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Deutschland/Welt Eine Chance für die Atomkraft
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21:03 23.10.2009
Von Margit Kautenburger
Protest am AKW Unterweser: Jürgen Janssen von der Initiative „Aktion Z“ hoffte auf ein Ende des Reaktors 2012, doch der Ausstieg wird widerrufen.
Protest am AKW Unterweser: Jürgen Janssen von der Initiative „Aktion Z“ hoffte auf ein Ende des Reaktors 2012, doch der Ausstieg wird widerrufen. Quelle: ddp
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Schon während der Koalitionsverhandlungen gab es Sitzblockaden, am Endlager Morsleben bei Helmstedt ist heute eine Demonstration geplant, die Anti-Atom-Bewegung kündigt eine Verschärfung des Widerstands an. Die Grünen sprechen mit Blick auf die Pläne von Schwarz-Gelb von einem „Frontalangriff auf den inneren Frieden“. Und auch der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen warnt vor falschen Weichenstellungen in der Energiepolitik.

Dabei ist noch ziemlich nebulös, wohin genau die Reise geht bei den deutschen Atomkraftwerken. Union und FDP sind sich nur darin einig, die Atomkraft als Übergangstechnologie noch einige Zeit weiter zu betreiben, länger zumindest als die bislang festgelegten 32 Jahre Betriebszeit pro Reaktor. Doch darüber hinaus ist noch fast alles unklar. Die Verhandlungen stocken. Gerungen wird noch um die Frage, ob die Reaktoren pauschal acht oder zehn Jahren länger laufen dürfen, die Lebensdauer völlig offengehalten wird, wie die Union es gerne hätte, oder ob dies nach Einzelfall entschieden wird.

Nochwirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) betont, die Atomkraft solle nur eine „Brückentechnologie“ sein. FDP-Umweltpolitiker fordern hingegen zu benennen, wo Anfang und Ende dieser Brücke liegen sollen. Erschwert wird die Diskussion durch die Idee der Gegenleistung. Die Zusatzgewinne von abgeschriebenen Atomkraftwerken sollen nach dem Vorschlag von Unionspolitikern in einen Fonds zur Förderung erneuerbarer Energien eingezahlt werden. Über den Art und den Umfang gibt es aber noch keine genauen Pläne.

Kritiker wie Christian Hey, Berater der Bundesregierung in Umweltfragen, haben Zweifel an diesen Plänen. Der geplante Ausbau der erneuerbaren Energien werde behindert, er passe nicht zu längeren Betriebszeiten für die Atomreaktoren und dem Bau neuer Kohlekraftwerke. Auch Manager der Ökostrombranche vermissen ein tragfähiges Konzept für die künftige Energieversorgung. „Das Gerede von Brückentechnologie ist Unsinn“, bemängelt Christian Friege, Vorstandsvorsitzender des Ökostromanbieters Lichtblick in Hamburg, dem Marktführer der Branche. Gebraucht werde ein neues Modell der Stromproduktion, denn mit den schwerfälligen Atomkraftwerken, die 24 Stunden brauchten, bis sie volle Leistung lieferten, könne die schwankende Wind- oder Sonnenenergie nicht ausgeglichen werden. Nötig seien vielmehr flexible Gaskraftwerke oder viele dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, um die Schwankungen auszugleichen. „Wenn wir die Laufzeiten verlängern, wird die Energiewende verhindert“, warnt Friege. Alles, was Deutschland sich in den vergangenen Jahren aufgebaut habe, würde gefährdet.

Auch in der Union gibt es Stimmen, die statt eines raschen Ausstiegs aus dem Ausstieg lieber ein umfassendes Energiekonzept ausarbeiten würden. Damit könnte die Koalition Zeit gewinnen und die Debatte über die Details der Laufzeitverlängerungen aus dem wichtigen Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen heraushalten, ist zu hören. Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU), der mit einem Jamaika-Bündnis regiert, hat sich offen gegen längere Laufzeiten ausgesprochen.

Doch selbst wenn die Meiler länger Strom liefern dürfen, werden nicht alle Wünsche der Stromkonzerne in Erfüllung gehen. Sollte künftig allein die Sicherheit über die Lebensdauer der Reaktoren entscheiden, bedeutete dies folgerichtig das Ende für die älteren Anlagen. Die acht ältesten der insgesamt 17 deutschen Kernkraftwerke haben weniger Sicherheitseinrichtungen, sind teilweise nicht gegen Terrorangriffe mit Passagierflugzeugen gerüstet und weisen mehr Pannen auf als die jüngeren Anlagen. Es handelt sich um Reaktoren aus den siebziger Jahren, dazu gehören die Siedewasserreaktoren Brunsbüttel, Isar 1, Philippsburg und Krümmel sowie die Druckwasserreaktoren Biblis A und B, Neckarwestheim 1 und Unterweser. Fünf dieser acht AKW sind derzeit ausgeschaltet. „Eine Stromlücke ist dadurch noch nicht entstanden“, sagt Lichtblick-Vorstand Friege.