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Deutschland/Welt Islamisten tragen den Kampf zu den Zivilisten
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21:16 28.10.2009
In Peschawar gehen nach dem Bombenanschlag Wohn- und Geschäftshäuser in Flammen auf.
In Peschawar gehen nach dem Bombenanschlag Wohn- und Geschäftshäuser in Flammen auf. Quelle: afp
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Fast kein Tag vergeht mehr in Pakistan ohne verheerende Selbstmordanschläge, 14 allein in den vergangenen 17 Tagen. Fast 300 Menschen sind in diesem Jahr schon bei Anschlägen ums Leben gekommen. Allein am Mittwoch waren es an die hundert. In Peschawar erlebten die Pakistaner den schwersten Terroranschlag seit zwei Jahren. 87 Menschen starben, 150 wurden verletzt, viele davon lebensgefährlich. Die Attentäter hatten ein Auto mit 100 Kilogramm Sprengstoff präpariert und die Bombe in einer belebten Geschäftsstraße zur Explosion gebracht. Ein Haus stürzte ein, mehrere Läden fingen Feuer.

Das alles geschah, kurz bevor die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton in der 150 Kilometer entfernten Hauptstadt Islamabad landete. „Diese Attacken auf unschuldige Menschen sind feige – sie sind nicht mutig, sondern feige“, betonte die US-Außenministerin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit ihrem pakistanischen Amtskollegen Shah Mehmood Qureshi.

Denn noch etwas ist anders als sonst: „Die meisten der Opfer waren Frauen und Kinder“, sagte Abdul Hamid Afridi, Chef eines großen Krankenhauses in Peschawar. Bisher hatten fast alle Angriffe in diesem Jahr auf das Herz des sich auflösenden Staates gezielt: seine Armee und Sicherheitskräfte. Dass es den Terroristen Mitte dieses Monats gelang, sogar in das scharf bewachte Armeehauptquartier in Rawalpindi einzudringen, zeigt, wie weit die militanten Islamisten sämtliche Institutionen infiltriert haben.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der militärische Geheimdienst ISI die afghanischen Taliban geschaffen hat und nach wie vor unterstützt. Mittlerweile ist aber auch das pakistanische Offizierkorps talibanisiert, rekrutiert es doch seinen Nachwuchs aus den Koranschulen, die eine ganze Generation indoktriniert haben – das staatliche Schulwesen ist mangels politischer Unterstützung praktisch zusammengebrochen.

Armee und Polizei werden derzeit von den pakistanischen Taliban regelrecht vorgeführt. Keine Region und niemand ist mehr vor ihnen sicher, seit sich der Terror nicht nur auf den wilden Stammeswesten an der afghanischen Grenze beschränkt. Längst stellt auch die größte Provinz des Landes, der Punjab, ihre Helfershelfer. Diese rekrutieren ihr Personal aus den zahlreichen Terrorgruppen, die bislang in aller Öffentlichkeit für den Einsatz in Kaschmir gedrillt wurden und die nun, da es um den Sturz der pakistanischen Regierung, die Einführung der Scharia im Lande und schließlich um die Ausweitung des Kampfes auf Indien geht, auf eine Vielzahl neuer Gruppen zurückgreifen können. In der Hauptstadt der Provinz, der Millionenmetropole Karatschi, wächst die Zahl der Sperrgebiete, in die sich die Polizei nicht einmal in gepanzerten Fahrzeugen mehr hineintraut.

Der Überfall auf ihr Hauptquartier in Rawalpindi hat die Armee nach langem Zögern bewogen, endlich eine Offensive gegen die pakistanischen Taliban in Süd-Wasiristan zu beginnen. Diese Offensive wird seit Juni angekündigt – Zeit genug also für die Taliban, ihre Helfer aus dem Punjab und die etwa 1000 Usbeken der internationalen Brigade Osama bin Ladens sich vorzubereiten und das Land zu verminen. Vermutlich soll der Gegner immer tiefer in das unwirtliche Terrain mit seinen 2000 Meter hohen Bergen hineingelockt werden, in denen die Armee sich nicht auskennt – und das auch noch kurz vor Winterausbruch. Ob es da gelingen wird, den nunmehr entscheidenden Schlag gegen den Terrorismus zu führen, wie die Generale verkünden, ist fraglich.

