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Deutschland/Welt Fort Lewis: Ein Standort zum Fürchten
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Fort Lewis: Ein Standort zum Fürchten
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06:15 21.03.2012
Von Stefan Koch
Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten steht die Militäreinrichtung Fort Lewis in der Kritik.
Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten steht die Militäreinrichtung Fort Lewis in der Kritik. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Pierce County

Fort Lewis ist eine Art Niemandsland. Es liegt auf dem Territorium der Vereinigten Staaten, aber hier herrschen ganz eigene Gesetze. Wer den Schlagbaum zu den unzähligen Kasernen passiert, hat die USA schon halb verlassen und ein Kriegsgebiet schon fast erreicht. Das Militärgelände liegt ganz oben im Nordwesten der Vereinigten Staaten, etwa 4500 Kilometer von seiner Befehlszentrale im Pentagon entfernt. Hier werden amerikanische Soldaten in der Einsamkeit der Berge auf Extremsituationen vorbereitet. Auf Krieg und auf ein Leben mit der Gefahr, auch wenn die Umgebung auf den ersten Blick friedlich erscheint. Ganze Generationen von Soldaten lernten dieses riesige und mit Waffen vollgestopfte Terrain mit unzähligen Übungsstationen kennen, bevor sie in die Ferne geschickt wurden. Nun aber könnte es mit dem Leben nach den eigenen Gesetzen bald vorbei sein: Fort Lewis ist nicht nur einer der größten Standorte der US-Armee, er entwickelt sich auch zum problematischsten.

Wieder einmal steht Fort Lewis in die Schlagzeilen: Unteroffizier Robert Bales, der bis Dezember hier stationiert war, tötete am vergangenen Sonntag im Süden Afghanistans 16 unschuldige Zivilisten. In Fort Lewis war der 38-Jährige zum Scharfschützen ausgebildet worden - in den Dörfern nahe Kandahars ging er von Haus zu Haus und brachte schlafende Männer, Frauen und Kinder um. Auf dem Standort fragt man sich: Wie konnte der Soldat, der selbst zwei kleine Kinder hat, vom Familienvater zum Monster werden? War es die Tat eines Geistesgestörten, der jetzt eine große und für ihre Professionalität bekannte Militäreinrichtung in Verruf bringt?

Wohl kaum. Die renommierte Militärzeitschrift "Stars and Stripes" berichtete bereits im vergangenen Jahr über haarsträubende Vorfälle auf dieser Mega-Basis. Ihr Fazit: Fort Lewis sei der schwierigste Standort der gesamten US-Armee. Und auch ehemalige Soldaten können nicht glauben, dass es sich bei all den Unglücken nur um Einzelfälle handelt. Zum Beispiel Jorge Gonzalez. Der 32-Jährige diente fünf Jahre in der Armee und kam unter anderem im Irak zum Einsatz. Damals habe ihn das Geld gelockt. Er sagt, es sei ein guter "Deal" gewesen. Heute betreibt er einen kleinen, aber vielbeachteten Coffeeshop in Lakewood, der auf Sichtweite zum Fort Lewis liegt. In seinem auf den ersten Blick recht unspektakulär wirkenden Shop gibt es starken Kaffee - und knallharte Debatten. Gonzalez' Laden ist ein Treffpunkt kriegsmüder Soldaten. Sie wollen nicht mehr mit dem Sturmgewehr im Irak oder in Afghanistan kämpfen, sondern mit Aufklärungskampagnen gegen den Drill, der ihrer Einschätzung nach in Fort Lewis herrscht: "Der Amoklauf ist grauenhaft. Aber wir müssen uns doch fragen, warum so viele Katastrophen der jüngsten Zeit hier in Fort Lewis ihren Anfang nahmen", sagt Gonzalez.

"Können die Horrorgeschichten Zufall sein?"

