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Deutschland/Welt Glück in der Polarnacht
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11:58 18.02.2010
Schöner Leben in Norwegen.
Schöner Leben in Norwegen. Quelle: ddp
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Oslo im Herbst. Schummrig wird es schon am frühen Nachmittag, der Wind peitscht den Nieselregen ins Gesicht, und wer sich in die nächstgelegene Pizzeria flüchtet, muss dort für eine Quattro Stagione und ein kleines Bier umgerechnet satte 20 Euro hinblättern. Ein Land zum Davonlaufen? Von wegen! Das beste der Welt ist Norwegen, hat UNDP, die Entwicklungsagentur der Vereinten Nationen, in einer Studie festgestellt, und das nicht zum ersten Mal. Seit Jahren schon nehmen die Skandinavier im Index der menschlichen Entwicklung den Spitzenrang ein – was vor allem eins beweist: dass man Lebensqualität auf vielfältige Weise definieren kann.

Denn wer es für das Glück auf Erden hält, mit einem guten Glas Rotwein und einem Stück Weißbrot in die Sonne zu blinzeln, der kommt zu kurz in einem Land, in dem er den Wein nur zu Wucherpreisen im staatlichen „Vinmonopolet“ kaufen kann, in dem Brot wie Pappe schmeckt und die Polarnacht sich das halbe Jahr lang um die Seele krallt. Doch wer, wie dies die UNDP tut, objektive Maßstäbe wie Lebenserwartung, Bildungsstand und Einkommen anlegt, der kommt nicht umhin, die Norweger unter den privilegiertesten Erdenbürgern ganz nach oben zu reihen. Wobei es durchaus auch subjektive Gründe gibt, die für Norwegen sprechen: die atemberaubende Natur, die hellen Sommernächte, die für den langen Winter entschädigen, die Freundlichkeit der (meisten) Menschen.

Eine Lebenserwartung von mehr als 80 Jahren, kein Analphabetismus, alle Kinder in der Schule und ein Pro-Kopf-Einkommen von 53 433 Dollar, mehr als ein Drittel über dem der Deutschen – das ist die Latte, mit der die Vereinten Nationen den norwegischen Wohlstand messen. Dabei halten sich die Deutschen selbst mehr als respektabel: Deutschland liegt auf Rang 22 von 182 untersuchten Staaten, wie im Jahr 2005. Dass Deutschland recht weit hinten rangiert, liegt vor allem an dem gesunkenen Pro-Kopf-Einkommen im Zuge der Wiedervereinigung. Am anderen Ende der Liste liegt Niger, wo nur jeder Vierte lesen kann und nur jedes vierte Kind in die Schule kommt und wo das Jahreseinkommen 627 Dollar beträgt.

Der Hauptgrund für Norwegens Reichtum ist das Erdöl, das seit den siebziger Jahren gefördert wird und aus einem der ärmsten Länder Europas innerhalb einer Generation das wohlhabendste machte. Mit den Ölgeldern kann Oslo nicht nur Haushaltslöcher stopfen, sondern auch noch so viel auf die hohe Kante legen, dass der Fortbestand der guten Zeiten noch lange gesichert ist.

Doch auch Saudi-Arabien hat ein gigantisches Ölvermögen und liegt im UNDP-Index dennoch viel weiter hinten. Norwegen ist nicht nur reich, sondern auch gleich. Und sicher. Und nachhaltig. Die Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt und im politischen Leben gleichberechtigt, sie stellen die halbe Regierung, 40 Prozent der Aufsichtsräte (dank Quotenregelung), ein Drittel der Posten im höheren Management und dominieren an Universitäten und Lehranstalten. Der Abstand zwischen Arm und Reich ist nirgends so gering wie hier, die Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen nirgends so einfach. Zwar wurde die Regierung im jüngsten Wahlkampf gerügt, dass die Zahl armer Kinder um ein Drittel gestiegen sei. Doch als arm gelten in Norwegen Familien mit 40 000 Euro Einkommen. Armsein ist keine Frage des Überlebens. „Armsein heißt, das nicht zu haben, was andere haben“, definiert Gro Brakken von „Rettet das Kind“ die Lage der Benachteiligten.

Die Norweger können sich sicher fühlen, weit abseits von Kriegs- und Erdbebenzonen und, bisher zumindest, gefeit vor Terroranschlägen. Sicher aber auch im Arbeits- und Familienleben: mit Europas niedrigsten Arbeitslosenzahlen, großzügigen Elternzeiten für Väter und Mütter, garantierten Kindergartenplätzen, prima Freizeitangeboten und einem engmaschigen Sozialnetz. Dass dann dennoch Krankenhaus- oder Schulwesen ständig in der Kritik stehen, hat mit dem wachsenden Anspruchsdenken zu tun: Je größer der öffentliche Reichtum ist, desto schwieriger sind die Mängel zu rechtfertigen, die es noch gibt.

 Selbstrespekt zählt zu den Bewertungsmaßstäben der UNDP. In Norwegen ist er gigantisch. Dass man im „besten Land der Welt“ lebt, stellt kaum jemand infrage, und die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland konnte einst unangefochten behaupten, dass „gut zu sein typisch norwegisch ist“. Auch das Gefühl der „Zugehörigkeit zur Gesellschaft“, ein weiteres UNDP-Kriterium, ist ausgeprägt in einem Maß, das Ausländer große Augen machen lässt, wenn ein ganzes Volk zum Nationaltag in die Landestracht steigt, um sich zu feiern. Doch dann sehen sie, wie auch Kinder pakistanischen oder somalischen Ursprungs genauso begeistert die Fähnchen schwenken wie ihre blonden Kameraden, und müssen dem nationalen Treiben Anerkennung zollen.

 So ist Lebensqualität auch eine Frage des Selbstgefühls, und die Norweger zweifeln nicht, dass sie Platz eins verdient haben. Andererseits ändern sich die Voraussetzungen manchmal rasch. Die UNDP-Liste wertet Zahlen aus dem Jahr 2007 aus. Deshalb hält Island Rang drei. Ein Jahr später war man auf dem Weg in den Staatsbankrott, und heute hielte wohl kaum ein Isländer sein Land für das drittbeste der Welt. Geschweige denn für eins der glücklichsten.

Hannes Gamillscheg

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