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Deutschland/Welt Kaczynski will Zwillingsbruder beerben
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Kaczynski will Zwillingsbruder beerben
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09:12 27.04.2010
Trotz Trauer strebt er ins Präsidentenamt: Jaroslaw Kaczynski. Quelle: ap
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Lange war gerätselt worden, wie der national-konservative Oppositionsführer im polnischen Parlament auf den schweren Schicksalsschlag reagieren würde. Bei der Flugzeugkatastrophe in Smolensk hat er vor zwei Wochen nicht nur seinen Bruder und seine Schwägerin verloren, auch viele Freunde sind unter den Opfern. Geblieben ist ihm seine kranke Mutter, um die er sich nun kümmert.

Während der Trauerfeiern wirkte Jaroslaw Kaczynski wie ein gebrochener Mann, doch nun rüstet er zum Kampf. Kraft dazu gibt ihm die Gewissheit, eine Mission zu erfüllen. Er sieht sein eigenes und das politische Wirken seines Bruders in einem größeren, historischen Zusammenhang. Auf einer der Trauerfeiern für die Opfer des Absturzes ließ Kaczynski in diesen Tagen eine Grußbotschaft verlesen. „Wir müssen ihr so plötzlich unterbrochenes Werk wieder aufnehmen“, forderte er. „Vielleicht werden wir verlieren, vielleicht werden wir die Früchte unserer Arbeit nicht mehr ernten können. Doch wir müssen Zeugnis ablegen. Genauso wie die Generation, die im Wald von Katyn erschossen wurde und wie die, die 70 Jahre später gestorben sind, um ihnen ihre Ehre zu erweisen“. Der Präsident war unterwegs zur Trauerfeier für die Opfer des Massakers von Katyn, als seine Maschine mit einer Delegation aus ranghohen Politikern und Militärs abstürzte. In Katyn hatten russische Truppen 20 000 Polen erschossen und auf diese Weise erhebliche Teile der Intelligenz des Landes vernichtet.

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Jaroslaw Kaczynski wollte bei dieser Präsidentenwahl eigentlich nur für die Wiederwahl seines Zwillingsbruders und Staatspräsidenten Lech kämpfen. Erst in einem Jahr sollte seine Stunde schlagen: 2011 wollte er das Amt des Ministerpräsidenten nach vier Jahren Oppositionsarbeit zurückerobern. Doch durch den Tod seines Bruders, mit dem er seit Jahrzehnten ein unzertrennliches Politgespann bildet, sieht er sich schon jetzt gezwungen, seinen Hut in den Ring zu werfen.

Der 60-jährige Jaroslaw Kaczynski hatte im Herbst 2005 seine Partei zum überraschenden Sieg bei der Parlamentswahl geführt und in den Jahren 2006 bis 2007 als Ministerpräsident das Kabinett selbst geleitet. Seine durch tiefes Misstrauen gegenüber Deutschland und Russland geprägte Politik führte zu Spannungen mit Polens Nachbarn. Seit Herbst 2007 muss der Politiker die Oppositionsbank drücken.

Um das höchste Staatsamt bewerben sich acht weitere Kandidaten, doch gibt es einen großen Favoriten: Bronislaw Komorowski. Der Sejm-Marschall und Kandidat der liberal-konservativen regierenden Bürgerplattform, der laut Verfassung die Amtsgeschäfte des toten Präsidenten übernommen hat, liegt in allen Umfragen haushoch vor seinen Konkurrenten.

Allerdings befindet er sich in einer schwierigen Situation. Er muss führen, ohne in politischen Aktionismus zu verfallen. Zum einen ist er nicht demokratisch legitimiert, zum anderen würde ihm vorgeworfen, angesichts der nationalen Tragödie Wahlkampf für sich selbst zu machen. Komorowski sieht dieses Problem und agierte in den vergangenen Tagen sehr zurückhaltend. Aber auch das ist ein Fehler, denn inzwischen wird ihm vorgeworfen, zu wenig Führungsstärke für das Amt des Präsidenten zu haben.

Alles, was Komorowski tut – oder nicht tut – wird von seinen Gegnern kritisiert werden. Dennoch wird es schwer, die Mehrheit der Polen davon zu überzeugen, dass Jaroslaw Kaczynski tatsächlich ein gutes Präsident sein würde. Viele kennen ihn als Kämpfer und Freund des politischen Nahkampfes, der auch vor schmutzigen Tricks nicht zurückschreckt. So haben die Kaczynski-Zwillinge vor fünf Jahren den Kampf um das Präsidentenamt gewonnen, indem sie mit persönlichen Angriffen und einer an Diffamierung grenzenden Kampagne Donald Tusk besiegten.

Ziel in diesem Wahlkampf wird es sein zu zeigen, dass Jaroslaw Kaczynski aus seinem Leiden nach der Katastrophe gelernt hat. Er muss beweisen, dass er seinen politischen Gegnern die Hand zur Versöhnung reichen kann.

Knut Krohn