Dabei hängt es wesentlich vom Erfolg dieser Offensive ab, ob sich Pakistan in seiner jetzigen, immerhin noch halb säkularen und halb demokratischen Form halten kann. Doch Zweifel sind angebracht, ob der Armee und vor allem dem militärischen Geheimdienst tatsächlich daran gelegen ist. Zwar wird so getan, als sei man Herr der Lage, gleichzeitig aber werden die afghanischen Taliban weiter unterstützt und ihre nach Pakistan abgetauchte Führung weiter geschont – alles für den Fall einer späteren Einflussnahme auf das Nachbarland, wenn der Westen sich aus Afghanistan zurückzieht. Hillary Clinton bemühte sich nach ihrer Ankunft demonstrativ, Islamabad den Rücken zu stärken. „Wir bewundern, was Pakistans Streitkräfte gegenwärtig mit ihrem Kampf versuchen“, erklärte sie. Das sind ermutigende Worte in einem Land, in dem die Rolle der USA heftig umstritten ist.

Richard Holbrooke, der US-Sonderbotschafter für Afghanistan und Pakistan, hatte jüngst bei seinen Besuchen in Islamabad und Kabul so viel Porzellan zerschlagen, dass Clinton sich offenbar genötigt sah, nun anzureisen. Außerdem lancierten dem pakistanischen Geheimdienst ISI nahestehende Medien und Politiker eine so erfolgreiche Anti-US-Kampagne, dass Washington dringend versuchen muss, die Wogen zu glätten. Es geht um ein massives Hilfspaket in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar. Die USA wollen einen großen Teil des Geldes nicht über Regierungskanäle verteilen, sondern lieber direkt an unabhängige Organisationen ausschütten.

Der Grund: Der Verwaltungsapparat Pakistans ist schon jetzt kaum noch in der Lage, die vielen Gelder zu absorbieren, die der Westen bereitstellt, um das Land gegen die Taliban zu stabilisieren. Außerdem erinnert sich Washington noch an die Erfahrungen aus den achtziger Jahren, als rund sechs Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen die Sowjetunion in Afghanistan erst durch die Taschen des pakistanischen Diktators Zia ul Haq flossen. Die Auflagen aber seien ein Eingriff neokolonialistischer Kräfte in die Souveränität des Landes und ein Versuch, das pakistanische Militär zu schwächen, schimpfen die ISI-Kräfte. Die Aufregung über den angeblichen Verlust der „Souveränität“ ist so groß, dass Pakistaner bereits überall vermeintliche Söldner des verrufenen privaten US-Militärunternehmens „Blackwater“ vermuten. Gleichzeitig bahnt sich ein neuer Machtkampf in Islamabad an. Noch können Armeechef Ashfaq Pervaiz Kayani wohl keine Putschabsichten unterstellt werden. Doch in allen entscheidenden politischen Punkten – jenen nämlich, die mit Taliban, Afghanistan und Indien zu tun haben – entscheidet die Armee. Präsident Asif Ali Zardari ist für den Ausgleich mit Indien, für ein Ende der pakistanischen Einmischung in Afghanistan und für eine Verbesserung der Beziehungen zum Westen, vor allem zu den USA, die das bankrotte Land mit Milliarden von Dollar am Tropf hält.

Das sind vernünftige Ziele. Sie finden aber in der Bevölkerung keinen Rückhalt, weil der Präsident und seine korrupte Clique bisher nicht ein einziges Versprechen gehalten haben, etwas für die bitterarme Bevölkerung zu tun. So ist diese Bevölkerung nicht nur weiter in die Arme der Taliban getrieben worden, auch der Armee und den von ihr beherrschten Medien ist es ein Leichtes gewesen, die antiamerikanische Stimmung zu einer wahren Wutwelle aufzuputschen. Washington versucht, dagegen anzugehen. „Die USA stehen Schulter an Schulter mit dem pakistanischen Volk in seinem Kampf für Frieden und Sicherheit“, betonte Clinton. Sie wolle sich künftig stärker um die Bedürfnisse der Menschen auf der Straße kümmern. Die Ministerin kündigte ein 125-Millionen-Dollar-Programm zum Ausbau der störanfälligen pakistanischen Energieversorgung an. Die neue US-Regierung unter Barack Obama hat offenbar begriffen, dass sie Vertrauen in der Bevölkerung schaffen muss – und sie muss beweisen, dass sich Washington nicht nur für unfähige Politiker und ungeliebte Militärs interessiert, sondern für Menschen.

Von Gabriele Venzky und Willy Germundi

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