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Deutschland/Welt Emmanuelle Charpentier: Diese Frau verändert die Welt
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11:55 08.04.2015
Von Carsten Bergmann
IHRE WELT IST DAS LABOR: Emmanuelle Charpentier forscht in Braunschweig, Hannover und Schweden.
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Hannover

Rampenlicht gehört für die meisten Wissenschaftler nicht gerade zur Wohlfühlzone. Ihre Welt sind die Labore, nicht der rote Teppich. Emmanuelle Charpentier hat sich an die Aufmerksamkeit inzwischen gewöhnt - gewöhnen müssen. Die Französin, die in Braunschweig, Hannover und im schwedischen Umeå arbeitet, wurde bereits mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Sie gilt als heiße Anwärterin auf den diesjährigen Nobelpreis. Und das mit gerade einmal 46 Jahren.

Emmanuelle Charpentier strahlt. In der Hand hält sie ihre bislang höchstdotierte Auszeichnung. Der Breakthrough-Prize in Life Sciences geht an führende Forscher, deren Entdeckung für Wissenschaft und Medizin große Bedeutung hat. Hollywood-Stars wie Cameron Diaz kommen zur Gala und sonnen sich im Ruhm. Welten prallen aufeinander. Welten, die Emmanuelle Charpentier mit ihrer Arbeit maßgeblich verändert.

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Die gebürtige Französin hat mit ihrem Team einen bakteriellen Mechanismus (CRISPR-Cas9) entdeckt, der jetzt als leistungsstarkes Verfahren der Gentechnik genutzt wird. Genveränderungen, die für schwere Erbkrankheiten oder Krebs verantwortlich sind, könnten mit CRISPR-Cas9 in menschlichen Zellen korrigiert und im besten Fall sogar ganz ausgeschaltet werden. In HIV-Patienten wäre eine gezielte Aktivierung von Genen denkbar, die helfen, das Virus zu bekämpfen. Die 46-Jährige hat mit dieser Entdeckung Möglichkeiten für medizinische Forschung geschaffen. Eine Sensation und Hoffnung für schwerkranke Menschen.

Und eine Leistung, die mit dem Breakthrough-Prize und drei Millionen Dollar belohnt wurde. Aber Charpentier bleibt bodenständig: „CRISPR-Cas9 ist ein wunderbares Beispiel dafür, welch große Rolle die Ergebnisse der Grundlagenforschung für Anwendungen in Biologie und Medizin haben.“

Die Wissenschaftlerin behält einen klaren Blick. Eine Eigenschaft, die sich mit den Jahren noch weiter geschärft hat. Als Grundlagenforscherin weiß sie, wie eng die Lücke zwischen Erfolg und Misserfolg ist, zwischen Euphorie und Frustration. Auch schläft Forschung nie. Nahezu rund um die Uhr drehen sich die Gedanken um Projekte und deren Finanzierung. Mit Forschungsgruppen an zwei Standorten ist dies unausweichlich.

Die 46-Jährige ist Weltenbummlerin. Frankreich, USA, Österreich, Schweden, Deutschland, Konferenzen und Vorträge auf dem gesamten Globus. Ein straffes Pensum. „Ich bin ständig an Neuem interessiert und habe auch in der Vergangenheit öfter die Forschungsrichtung gewechselt. Erfahrungen aus den unterschiedlichen Bereichen erleichtern mir, Neues zu riskieren und Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten“, sagt Emmanuelle Charpentier, die mit zwölf Jahren im Grunde schon wusste, dass sie gern Forscherin werden wollte. Damals war sie in der Schule von der Biologie begeistert und wollte verstehen, wie die Prozesse im Leben funktionieren. Eine Leidenschaft, die sie nie losgelassen hat.

Dieser Tage forscht die Französin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. An der Medizinischen Hochschule Hannover hat Charpentier zudem eine der 40 hoch dotierten Alexander-von-Humboldt-Professuren inne - als dritte Frau neben 37 Männern. Eine erfolgreiche Wissenschaftlerin in einer Männer-Domäne - erzeugt das nicht großen Neid? „Ich habe bisher keinen Neid zu spüren bekommen. Eher bekomme ich Zuspruch von den Kollegen, weil sie wissen, wie hart man in der Wissenschaft arbeiten und für finanzielle Unterstützung kämpfen muss“, sagt die sympathische Forscherin.

Bevor Charpentier nach Deutschland kam, leitete sie bereits in Schweden das Laboratory for Molecular Infection Medicine. Die Uni von Umeå gewährte der Französin viele Freiräume, glaubte an die Erfolge und gewährleistete eine Sicherheit, wie sie nicht häufig an Universitäten zu finden ist. Ein Umfeld, in dem Charpentier bahnbrechende Entdeckungen gelungen sind und das sie als junge Professorin in den Fokus der Wissenschaftswelt katapultiert hat. „Ich freue mich über diese Aufmerksamkeit, da sie der Wissenschaft gilt und so weitere Kollegen eine Plattform bekommen“, sagt die 46-Jährige.

Preise als Motivation für die Gemeinschaft - so versteht Charpentier die Bühne: „Es geht nicht darum, mich hervorzuheben. Die Auszeichnungen bestätigen generell die große Bedeutung der Grundlagenforschung, die den Schlüssel zu neuen Mechanismen und Fortschritten liefert.“

von Carsten Bergmann