Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland/Welt Empörung über geplante Koran-Verbrennung wächst
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Empörung über geplante Koran-Verbrennung wächst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:25 08.09.2010
Quelle: dpa
Anzeige

Ungeachtet eines Aufschreis in den USA hält der Pastor einer kleinen radikalen Kirchengemeinde in Florida an seinem Plan fest, zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September den Koran zu verbrennen. US-Außenministerin Hillary Clinton sprach am Dienstagabend (Ortszeit) von einem „respektlosen, schändlichen Akt“. Justizminister Eric Holder nannte das Vorhaben „idiotisch und gefährlich“. Der Kommandeur US-Truppen in Afghanistan, David Petraeus, hatte gewarnt, dass die Aktion Anschläge gegen US-Soldaten provozieren könnte.

Pastor Terry Jones von der 50-Seelen-Gemeinde in der Kleinstadt Gainesville, der Verbindungen nach Köln hatte, erklärte jedoch, er wolle die Verbrennung des heiligen Buchs der Muslime trotz der Proteste nicht absagen. „Wir müssen eine klare Botschaft an den radikalen Islam senden, dass wir seine Drohungen und die Verbreitung von Angst hier bei uns in Amerika nicht tolerieren“, erklärte er.

Nach Angaben der Christlichen Gemeinde Köln war Jones dort mehrere Jahre als Pastor tätig. Vor zweieinhalb Jahren habe sich die Gemeinde aber von ihm getrennt, weil sie mit sinen Ansichten nicht mehr übereingestimmt habe.

In Washington verurteilten auch religiöse Führer die Verbrennung des heiligen Buches der Muslime. Es handele sich zum ein „besonders ungeheuerliches“ Vorhaben, meinten muslimische, christliche und jüdische Vertreter. Auch mit Blick auf die hitzige Debatte über den geplanten Bau eines muslimischen Kulturzentrums nahe dem Ort der verheerenden Anschläge vom 11. September in New York mahnten sie religiöse Toleranz in den USA an. Sie beklagten eine „steigende Welle von Angst und Intoleranz“ in den USA.

"Respektlosigkeit gegenüber einer Religion"

Clinton sagte anlässlich eines Fastenbrechens im islamischen Monat Ramadan in Washington: „Ich fühle mich ermutigt von der klaren, unmissverständlichen Verurteilung dieses respektlosen, schändlichen Akts“ durch führende Vertreter aller Glaubensrichtungen in den USA. Clintons Sprecher Philip Crowley sprach von einer Provokation. Es zeige Respektlosigkeit gegenüber einer Religion. Er betonte zugleich, die Welt dürfe Amerika „nicht an der Aktion eines Pastors oder 50 seiner Anhänger“ messen. Die Stadtverwaltung von Gainesville habe die an diesem Samstag geplante Aktion zwar verboten. Es sei aber unklar, ob sich der Pastor daran halten werde.

Pastor Jones vom evangelikalen Dove World Outreach Center hat den 11. September zum „Internationalen Tag der Koran-Verbrennung“ erklärt. Damit solle der Opfer der Anschläge vor neun Jahren gedacht und dem radikalen Islam eine klare Absage erteilen werden. Der Koran „ist für den 11. September verantwortlich“, sagte er in einem Video auf der Website seiner Gemeinde. „Der Islam ist eine schlechte Religion.“

Muslime verlangen, dass ihr heiliges Buch mit höchstem Respekt behandelt wird. Verstöße werden als zutiefst beleidigend empfunden und haben wiederholt Gewalt ausgelöst. 2006 hatten Karikaturen des Propheten Mohammeds in dänischen Medien gewaltsame Proteste in der islamischen Welt ausgelöst, bei denen über 20 Menschen getötet worden waren. In Kabul ist es wegen der geplanten Koran-Verbrennung bereits zu Protesten gekommen. Wütende Gläubige verbrannten am Montag US- Flaggen und riefen „Tod Amerika“.

Auch NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, der sich in Washington aufhielt, äußerte sich besorgt. Koran-Verbrennungen widersprächen „allen Werten, für die wir stehen und für die wir kämpfen“, zitierte ihn die „Washington Post“.

Zollitsch sieht das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen gefährdet

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, äußerte die Sorge, „dass mit solchen intoleranten Angriffen das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in vielen Teilen der Welt gefährdet wird“.

Die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, erinnerte an die Bücherverbrennungen der Nazis 1933. „Die Vorstellung ist schrecklich und abstoßend“, sagte sie in München und zitierte den Dichter Heinrich Heine: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Man dürfe es nicht zulassen, „dass eine in bestimmten Kreisen praktizierte, oft subtile und fast immer stillschweigend akzeptierte Angst- und Hasspolitik unvermindert fortgesetzt wird und Früchte trägt“. Sie hoffe, dass sich die Vernunft und der Geist der Freiheit am Ende durchsetzten.

Zollitsch verurteilte die geplante Aktion als „inakzeptable und in keiner Weise hinnehmbare Provokation einer winzigen Minderheit“. EKD- Auslandbischof Martin Schindehütte erklärte, ein Verbrennen des Korans sei mit dem christlichen Zeugnis nicht vereinbar. Gerade zum Ende des Fastenmonats Ramadan, den Muslime in aller Welt in diesen Tagen begehen, gebe ein solcher Akt radikalen Positionen und Reaktionen neuen Nährboden.

Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Markus Dröge, sprach von einem Tiefpunkt der Unkultur. Islamische Autoritäten hätten sich unmittelbar nach dem 11. September 2001 sehr deutlich von dem Anschlag auf das World Trade Zentrum distanziert.

Kölner Gemeinde distanziert sich von Pastor Jones

Der radikale Pastor Jones, der die Verbrennung am Samstag am Jahrestag des Anschlags plant, war lange in Köln als Seelsorger tätig. Das bestätigte die freikirchliche „Christliche Gemeinde Köln“, sie grenzte sich aber zugleich scharf von seinem Vorhaben ab. „Wir distanzieren uns von dieser Aktion und möchten damit nicht in Verbindung gebracht werden“, sagte der zweite Vorsitzende der Glaubensgemeinschaft, Stephan Baar, der Nachrichtenagentur dpa. Zwischen der Gemeinde und Jones sei es 2008 nach finanziellen Unregelmäßigkeiten zum Bruch gekommen. Seitdem gebe es keinen Kontakt mehr.

Jones hatte die „Christliche Gemeinde Köln“ als Gemeinschaft von Bibelfundamentalisten in den 1980er Jahren gegründet. 2002 verurteilte ihn das Kölner Amtsgericht wegen Führens eines falschen Doktortitels zu einer Geldbuße von 3000 Euro.

Eine ähnliche Provokation wie in den USA - die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed - hatte 2005 weltweit teils gewaltsame Proteste von Muslimen ausgelöst. Der dänische Mohammed- Karikaturist Kurt Westergaard, der seitdem unter Polizeischutz leben muss, wurde am Mittwochabend in Potsdam erwartet. Für seine Unbeugsamkeit sollte der 75-Jährige im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Medienpreis ausgezeichnet werden. Die Ehrung war von scharfen Sicherheitsvorkehrungen begleitet.

dpa