jahr im Bundestag sitzt. „Unter ihnen gibt es keine Moderaten mehr, sie marschieren gemeinsam mit Neonazis. Das ist eine rechtsradikale Partei“, ist er sich sicher. Der Parlamentarier wirkt wütend, seine Stimme wird immer lauter – ganz offensichtlich hat er es satt. Deswegen nimmt er auch kein Blatt vor den Mund und nennt die Fraktionsmitglieder „Faschisten“. Immer wieder verwendet er im Gespräch den Begriff. Seiner Meinung nach nutzt die Fraktion den Bundestag als Bühne für Provokation und Rechtsüberschreitung. Der Vorwurf: „In Ausschüssen arbeiten sie nicht viel.“

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Doch Kindler kann sich wieder fangen – nämlich dann, wenn er an Niedersachsen und Hannover denkt. „Dort fällt man auf die AfD nicht rein“, ist er überzeugt. In Niedersachsen werde die soziale Frage von der AfD völkisch und rassistisch gestellt – dabei hätte es bereits vor 2015 eine „krasse Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich gegeben“. Die Verwaltung sei schon damals schlecht aufgestellt gewesen, und an bezahlbarem Wohnraum habe es schon vor der Einwanderung tausender Geflüchteter gefehlt. Das wüssten die Niedersachsen.

Niedersachsen lehnen sich gegen Alltagsrassismus auf

Ist das der einzige Grund, wieso der Anteil der AfD in Niedersachsen so gering ist? Bei der Wahl im Oktober 2017 ist sie mit nur 6,2 Prozent in den Landtag eingezogen. Den Verdienst sieht Kindler vor allem bei der rot-grünen Landesregierung, die bis zur Wahl regiert hat. Dabei lässt er kein Lob aus: „Rot-Grün hat eine weltoffene, menschenrechtsbasierte Politik gemacht. Das war eine politische Atmosphäre, in der nicht gehetzt wurde.“ Die Migrationsfrage habe damals nicht alle anderen Themen dominiert. Und das, obwohl Hannover die Stadt mit dem höchsten Migrationsanteil ist – jedes zweite Kind habe Migrationshintergrund. „Das läuft im Großen und Ganzen gut. Weil sich viele Migranten und Verbände engagieren und sich viele Hannoveraner gegen Alltagsrassismus auflehnen.“ Davon könne das restliche Deutschland noch eine Menge lernen.

Der Grünen-Politiker lässt sich in seinen Sessel zurückfallen, das Thema ist vom Tisch, nun kann er sich entspannen – könnte man meinen. Doch der Parlamentarier verschnauft nur einen kurzen Moment, dann legt er nach. Nicht nur durch die AfD sei der Bundestag rechter geworden, auch die FDP habe sich konservativer positioniert – rechts neben der CSU. Das spüre man in den Debatten.

Sven-Christian Kindler

*14. Februar 1985 in Hannover. Nach dem Abitur 2004 an der Käthe-Kollwitz-Schule in Hannover absolvierte Kindler ein duales Studium zum Betriebswirt. Seit 2003 ist Mitglied bei den Grünen, seit 2009 sitzt er im Bundestag. Er ist Sprecher für Haushaltspolitik und Sprecher der niedersächsischen Landesgruppe. Kindler ist verheiratet und hat zwei Kinder

Das Grundklima habe gelitten. „Es sitzen durch den Einzug der AfD inzwischen viele Macho-Männer im Bundestag, die aggressiv und herablassend gegenüber Frauen agieren. Das ist zum Teil sexistisch und verächtlich.“ Das beste Beispiel sei für ihn die Diskussion um Paragraf 219a – der Streit über den Erhalt sei ein Angriff auf die Frauenrechte. Ihm wäre es lieber, wenn der Anteil der Frauen im Bundestag wieder steigt – eine Quote von 50 Prozent, die würde ihm gefallen.

Kindler: „Keinen Bock mehr auf diese Machos.“

Auch um das anzuschieben, hat er Ende August im Pavillon eine Diskussion zum Thema Sexismus in der Politik geleitet. „Eine der besten Veranstaltungen seit Langem“, findet er. Es sei notwendig, sexualisierte Gewalt offen zu debattieren – nur so könne man etwas an der politischen Situation ändern. Dann hält er erneut einen Moment inne, lehnt sich hervor und sagt schonungslos ehrlich: „Ich brauche Feminismus. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf diese Machos.“

Von Mandy Sarti

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