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Deutschland/Welt Eugen Brysch im Gespräch zum Thema Pflege
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Eugen Brysch im Gespräch zum Thema Pflege
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08:47 09.12.2010
Mit mehr als drei Millionen Pflegebedürftigen rechnen Fachleute im Jahr 2030 in Deutschland. Der Mangel an Alten- und Krankenpflegern wird bis dahin dramatisch zunehmen. Quelle: dpa
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Patientenschutzorganisationen saßen beim Pflegedialog am Dienstag nicht mit am Tisch. Haben Sie eine Erklärung, warum sie unerwünscht waren?

Patientenvertreter stören, weil sie unbequeme Fragen stellen. Ich hätte zum Beispiel am Ende des Treffens gefragt, warum man überhaupt zusammengekommen ist.

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Sie sind mit den Ergebnissen der Runde unzufrieden?

Ärgerlich ist, dass Gesundheitsminister Rösler für keinen seiner Vorschläge zuständig ist. Ob Zuwanderung oder Ausbildung – verantwortlich sind die Arbeitsministerin, der Innenminister oder die Bildungsministerin. Außerdem habe ich die Sorge, dass nun der Steuerzahler wieder zur Kasse gebeten wird.

Muss mehr Geld ins System?

Nein. Wir brauchen nicht mehr Geld, es ist schlecht verteilt. 267 Milliarden Euro werden im Gesundheitswesen jährlich ausgegeben. Aber nur zehn Prozent gehen in die Pflege.

Ist das Jammern der Branche Heuchelei?

Es wird hervorragend verdient. Aber womit? Studien zeigen, dass 60 Prozent der Menschen in ihrem letzten Lebensjahr etwa fünfmal zwischen Klinik und Pflegeeinrichtung hin- und herbewegt werden. Jedes Mal, wenn sich die Drehtür bewegt, klingelt die Kasse. Wir müssen unbedingt die Aufteilung in Pflege- und Krankenkassen rückgängig machen, damit es Leistungen aus einer Hand gibt.

Dann war früher alles besser?

Ja. Das Schlimmste ist die Intransparenz. Schauen Sie sich die Heimverträge an: Was wird den Bewohnern da nicht alles vorgegaukelt? Auch am Dienstag saßen wieder nur die Finanzierer – die Kassen – und die Produzenten – die Pflegeanbieter – am Tisch. Aber nicht der Konsument. Sein Einfluss auf das Produkt ist null.

Was wäre im Konsumenteninteresse?

Diese irrwitzigen Dokumentationen, die viel Zeit kosten und die Pflegekräfte demotivieren, müssen endlich abgeschafft werden. Der heutige Aufwand ist absurd. Alles ist in kleinste Minieinheiten aufgeteilt und muss abgehakt werden – ob das Gesicht gewaschen wurde, ob das Gesäß gewaschen wurde und so weiter. Das ist ein Wahnsinn.

Da sind Sie voll auf einer Linie mit den Pflegeanbietern, die über die Bürokratie klagen. Aber schaffen Sie damit nicht Kontrolle ab?

Nein. Diese Kontrolle wurde erdacht von Ökonomen und Juristen. Ich will ja auch nicht, dass alles ersatzlos gestrichen wird. Ich will Pflege messbar machen. Dazu muss man aufs Ergebnis schauen.

Was heißt das?

In Deutschland leiden im Jahr rund 750.000 Menschen an Druckgeschwüren; der sogenannte Dekubitus ist ein klares Anzeichen für schlechte Pflege. Es ist ein Leichtes, festzustellen, in welcher Einrichtung dies häufig und in welcher dies selten vorkommt. Ebenso entscheidend ist die Sturzprophylaxe, also die Sturzvermeidung in der Pflege. Man könnte vergleichen, wie oft sich in einem Heim Bewohner durch Stürze böse Verletzungen zugezogen haben.

Die Politik ist am Zug?

Natürlich – die Politik könnte dies umsetzen. Aber sie ist umzingelt von Leistungsanbietern, die diesen Vergleich nicht wollen. Auch die medizinische Therapie ist wichtig. Wie oft hören wir von Patienten, dass ihnen Medikamente verabreicht werden, die nie und nimmer kombiniert werden dürften. In jedes Heim gehört ein fest angestellter Arzt.

Warum geschieht es nicht?

Weil die Ärzte sofort aufschreien und wutschnaubend den Erhalt der freien Arztwahl fordern. Man verdient eben mehr, wenn viele Ärzte viele Besuche abrechnen.

Aber dem Vorschlag, die Ausbildung zu verbessern, können Sie zustimmen?

Es ist weiße Salbe auf ein Krebsgeschwür. Wichtig ist, dass die Arbeit Freude macht. Wer sich für diesen Beruf entscheidet, will nah am Menschen sein. Im Alltag erlebt er dann, dass er nie Zeit hat und vieles erledigen muss, das nichts mit Menschen zu tun hat. Wenn wir die Arbeit ändern, dann sind auch wieder mehr junge Menschen bereit, in die Pflege zu gehen. Ich fürchte, dass das System in ein paar Jahren kollabieren wird, wenn nichts geschieht.

Interview: Gabi Stief