Der junge Mann ist redegewandt, von eher schmächtiger Figur und trägt einen dünnen, modisch gestutzten Vollbart. Wenn er mit seinem Kaffeepappbecher in der Hand lässig am Tresen des Shops sitzt und aus seinem früheren Leben in San Diego plaudert, mag man gar nicht glauben, dass auch er eine Vergangenheit als Krieger hat. Aber wie zum Beweis hängt ein kleines Foto aus Bagdad an der Wand hinter den großen Espresso-Maschinen: Gonzalez am Maschinengewehr eines gepanzerten Fahrzeugs. Mit ernstem Blick schaut er in die Kamera. Doch die Zeiten in Bagdad und Mosul sind vorbei. Zumindest für ihn. "Heute kämpfe ich für die Soldaten und gegen den Krieg", sagt Gonzalez. Er meint seine Frage rhetorisch, wenn er sagt: "Können die Horrorgeschichten der jüngsten Zeit Zufall sein?"

Der Umgang mit den Soldaten in Fort Lewis sei ein wesentlicher Teil des Problems. Es sei ein Skandal, dass es dort im vergangenen Jahr zwölf Selbstmorde gegeben hat. An dieser Zahl wird von offizieller Seite nicht gezweifelt, wohl aber an der Einschätzung, dass die erschreckend hohe Selbstmordrate ein Grund sein könnte, die medizinisch-psychologische Betreuung zu verbessern. Während die hohe Suizidrate nur in Fachkreisen bekannt sei, gingen andere schlimme Vorfälle durch Medien in aller Welt: 2010 brachten Soldaten, die ursprünglich aus Fort Lewis stammten, in Afghanistan unschuldige Menschen um und hantierten mit Leichenteilen wie mit Kriegstrophäen. Sie selbst nannten sich damals "Kill Team", heute sitzen sie im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Fort Lewis in Einzelhaft. Und Gonzalez erwähnt noch ein weiteres Phänomen, das höchst bedrückend ist: "Unsere Jungs werden verheizt. Sie werden von einem Kriegsschauplatz zum nächsten gejagt, ohne dass sie Zeit finden, ihre seelischen Verwundungen auszuheilen."

Der Irak-Veteran spricht damit das große und zugleich schwer zu fassende Problem der posttraumatischen Störungen an. Soldaten, die die Gefechte körperlich unversehrt überstehen, können dennoch psychische Schäden davontragen. Dass diese Beeinträchtigungen medizinisch nicht sorgfältig behandelt werden, hat für Gonzalez einen einfachen Grund: "Die Behandlung ist sehr teuer. Und nach elf Jahren 'Krieg gegen den Terror' muss das Militär sparen. Das geht zu Lasten unserer Leute." Sein Verdacht: Frauen und Männer mit posttraumatischen Störungen würden aus finanziellen Gründen nicht als Kranke anerkannt - sondern lediglich mit Psychopharmaca ruhiggestellt.

Im vergangenen Jahr gab es in Fort Lewis zwölf Selbstmorde

Die Folgen sind dramatisch. Gerade erst am Neujahrsmorgen war nicht nur der Standort Fort Lewis in heller Aufregung, sondern auch die kleine 19.000-Seelen-Gemeinde mit dem gleichen Namen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Benjamin Colton Barnes, ein Irak-Vetran und für den Krieg anscheinend perfekt ausgebildeter Nahkämpfer, war offensichtlich durchgedreht. Auf dem Weg in den Nationalpark Mount Rainier hatte der 24-Jährige ohne Vorwarnung eine Waffe gezückt und die Rangerin Margaret Anderson erschossen. Auf der Flucht durch die schneebedeckte Wildnis starb er Tage später an Erschöpfung. Die Mutter seines Kindes sagte später gegenüber der Polizei aus, dass Barnes seit dem Irak-Krieg überaus reizbar gewesen sei. Er habe massenhaft Waffen gesammelt und litt offensichtlich an einer posttraumatischen Störung. Das Militär habe sich aber nicht zuständig gefühlt.

