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Deutschland/Welt Griechen schwanken zwischen Resignation und Revolte
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Griechen schwanken zwischen Resignation und Revolte
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22:37 05.05.2010
Der Protest gegen die Sparauflagen schlägt am Mittwoch um in ungezügelte Gewalt. Quelle: afp
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Als die Flammen in der Filiale der Marfin Bank im Athener Stadtzentrum gelöscht sind, machen die Feuerwehrleute eine schreckliche Entdeckung: Drei Leichen liegen in den schwelenden, rußgeschwärzten Trümmern. Eine der Toten ist eine junge Frau. Sie war im vierten Monat schwanger. Es ist so weit: Die Proteste gegen das Sparprogramm der Athener Regierung haben ihre ersten Todesopfer gefordert. Das wird Griechenland verändern – wie, weiß an diesem Mittwochnachmittag noch niemand.

Sonne hatte der Wetterbericht den Athenern vorhergesagt, eine freundliche Kulisse für den großen Generalstreik, mit dem die Gewerkschaften gegen die Sparpolitik der sozialistischen Regierung protestieren wollen. Aber jetzt, am Nachmittag, verdunkeln schwarze Rauchwolken den Himmel über der Akropolis. Am Syntagmaplatz lodern die Flammen. Mit Molotowcocktails, Holzknüppeln, Steinen und Eisenstangen versuchen einige Hundert Chaoten, das Parlament zu stürmen. Sie erreichen fast die Treppe, die zum Eingang des klassizistischen Baus hinaufführt, da schlägt die Polizei mit massivem Tränengaseinsatz den Angriff zurück.

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Wenig später stecken Demonstranten mit Molotowcocktails zwei Bankfilialen in Brand. Eine davon ist die Marfin Bank. Wie dort die drei Menschen ums Leben kamen, ist zunächst unklar. Waren sie Kunden? Waren sie Angestellte? Jedenfalls konnten sie offenbar nicht mehr aus dem brennenden Kassenraum fliehen. Sie sind bei lebendigem Leib verbrannt. Auch die junge Frau, deren Kind nie geboren wird.

In Seitenstraßen liefern sich Polizei und Autonome unterdessen immer wieder Scharmützel, Autos und Müllcontainer gehen in Flammen auf. Bilder, die an das Chaos vom Dezember 2008 erinnern, als Athen nach dem Todesschuss eines Polizisten auf einen 15-Jährigen tagelang von schweren Unruhen erschüttert wurde. Damals blieb es bei Sachschäden. Damals waren es hitzköpfige junge Leute, die ihrer Wut ungezügelten Lauf ließen. Diesmal ist es schlimmer. Diesmal gibt es Tote. Diesmal randalieren Lehrer, Angestellte, Rentner. Wird das Land, das gegen den drohenden Staatsbankrott kämpft, jetzt ins politische Chaos taumeln?

Friedlich, fast fröhlich hatte der Protest am Vormittag begonnen. Musik dröhnt aus den Lautsprechern, das Echo der Sprechchöre hallt dutzendfach durch die Straßen, aber Napoléon Papadopoulos bringt das nicht aus der Ruhe. Er sitzt in seinem „Periptero“, seinem Kiosk an der Stadiou-Straße und sieht dem Protestmarsch zu. Die Demonstranten wollen zum Parlament. Dort beraten die Abgeordneten seit Dienstag über das Sparprogramm der Regierung. Am Donnerstag sollen die Spargesetze verabschiedet werden. Das wollen die Demonstranten verhindern. „Keine Opfer für die Plutokratie“, rufen die Marschierer. Sie schwenken Fahnen des kommunistischen Gewerkschaftsbundes.

