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Deutschland/Welt Karadzic boykottiert seinen Prozess
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Karadzic boykottiert seinen Prozess
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17:42 27.10.2009
Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic.
Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic. Quelle: afp
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Karadzic, der sich selbst verteidigt, hatte die Prozesseröffnung boykottiert. Der 64-Jährige ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 angeklagt.
„Ich stelle fest, dass der Angeklagte Herr Karadzic nicht anwesend ist“, sagte der südkoreanische Richter O-Gon Kwon. „Ich stelle ebenfalls fest, dass, weil er sich entschlossen hat, sich in dem Verfahren bislang selbst zu verteidigen, kein Anwalt in seinem Namen hier ist.“ Angesichts der Abwesenheit werde das Verfahren vertagt und am Dienstag um 14.15 Uhr mit der Verlesung der Anklagepunkte wieder aufgenommen. „Wir fordern Herrn Karadzic auf, teilzunehmen, damit das Verfahren nicht behindert wird“, sagte der Richter.

Karadzic plädiert auf unschuldig. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft. Bereits am Donnerstag hatte der 64-Jährige erklärt, er werde am Montag nicht vor Gericht erscheinen, weil er nicht genug Zeit zur Vorbereitung seiner Verteidigung gehabt habe. Die Prozessakten enthalten neben der Anklageschrift knapp eine Million Seiten Beweismaterial und hunderte Zeugenaussagen.

Die Richter können laut Rechtsexperten nun entweder einen Pflichtverteidiger einsetzen, der Karadzic vertritt. Das würde den Prozess jedoch um mehrere Monate verzögern, da auch dieser sich in die Mammut-Akten einarbeiten müsste. Eine andere Möglichkeit ist, den Prozess wie geplant in Abwesenheit von Karadzic zu beginnen und zunächst nur die Anklageschrift zu verlesen. Karadzics Anhörung könnte dann entsprechend später stattfinden und dieser den von ihm geforderten Aufschub erhalten. Karadzic hatte bereits im September um eine Verschiebung gebeten. Den kompletten Prozess ohne Karadzic zu führen ist schwierig, weil ein Angeklagter nicht in Abwesenheit verurteilt werden darf.

In der Vergangenheit boykottierten wiederholt Angeklagte ihren Prozess in Den Haag, jedoch ohne das Gericht vorher darüber zu informieren. Im Fall des Ultranationalisten Vojislav Seselj, der 2006 nicht zu seinem Prozessauftakt erschien, wurde etwa zunächst ein Pflichtverteidiger eingesetzt, den Seselj jedoch ablehnte. Der Prozess wurde schließlich um mehr als ein Jahr verschoben.

Zum Prozessauftakt sind rund 160 Überlebende des Bosnien-Kriegs nach Den Haag gereist. „Wir wollen Europa und der Welt zeigen, dass wir immer noch da sind, nach der Wahrheit suchen und auf Gerechtigkeit warten“, sagte Munira Subasic, die eine Organisation von Überlebenden des Massakers von Srebrenica leitet, am Wochenende der Nachrichtenagentur FENA. Im Juli 1995 waren in Srebrenica mehr als 7000 muslimische Männer und Jungen getötet worden, Subasic verlor ihren Mann und ihren Sohn.

Das Massaker steht im Zentrum der Anklageschrift gegen Karadzic, die insgesamt elf Punkte umfasst. Neben Völkermord und Kriegsverbrechen muss sich Karadzic vor dem Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien auch wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs verantworten. Die Klagen beziehen sich unter anderem auf die mehrjährige Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, während der rund 10. 000 Menschen ums Leben kamen, und auf das Massaker in Srebrenica. Karadzic war im Juli 2008 nach einem 13 Jahre langen Versteckspiel in Belgrad gefasst worden

afp

Klaus Wallbaum 25.10.2009
26.10.2009