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Deutschland/Welt Israels Streitkräfte rücken weiter in den Gazastreifen vor
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Israels Streitkräfte rücken weiter in den Gazastreifen vor
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22:24 21.07.2014
Ein israelischer Soldat sitzt unweit der Grenze zum Gazastreifen neben Artilleriegeschossen. Quelle: Abir Sultan
Gaza/Tel Aviv

Mehr als 3300 Menschen wurden bereits verletzt. Bis zu 200 000 sind nach palästinensischen Angaben in dem abgeriegelten Küstenstreifen auf der Flucht.

US-Präsident Barack Obama äußerte "ernsthafte Bedenken" wegen der ständig steigenden Zahl ziviler Opfer in Gaza. Die internationale Gemeinschaft müsse die Gewalt in Gaza stoppen, sagte er am Montag in Washington. Sein Sprecher Josh Earnest erinnerte Israel an "die eigenen Ansprüche" beim Schutz von Zivilisten. "Das wird keine leichte Arbeit werden." In Kairo trafen am Abend UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und US-Außenminister John Kerry ein, die sich in den kommenden Tagen um Vermittlung einer Waffenruhe bemühen wollen.

Ban forderte nach seiner Ankunft einen sofortigen Waffenstillstand im Gazastreifen. Israel und die militanten Palästinenser könnten im Anschluss an eine Feuerpause in einen Dialog über ihre Differenzen treten, sagte er. Mit Blick auf über 500 Tote seit dem 8. Juli fügte er hinzu: "Gaza ist eine offene Wunde, ein Heftpflaster hilft da nicht."

Kerry wollte nach einem Gespräch mit Ban am Dienstag mit Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi und Außenminister Samih Schukri zusammenkommen. Auf dem Programm steht außerdem eine Begegnung mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi. Ägypten hatte eine Waffenruhe im Gazakonflikt vorgeschlagen, die die radikal-islamische Hamas jedoch abgelehnt hat.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und der Führer der Hamas-Exilorganisation, Chaled Maschaal, erörterten in der katarischen Hauptstadt Doha Möglichkeiten für einen Waffenstillstand. Palästinensische Offizielle sprachen von gewissen Fortschritten, wiesen aber darauf hin, dass eine Einigung zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas weiterhin nicht in Reichweite sei.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNRWA versorgte in Gaza Zivilisten in Schulgebäuden, die jetzt während der Ferien leer stehen - aber die Zufluchtsstätten sind heillos überfüllt. Andere Palästinenser suchten bei Freunden und Verwandten Unterschlupf. Bunker für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen gibt es nicht.

Selbst Krankenhäuser geraten ins Visier. Bei israelischem Artilleriebeschuss einer Klinik kamen nach palästinensischen Angaben fünf Menschen ums Leben, etwa 50 wurden verletzt. Ein Großteil der Opfer gehörte zum medizinischen Personal der Klinik in Dir el Balah, sagte der Leiter der Rettungsbehörden im Gazastreifen, Aschraf al-Kidra.

Bei einem israelischen Luftangriff auf ein Haus im Zentrum der Stadt Gaza wurden nach palästinensischen Angaben acht Menschen getötet. Die Hälfte davon seien Kinder gewesen, teilten die Rettungsdienste mit. Bei einem weiteren Luftangriff in Rafah wurden neun Mitglieder einer Familie getötet, darunter vier Minderjährige.

Der UN-Sicherheitsrat forderte eine Feuerpause und den Schutz von Zivilisten. "Wir sind sehr besorgt um die Zivilisten im Kampfgebiet", hieß es in New York.

Die Bundesregierung appellierte an Israelis und Palästinenser, bei den Kämpfen im Gazastreifen Zivilisten zu verschonen. Es seien bereits zu viele Unschuldige ums Leben gekommen, erklärte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, im Namen von Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Berlin.

Militante Palästinenser feuerten weiter Raketen auf Israel ab - am Montag heulten erstmals seit drei Tagen wieder die Sirenen in Tel Aviv. Nach Angaben der Armee wurden zwei Raketen über Tel Aviv und drei Raketen über Aschdod abgeschossen. Die Hamas teilte mit, sie habe vier Raketen des Typs M-75 auf Tel Aviv abgefeuert.

In Gaza wurden allein im dicht bewohnten Viertel Sadschaija bei Gefechten in der Nacht zehn Hamas-Kämpfer getötet, wie der israelische Militärsprecher Peter Lerner mitteilte. Mindestens zehn weitere bewaffnete Palästinenser wurden demnach bei einem versuchten Anschlag getötet. Sie waren durch Tunnel aus dem nördlichen Gazastreifen nach Israel vorgedrungen, wie es hieß.

In Sadschaija seien mehrere Tunnel gefunden worden, sagte Lerner. Die Tunnel führen unterirdisch auf israelisches Gebiet und sollen für Anschläge und Entführungen genutzt werden. Auch Raketen werden häufig aus den dicht besiedelten Wohnvierteln auf Israel abgefeuert. Seit Beginn des Bodeneinsatzes am Donnerstag nahm die Armee nach eigenen Angaben 20 Palästinenser fest.

Auf israelischer Seite übersteigt die Zahl der Toten bereits die Verluste bei der Operation "Gegossenes Blei", die im Januar 2009 endete. Damals waren zehn Soldaten und drei Zivilisten getötet worden, heute sind es bereits 25 Soldaten und zwei Zivilisten. Die Zahl der getöteten Palästinenser wurde am Nachmittag mit etwa 550 angegeben. Im Gazastreifen leben rund 1,8 Millionen Menschen.

Zu Berichten der radikal-islamischen Hamas über einen entführten israelischen Soldaten sagte Militärsprecher Lerner: "Wir können es nicht ausschließen." Man prüfe den Vorfall weiter. Der israelische UN-Botschafter Ron Prosor hatte die Angaben der Hamas, die auch den Namen und eine persönliche Erkennungsnummer veröffentlichte, vorher als unwahr dementiert.

Nach gescheiterten Friedensinitiativen und andauerndem Beschuss aus dem Gazastreifen hatte Israel am 8. Juli mit Luftangriffen auf Ziele der Hamas begonnen. Am 17. Juli startete Israel seine Bodenoffensive, unterstützt von Luftwaffe und Marine.

dpa