„Gewerkschaftsgymnastik“, sagt Napoléon Papadopoulos mit spöttischem Lächeln. Es sind allerdings ziemlich viele, die sich diesmal an diesem Volkssport beteiligen: Zehntausende ziehen vorbei. Und vom Marsfeld, ein paar Kilometer entfernt, hat sich ein zweiter Protestzug des gemäßigteren Gewerkschaftsbundes GSEE in Bewegung gesetzt. Auch sein Ziel ist das Parlament. Mehr als 100.000 Menschen dürften auf den Beinen sein. Es ist die größte Demonstration seit Jahrzehnten. Busse und Bahnen bleiben in den Depots. Bei Ämtern und Behörden, in den Ministerien und in den Schulen ruht die Arbeit. Kein Fährschiff legt ab, kein Flugzeug startet. „Wir sind nicht die Sklaven des 21. Jahrhunderts“, skandieren die Demonstranten.

Auch der Kioskbesitzer Napoléon bekommt die Krise zu spüren: „Um 20 bis 30 Prozent ist mein Umsatz zurückgegangen“, sagt er. Aber die Sparmaßnahmen, sagt er, seien „sehr berechtigt – das hätte die Regierung schon vor Jahren machen müssen!“ Ein Kunde mischt sich ein: „Zahlen müssen doch immer nur die kleinen Leute“, klagt der Rentner Giannis, der für seine Packung Filterzigaretten, die früher drei Euro kostete, demnächst wohl fünf Euro bezahlen muss. „Mit elf Jahren habe ich angefangen zu arbeiten, jetzt bin ich 73, und seit zehn Jahren bekomme ich Rente, 850 Euro“, erzählt er. „Leben kann ich davon nur, weil meine Frau vor acht Jahren gestorben ist.“ Und jetzt wolle ihm die Regierung auch noch das Weihnachtsgeld streichen: „Man kann ein Land auch kaputt sparen!“ Oder man streikt es kaputt.

Das versuchen jetzt die Kommunisten. Schon vor einigen Tagen hat Aleka Papariga, die Generalsekretärin der kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), angekündigt, man werde auch „außergesetzliche“ Aktionen machen. „Klassenkampf bis zum Sieg“ steht auf einem der Transparente, „Erhebt euch gegen das Kapital“, rufen die Demonstranten. „Unter revolutionärem Gesichtspunkt ist die Entwicklung sehr positiv“, erklärt die 21-jährige Amalia, die im zweiten Jahr Landwirtschaft studiert. „Wir wollen die Revolution, und je tiefer das Land in die Krise stürzt, desto näher kommt die Diktatur des Proletariats.“ Und wenn Griechenland Staatsbankrott anmelden muss? „Das würde die revolutionären Umwälzungen sogar noch beschleunigen“, freut sich Amalia.
Viele Demonstranten haben rote Fahnen dabei, an armdicken Holzknüppeln befestigt, die auch als Schlagwerkzeuge taugen. Benzin ist zu riechen – Molotowcocktails? Wenig später eskaliert die Demo: Vor dem Parlament fliegen Steine, die ersten Brandflaschen lodern auf. Eine Gruppe von etwa 100 militanten Demonstranten versucht, das Parlament zu stürmen. Die Polizei wehrt sie mit Tränengas und Pfefferspray ab. Am Nachmittag werden Zwischenfälle aus anderen Stadtteilen gemeldet. Die Lage in Athen ist aufs Äußerste gespannt.

Die Regierung steht mit dem Rücken zur Wand. Nur wenn sie das Sparprogramm durchzieht, fließen die Hilfskredite der EU und des Internationalen Währungsfonds. Und ohne die kann der Finanzminister schon im Juni keine Gehälter und Renten mehr zahlen. Schon gibt es Zweifel, ob die zugesagten 110 Milliarden für die kommenden drei Jahre überhaupt reichen, weil sich bereits neue Milliardenlücken in der Finanzplanung abzeichnen.

Jeder dritte Grieche, so eine aktuelle Umfrage, ist für das Sparprogramm. Jeder zweite ist zwar dagegen. Aber immerhin acht von zehn Befragten sehen in der Krise die Chance, Griechenland zu reformieren, das politische System und die Wirtschaft des Landes auf neue Fundamente zu stellen. „Wir schaffen das“, sagt Napoléon Papadopoulos. „Wir müssen es schaffen.“ Er weiß noch nichts von den Toten. In den Nebenstraßen knallen die Tränengasgranaten, neue Rauchsäulen steigen auf.

Gerd Höhler

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