Zur gleichen Zeit mit Barnes war auch Stabsunteroffizier Bales im Irak stationiert, der am vergangenen Sonntag in Afghanistan unschuldige Männer, Frauen und Kinder ermordete. Erst nach dem Massaker wurde bekannt, dass der Täter im Irak eine schwere Gehirnverletzung erlitten hatte. Wie eine typische Verbrecherkarriere wirkt der Lebenslauf dieses Amokläufers ohnehin nicht: Unmittelbar nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 habe er sich freiwillig zur Armee gemeldet. Wie sein Rechtsanwalt am Sonnabend bestätigte, wurde er dreimal nach Bagdad geschickt. Zweimal sei er dort verwundet worden. Das Militär habe ihn zwar hochdekoriert, sich aber nicht um sein psychisches Gleichgewicht gekümmert. Obwohl ihm zunächst versichert worden sei, dass er nach all den Kriegseinsätzen im Irak nicht mehr in ein Krisengebiet abkommandiert werde, erhielt er dennoch wieder einen Marschbefehl - diesmal für Afghanistan.

Für den ehrenamtlichen Soldatenbetreuer Gonzalez kommen diese Horrorgeschichten nicht von ungefähr: "Ich habe schon oft gehört, dass unseren Jungs ein paar Pillen verschrieben werden, wenn sie über psychische Probleme klagen. Und dann geht's wieder ab an den nächsten Kriegsschauplatz."

Der Amokläufer - ein Karrieresoldat?

Knapp eine Woche nach dem Amoklauf in Afghanistan beginnt zwischen dem US-Militär und dem Anwalt des Todesschützen eine heftige Auseinandersetzung um die Hintergründe des Verbrechens. John Henry Browne, der in Seattle bereits mehrere hochkarätige Prozesse geführt hat, wehrt sich vor allem gegen die Darstellung, sein Mandant Robert Bales könnte bereits mehrfach gegen Dienstvorschriften verstoßen haben. Dagegen versucht der Jurist, den 38-Jährigen als einen "Karrieresoldaten" darzustellen. Der Unteroffizier sei ein Dutzend Mal von seinen Vorgesetzten ausgezeichnet worden und habe im Irak-Krieg unzählige Menschen gerettet. Tatsächlich war er Anfang 2007 im Südirak an einem der blutigsten Kampfeinsätze beteiligt, bei dem laut offizieller Militärangaben etwa 250 Aufständische getötet wurden. Bales' früherer Vorgesetzter Christ Alexander bestätigte am Sonnabend gegenüber der "Washington Post" diese Einschätzung: "Bales war an mehreren Gefechten beteiligt und rettete vielen Zivilisten das Leben." Er sei einer der besten Soldaten gewesen, mit denen er jemals im Einsatz war. Warum der Sergeant allerdings gegen seinen Willen den Marschbefehl für Afghanistan erhielt, obwohl er bereits zweimal im Irak schwer verwundet wurde, sei ihm schleierhaft. Auch das Pentagon hat mittlerweile bestätigt, dass Bales im Irak nach einer Bombenexplosion einen Autounfall erlitten hatte, bei dem er sich eine Gehirnverletzung zuzog. Auch sei ihm nach einer Verwundung ein Teil seines Fußes amputiert worden.

Bales' Anwalt wollte gestern noch nicht sagen, ob bei seinem Mandanten eine posttraumatische Störung vorliegen und der medizinische Dienst in Fort Lewis versagt haben könnte. Nur soviel: "Wir werden jetzt eine Menge Dinge aufrollen." 

In den amerikanischen Medien meldete sich gestern auch Jonathan Shay zu Wort. Der renommierte Psychiater und Autor mehrerer Fachbücher über Kriegsveteranen sagt: "Es erscheint mir wie ein klassischer Führungsfehler. Wer auch immer für diesen Soldaten verantwortlich war, er hat schrecklich versagt."