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Deutschland/Welt Ein harter Mann für harte Zeiten: Koch geht
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21:53 25.05.2010
Von Michael Grüter
Wechselt in die Wirtschaft: der hessische Ministerpräsident und CDU-Parteivize Roland Koch.
Wechselt in die Wirtschaft: der hessische Ministerpräsident und CDU-Parteivize Roland Koch. Quelle: dpa (Archiv)
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Am 50. Geburtstag Roland Kochs muss der hessische Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir dem Regierungschef mal ausnahmsweise innerlich nahe gestanden haben. Beide teilten einen durchaus intimen Gedanken. Vor gut einem Jahr also wünschte Al-Wazir seinem politischen Gegner Gesundheit und „neue Perspektiven“. Der 50. Geburtstag, gab er dem Jubilar mit auf den Weg, sei „vielleicht der richtige Zeitpunkt, sich zu überlegen, ob man im Leben nicht mal etwas völlig Neues machen soll.“

Das hat Koch auch so gesehen. Doch er behielt es zu diesem Zeitpunkt noch für sich, gerade zwei Monate, nachdem er zum zweiten Mal vom Wähler als Ministerpräsident bestätigt worden war, allerdings mit bescheidenem CDU-Ergebnis. Das Patt zwischen SPD und CDU aus der Landtagswahl ein Jahr zuvor, das Koch als amtierender Ministerpräsident überstanden hatte, war überwunden. Eine CDU-FDP-Koalition verfügt seit der Neuwahl Ende Januar 2009 über eine stabile Mehrheit in Hessen. Ein gutes Jahr später überrascht Koch die politische Szene damit, dass er nun bald etwas völlig Neues machen wolle. Der Jurist will in die Wirtschaft, wartet auf Angebote.

Nach seinem 50. Geburtstag – wir dürfen annehmen, unabhängig von Al-Wazirs Anregung – habe er zwei Frauen ins Vertrauen gezogen, erzählte Koch jetzt: Ehefrau Anke, mit der er seit 26 Jahren verheiratet ist und zwei Söhne groß gezogen hat, und die CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In Kochs Abschiedserklärung von der Politik kommt dieser Passage eine zentrale Bedeutung zu. Sie dient als Beleg dafür, was er mehrfach betont: Er gehe freiwillig, auf „etwas wackligen Beinen“ zwar, aber präzise geplant. Er ziehe sich aus der aktiven Arbeit für die CDU „als Freund“ zurück, „nicht im Unfrieden, nicht im Streit mit irgendjemandem im Land oder in Berlin“.

Koch mokiert sich über Journalisten, die jeden inhaltlichen Vorstoß auf Karriere-Ambitionen abklopfen. Ihm ist zig-mal nachgesagt worden, er wolle nach Berlin, wenn nicht auf Anhieb als Kanzler, dann doch als Finanzminister. Aber Merkel wolle sich ihn nicht als Rivalen ins Kabinett holen. Im Versuch, das auszuräumen, wird Koch sogar indiskret. Er wolle keine Details aus Gesprächen mit Merkel berichten, doch wer die Kanzlerin kenne, wisse, dass sie in solchen Fragen immer wieder das Gespräch führe. Sie habe versucht, ihn umzustimmen, soll das heißen. Was allerdings nicht ausschließt, dass sie ihn gerne auf Distanz hält. Diese Sicht hatte zuletzt durch das Echo auf Kochs Äußerungen zur Finanzpolitik neue Nahrung erhalten. Mit seinem Vorstoß, an der Bildung zu sparen, erntete er in der CDU Kopfschütteln. Koch wurmt die Vorstellung, er wirke frustriert. Politik sei Teil seines Lebens, erklärte der Regierungschef, um zu seinem Punkt zu kommen: „Politik ist nicht mein Leben.“ Die Äußerung mag bei einem Mann verwundern, der seit seinem 14. Lebensjahr politisch aktiv ist, jüngster CDU-Kreisvorsitzender, jüngster Ministerpräsident, aber nie jüngster Kanzler war. Darüber hinaus ist von Koch haften geblieben ist, dass er hin und wieder selber Gerichte zubereitet und überdies den Dalai Lama als Menschen verehrt.

Politik soll nicht Kochs Lebens sein? Solcher Feststellung über das eigene Leben wohnt eine Wahrheit inne, die nur der Betreffende selber ausloten kann. Koch hat es vor. Wenn es schwer fällt, sie einfach hinzunehmen, liegt das daran, dass der 51-Jährige das Bild eines Politikers in Deutschland geprägt, ihm markante Konturen verliehen hat. Er gilt als einer, der Klartext spricht, auch anderen auf die Füße tritt. „Ich habe offenbar das Privileg, Menschen aufregen zu können“, sagte Koch jetzt in einem Interview. Er wolle das gar nicht vermeiden. Er glaube vielmehr, „dass wichtige demokratische Prozesse ohne Aufregung gar nicht in Gang kommen.“

Der Hesse ist wahrlich kein Publikumsliebling. Er besitzt einen laschen Händedruck, ein oft spöttisches Lächeln, einen manchmal scheuen Blick: Dass der 51-Jährige dennoch über zwanzig Jahre lang eine zentrale Größe in den bundesdeutschen Politik war, verdankt er harter, kompetenter Regierungsarbeit, seinem scharfen Intellekt und der Bereitschaft, davon im Notfall hemmungslos Gebrauch zu machen.

Koch ist groß geworden in den Siebzigern, hat seine politische Heimat in der konservativen Hessen-CDU Alfred Dreggers. Den darin angelegten Zwiespalt zwischen liberaler Modernität und Konservatismus hat der Hesse nie abgelegt, aber zwei Mal ressentimentgeladen aufgelöst: 1999, als er mit einer Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft Rot-Grün aus der Staatskanzlei vertrieb, und 2008, als er wieder mit Stimmung gegen Migranten kalkulierte, um im Amt zu bleiben. Die Wiederholung war weniger erfolgreich. Dem Zugewinn der FDP verdankte Schwarz-Gelb seine Mehrheit.

„Jeder Mensch hat ein Recht darauf, bis an seine Grenzen zu kommen“, sinnierte Koch Mitte 2008. Ihm mag damals klar geworden sein, dass er landespolitisch den Punkt erreicht hat. Koch konnte nur noch hoffen, durch Fehler der SPD eine Niederlage abzuwenden. Er zockte. Es war eine Wette auf die Zukunft. „Da war auch Glück dabei“, räumte er später ein.

Und bundespolitisch? Kochs letzte Wahlkampagne stand unter dem Motto: „In Zeiten wie diesen“. Davon ist es nicht weit zur Überschrift: „Ein harter Mann für harte Zeiten“, unter der ein Wechsel von Merkel zu Koch firmieren könnte. Ausgeschlossen ist das nicht, aber nicht eben wahrscheinlich. Nur konnte Koch nicht viel länger in Wiesbaden warten. „Ihm brennt die Zeit unter den Nägeln“, meinte kürzlich ein Ministerpräsidenten-Kollege. Die Hessen-CDU wolle mit ihm nicht wieder in einen Wahlkampf ziehen.