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Deutschland/Welt Großbritannien – auf dem Weg in die zweite Liga?
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Großbritannien – auf dem Weg in die zweite Liga?
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14:16 19.05.2010
Schlechte Ausgangslage: George Osborne übernimmt das Finanzressort in einer lang anhaltenden Rezession.
Schlechte Ausgangslage: George Osborne übernimmt das Finanzressort in einer lang anhaltenden Rezession. Quelle: dpa
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Eine Zeitlang schien Griechenland sehr weit von Großbritannien entfernt. Das Ringen der Eurozone erst um ihr Sorgenkind und dann um den Euro selbst hat man jenseits des Ärmelkanals mit einer Mischung aus Bedauern und Achselzucken beobachtet. Dass die Briten selbst, mit ihrer unabhängigen Währung, je in eine ähnliche Lage kommen könnten wie die angeschlagenen Südeuropäer des Euro-Verbundes, wagte kaum jemand im Vereinigten Königreich zu prophezeien. Für das Land, das immerhin mal das Industriezeitalter eingeläutet hatte, und das mit der City of London einen der zwei wichtigsten Finanzplätze der Welt stellt, schien das ein geradezu ungehöriger Gedanke.

Mittlerweile aber sind sich nicht mehr alle Insel-Bewohner so sicher. Ein wachsendes Handels- und Haushaltsdefizit, mühsames Strampeln an der Rezessionsfront und Zweifel an der Tragkraft der industriellen Basis des Landes machen den Briten Sorgen. Mehrere der gefürchteten Ratingagenturen haben schon dunkle Töne angeschlagen zur Kreditwürdigkeit des Königreichs. Standard & Poor’s hat die weiteren Aussichten Britanniens als „negativ“ eingestuft und eine Herabsetzung der international wichtigen AAA-Bewertung in den Bereich des Möglichen gerückt.

Darüber hinaus sehen globale Spekulanten die britische Währung als mögliches künftiges Ziel für ihre Attacken. Ohne Umschweife hat bereits Jim Rogers, ein früherer Geschäftspartner des Milliardärs George Soros, die britische Währung als einen „hoffnungslosen Fall“ bezeichnet. Rogers geht davon aus, dass zwar der Euro „echte Probleme“ habe, das Pfund aber „die am wenigsten abgesicherte aller Währungen“ und so „in einer extrem schlechten Lage“ sei. Britische Politiker suchen derartige Warnungen natürlich nach Kräften abzuwehren. Die wirtschaftliche und finanzielle Basis Großbritanniens sei stark genug, um allen Anfechtungen zu widerstehen, glaubt die Schatzkanzlei (das Finanzministerium) in London. Wiewohl das britische Haushaltsdefizit mit 11,6 Prozent am Bruttoinlandprodukt fast schon griechische Ausmaße erreicht habe, sei die Gesamt-Schuldenlast doch weit geringer als die in den meisten anderen europäischen Ländern. Die Schulden wachsen allerdings rasant.

In London hält man daran fest, dass die britische Wirtschaft seit Spätherbst wieder eine (wenn auch mit gegenwärtig 0,2 Prozent äußerst geringe) Wachstumsrate verzeichnet, dass einzelne Banken wieder fette Erträge erwirtschaften und viele Firmen schon eine positive Auftragslage melden. Indes weiß auch der neue Tory-Schatzkanzler George Osborne, dass das Königreich länger als andere Länder in der Rezession feststeckte.

Dass die Industrieproduktion zu Jahresbeginn schrumpfte, statt zu steigen, bereitet britischen Ökonomen besondere Sorgen. „Die viel beschworene Neugewichtung in der Wirtschaft zugunsten von Industrie und Exporten kommt einfach nicht zustande“, urteilte kürzlich der Finanzexperte des Londoner „Guardian“, Larry Elliott. Allzu lang sei der Manufakturbereich gegenüber der Finanz- und Serviceindustrie vernachlässigt worden.

Bisher sei es keiner Regierung gelungen, den verhängnisvollen Niedergang des industriellen Sektors zu stoppen, fand die FT-Studie: Die industrielle Basis des Landes, die die Schatzkanzlei noch vor zwölf Jahren als „zu schmal“ bezeichnet habe, sei in der Folgezeit „sogar noch schneller geschrumpft als während der Thatcher-Jahre“. Sie beträgt inzwischen keine zwölf Prozent der britischen Wirtschaftskraft mehr.

Solange diese Industrie Absatzmärkte hatte, haben auf der Insel nur die wenigsten nach den Folgen einer solchen Entwicklung gefragt. Nun, beim Ringen um Wachstum, ist allen Parteien das Manko schmerzlich bewusst geworden. Schon jetzt, urteilt das Londoner Zentrum für Wirtschaftsforschung, drohe die Kombination aus chronischer britischer Schwäche und dem Erstarken der großen Drittwelt-Ökonomien die Insel-Wirtschaft in die zweite Liga abzudrängen.

In der Tat verfügte das Vereinigte Königreich vor zehn Jahren noch über die viertstärkste Wirtschaft der Welt, nach den USA, Japan und Deutschland. In der jüngsten Rezession ist Britannien bereits von China, Frankreich und Italien überrundet worden. Und in fünf Jahren, prophezeit das Forschungszentrum, werde man auch hinter Russland, Brasilien, Indien und Kanada liegen – auf Platz elf der Weltrangliste.

Peter Nonnenmacher

19.05.2010
Stefan Koch 18.05.2010