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Deutschland/Welt Ex-Kapitän holt Gorch Fock zurück
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Ex-Kapitän holt Gorch Fock zurück
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14:59 25.01.2011
In schwerer See: Segelschulschiff "Gorch Fock"
In schwerer See: Segelschulschiff "Gorch Fock" Quelle: dpa
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Angesichts der massiven Vorwürfe gegen Schiffsführung und Stammbesatzung hat die Marine das Ermittlerteam zur Untersuchung der Vorfälle auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" auf sieben Experten aufgestockt. Darunter sind allein drei Juristen, wie ein Marine-Sprecher am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur sagte. Das Team unter Leitung des Chefs des Marineamtes, Konteradmiral Horst-Dieter Kolletschke, wird in der Nacht zum Freitag in Ushuaia in Südargentinien erwartet, wo die "Gorch Fock" auf Reede legt. Auf dem Schiff war im vergangenen Jahr auch eine Offiziersanwärterin aus der Nähe von Hameln ums Leben gekommen.

Die "Gorch Fock" soll unter dem Kommando ihres früheren Kapitäns Michael Brühn nach Kiel zurückkehren, er war bereits 2001 bis 2006 in dieser Position tätig und ist derzeit Havariebeauftragter der Marine. Der von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) abberufene Kommandant Norbert Schatz ist nach Marine-Angaben nicht mehr an Bord. Reserve-Offiziere, die 2007 unter dem Kommando von Schatz ausgebildet wurden, nahmen ihn laut "Kieler Nachrichten" in einem Offenen Brief in Schutz.

Schiffsführung und Stammbesatzung sahen sich auch am Dienstag massiven Vorwürfen ausgesetzt. Von Alkoholexzessen und Schikanen bei der Ausbildung war in Medienberichten die Rede. Während der jetzigen mehrmonatigen Fahrt war im November in Brasilien die 25 Jahre alte Kadettin tödlich verunglückt. Sie stürzte in angeblich entkräftetem Zustand aus der Takelage. Die Kieler Staatsanwaltschaft geht einer Strafanzeige der Mutter aus Bodenwerder nach. Ob sie ein förmliches Ermittlungsverfahren einleiten wird, sei noch offen, sagte Oberstaatsanwalt Kuno Fischer der dpa.

Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus äußerte sich bei der Vorstellung seines Jahresberichts erneut kritisch zu den Zuständen auf der "Gorch Fock". Im ZDF-"Morgenmagazin" warf er die Frage auf, ob Kadetten ausreichend auf ihren Einsatz auf der "Gorch Fock" vorbereitet werden. "Es sind einige Dinge, die nicht in Ordnung sind. Dass muss man ganz klar sagen." Zu Details wollte sich Königshaus nicht äußern. "Bei der Sicherheit muss absolute Priorität herrschen und zwar für alle", sagte Königshaus.

Zwei Mitarbeiter des Wehrbeauftragten gehören zu dem Team, das auf der "Gorch Fock" den Vorwürfen nachgehen wird. Außerdem dabei sind der Chef des Marineamtes, dessen Adjutantin, die Erfahrung in der Offiziersausbildung hat, und drei Juristen aus dem Marineamt und dem Verteidigungsministerium. Die Besetzung macht deutlich, wie ernst die Marine die Anschuldigungen nimmt. Ob die "Gorch Fock" gleich nach Ankunft des Teams die Rückfahrt nach Kiel antritt oder erst an Bord umfangreichere Befragungen vorgenommen werden, steht noch nicht fest. Dies hänge von den ersten Gesprächen an Bord ab, sagte ein Marine-Sprecher. Die Kommission muss Vorwürfen von Offiziersanwärtern nachgehen, wonach Mitglieder der Stammbesatzung Kadetten drangsaliert haben sollen.

Nach einem Bericht der "Kieler Nachrichten" gaben acht Reserve-Offiziere, die 2007 ihre Ausbildung auf der "Gorch Fock" absolvierten, in einem Offenen Brief dem suspendierten Kommandanten Schatz Rückendeckung. Sie nannten ihn demnach einen "fähigen Kommandanten" und verteidigten das Ausbildungskonzept an Bord. "Wir sind an Bord nie schikaniert worden", sagte der Leutnant zur See der Reserve Bastian Schmitz der Zeitung. "Ich dachte, ich bin im falschen Film, als ich die Berichte über die "Gorch Fock" las." Es habe auch keinen Zwang zum Aufentern (Hochklettern in die Takelage) gegeben. Der Ton an Bord sei rau, aber angemessen gewesen.

Nach Medienberichten enthält ein vom Wehrbeauftragten Königshaus in Auftrag gegebener Bericht über die Zustände auf der "Gorch Fock" Hinweise auf massiven Alkoholmissbrauch an Bord. Ein betrunkener Ausbilder sei in den Schlafraum der Kadetten gekommen und habe gelallt, "dass er Offiziersanwärter hasse und sie töten würde". Ein Kadett sagte laut "Spiegel Online" aus, er habe "auf dem Deck Erbrochenes der Offiziere wegputzen müssen". dpa