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Deutschland/Welt Hannelore Kraft hoch im Kurs
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Hannelore Kraft hoch im Kurs
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21:59 15.03.2012
Von Reinhard Urschel
„Ein Schub für das Wahljahr 2013“: Hannelore Kraft, SPD-Wahlkämpferin am Rhein. Quelle: dpa
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Berlin

Die soeben Gewählte schlug damals die Hände vors Gesicht, wohl ahnend, welche Last da auf sie gelegt worden ist. Im Saal brach derweil ein Jubel los, der sich auch dann nicht legte, als sich die unglückliche Schriftführerin verbesserte. Nein, halt, es seien nur 97,2 Prozent.

Ach egal, da ging es schon durch die Reihen, verhalten, vielleicht sogar verdruckst, aber immerhin: „Das kann sie auch.“ Gemeint war die Kanzlerkandidatur. Als der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel später über all jene in der SPD und außerhalb der SPD spottete, die den Parteitag damals schon mal vorab zum Schaulaufen der Kanzlerkandidaten-Kandidaten stilisieren wollten, brach sich die Begeisterung wieder Bahn, als er in den Saal rief, die SPD habe nicht nur drei starke Männer, sondern auch eine ganz starke Frau – die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen.

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Das alles wäre in der dunklen Erinnerung des vergangenen Jahres liegen geblieben, wenn nicht eben dort in Nordrhein-Westfalen im Mai dieses Jahres überraschend gewählt würde. Allgemein wird erwartet, dass Hannelore Kraft als Siegerin daraus hervorgeht, in der SPD ist man sich da sogar sicher. Und dann?

Bisher sitzt nur die Männer-Troika Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier im Kandidatenkarussell. Die Frau aus dem Ruhrgebiet aber ist der Liebling der Genossen, nicht erst, seit sie das mit Abstand beste Ergebnis bei den Vorstandswahlen eingefahren hat.
Hannelore Kraft ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Angela Merkel. Nicht dass sie weniger fleißig wäre, vielleicht ist sie weniger machtbewusst. Beim Spitznamen „Mutti“ für die Kanzlerin schwingt ein wenig Ironie mit, doch auf Hannelore Kraft könnte man ihn ohne Weiteres anwenden. Ihr westfälischer Zungenschlag unterstreicht ihr bodenständiges Wesen, sie lässt dort Emotionen in der Politik zu, wo sich die Kanzlerin eisern im Griff hält. Bei der Trauerfeier für die Opfer der Duisburger Loveparade im Juli 2010 brach ihre Stimme weg, aber sie spendete wenigstens da Trost, wo das Stadtoberhaupt Adolf Sauerland versagte.

Hannelore Kraft ist ein Kind des Ruhrgebiets, geboren (1961) in einer Zeit, als zwischen Rhein und Emscher noch die Herzkammer der Sozialdemokratie gesucht und gefunden wurde. Wie es sich gehört für Spitzensozis kommt sie aus einfachen Verhältnissen. Sie ist die Tochter eines Straßenbahnfahrers und einer Verkäuferin aus Mülheim an der Ruhr. Dort ist sie aufgewachsen, zusammen mit einer Schwester. In ihrer Jugend war sie eine begeisterte und erfolgreiche Handballerin, 1979 westdeutsche A-Jugendmeisterin.

Verheiratet ist die Aufstrebende mit dem Elektro-Installateurmeister Udo Kraft. Ihr Sohn heißt Jan. Die Familie lebt in Mülheim, den Haushalt führt Krafts Ehemann. Spiel, Sport (Ski fahren) und Spaß mit der Familie sowie „Essen und Klönen mit Freunden“ gibt sie als Hobbys an. Nichts Exklusives, Glamouröses schon gar nicht. So ist auch ihr Auftreten. Die Mode ist der Merkels nicht unähnlich. Nur trägt die ein paar Jahre Jüngere zu den langen Blazern gern auch Röcke, also nicht nur Hosenanzüge.

Ihre Ausbildung entspricht dem Aufsteigerdenken jener Jahre: erst mal einen ordentlichen Beruf lernen, also Ausbildung zur Bankkauffrau. Es sollte aber doch eine Stufe weiter gehen. 1982 bis 1989 Studium der Wirtschaftswissenschaften in Duisburg, darin eingebettet ein Auslandsstudium am King’s College in London. Nach dem Abschluss als Diplom-Ökonomin arbeitet sie von 1989 bis 2001 als Unternehmensberaterin und Projektleiterin bei einem Technikbetrieb. Aus der katholischen Kirche ist sie ausgetreten, etwas später wandte sie sich der Evangelischen Kirche im Rheinland zu.

Ob es vor den Bundestagswahlen 2013 oder früher zum Blazer-Wettstreit mit Angela Merkel kommt, ist längst nicht ausgemacht. Die Frage ist nämlich, ob Kraft überhaupt wollte, wenn man sie ließe. Bislang hat die 50-Jährige auf die K-Frage stets die gleiche Antwort gegeben: „Ich führe eine Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen. Meine Aufgabe ist, dort die nächsten Wahlen zu gewinnen.“ Ausgeschlossen hat sie eine Kandidatur allerdings bislang nie.

Es ist so, wie sie es sagt: Nun hat sie die Aufgabe, Wahlen zu gewinnen. Gelingt ihr dies im Mai, hätte sie den drei männlichen Kandidaten etwas voraus: Sie haben bisher nur verloren. Ihre Weggefährten aber streuen Zweifel, dass Kraft bereit wäre, den letzten Rest Privatleben für eine Kanzlerkandidatur zu opfern. Pflichtgefühl könnte sie aber dazu treiben, meinen dieselben Leute.

Was sie im ARD-Morgenmagazin dazu gesagt hat, hat so gut wie keine Aussagekraft: „Mein Herz hängt hier an Nordrhein-Westfalen, und das bleibt so.“ Rot-Grün habe in 20 Monaten vieles geleistet, aber es stehe noch Arbeit bevor. „Ich bleibe in Nordrhein-Westfalen. Das mit dem Herzen mag stimmen, aber sie kann ja nicht in einen Wahlkampf gehen mit dem öffentlichen Bekunden, sie werde alsbald nach der Kanzlerschaft streben. Amtsinhaberin Merkel hat bereits am Vortag die Losung ausgegeben, die Wahl in NRW sei „gut und richtig“, aber für „die Arbeit auf Bundesebene ohne Bedeutung“.

Am Donnerstag indes hat Kraft dann aber noch etwas gesagt, was die Troika unter Druck setzt. Sie wolle, sagte sie, mit ihrer SPD bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen stärkste Partei werden und anschließend die rot-grüne Koalition fortsetzen. „Das wäre sicherlich auch ein guter Schub für das Wahljahr 2013.“ Das soll doch wohl eher so klingen: Ich werde es vormachen. Macht es nach, Jungs.