Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland/Welt Duett statt Duell
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Duett statt Duell
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:26 14.09.2009
Merkel und Steinmeier in sachlichem Duell
Merkel und Steinmeier in sachlichem Duell Quelle: ddp
Anzeige

Von Christoph Slangen und Andreas Herholz


Ist die Kanzlerin eine Marktradikale? Frank-Walter Steinmeier stutzt: „Das kann ich nicht mit letzter Sicherheit beantworten.“ Angela Merkel lächelt - süffisant. Wieder hat ihr Kontrahent eine Vorlage verpasst. Nein, wirklich aggressiv wird Herausforderer Steinmeier nicht. Merkel aus der Reserve locken, die präsidiale Kanzlerin argumentativ übertrumpfen - kein leichtes Spiel. Das scheint bereits nach wenigen Minuten TV-Duell festzustehen. 90 Minuten Redeschlacht in Berlin-Adlershof, live, vor Millionenpublikum.

Schlagabtausch im 90-Sekunden-Takt. Steinmeiers letzte Chance, 14 Tage vor der Wahl. 40 Prozent der Wähler sollen noch unentschieden sein. Auf zur Attacke also? Doch so präsidial sich die Kanzlerin gibt - so wenig energisch rüttelt Steinmeier an ihrem Stuhl.


An Vorlagen für den SPD-Kandidaten mangelt es nicht: Gleich zu Beginn darf Steinmeier begründen, warum die Kanzlerin nicht wieder gewählt werden soll: „Weil es eine bessere Alternative gibt, nämlich mich!“, sagt er forsch und schnell. Doch als sei ihm das schon fast zu keck, lobt er darauf die Große Koalition. Und Angela Merkel steht ihm in Lob für die letzten vier Jahre nicht nach: Warum Steinmeier der Schlechtere sei? Da antwortet sie nicht, sondern: „Die Große Koalition hat in der Tat gut gearbeitet - unter meiner Führung!“ So macht Merkel im Nebensatz klar, wer Koch und wer Kellner ist.

Die Moderatoren, Maybrit Illner, Frank Plasberg, Peter Limbourg und Peter Kloeppel wirken von der großkoalitionären Harmonie genervt, unruhig: Mehr „Duett als Duell“, sei das. Merkel schnappt zurück: „Ob das Duett oder Duell ist, wollen wir den Zuschauern überlassen“. Duell zwischen Moderatoren und Kandidaten statt den Duellanten auf dem Podium.

Die Uhr läuft, beide referieren, statt sich zu attackieren: Finanzkrise, Opel, Mindestlöhne - Merkel und Steinmeier warten mit Fachwissen und Detailkenntnis auf. Steinmeiers Angriffe kommen weiter schaumgebremst daher: „Die Große Koalition ist unter ihren Möglichkeiten geblieben“, heißt es dann oder: „Das wird auch nicht genügend auf Ihrer Seite gesehen.“ Mehr an verbaler Offensive ist nicht drin. Steuersenkungen? „Das ist nicht möglich“, insistiert Seinmeier.


Scharmützel mit den Moderatoren. „Das ist nicht fair“, geht Frank-Walter Steinmeier um 21.41 Uhr RTL-Moderator Peter Kloeppel an. Der hatte von Steinmeiers Plan gesprochen, 2013 aus Afghanistan abzuziehen. Falsch zitiert sei das, grollt Steinmeier. Er wolle bis 2013 Voraussetzungen für den Abzug schaffen. Das Afghanistan-Papier als Überraschungscoup hatte Steinmeier noch am Wochenende lanciert. Doch Merkel bleibt ruhig, sachlich, spricht ebenfalls von inhaltlichen Voraussetzungen für einen Abzug.


Erst am Ende kommt Stimmung auf - und es ist Merkel, die attackiert: „Mangel an Glaubwürdigkeit“ wirft sie Steinmeier vor. Er habe nicht verhindert, dass die SPD mit den Linken eine eigene Kandidatin für das Bundespräsidentenamt wählen wollte. Dafür müsse er sich „entschuldigen“.


Im Studio H, direkt neben dem Sendestudio, sind die Anhänger der Kandidaten, die Spin-Doktoren, ein wenig Prominenz und viele Journalisten untergebracht. Zwei Großbildleinwände, weiße Lederhocker, Stuhlreihen für die Anhänger, blaue und rote Riesenlampen im 70er-Jahre-Stil an der Decke - eine Mischung aus Lounge-Atmosphäre und Boxring. „Das wird ein guter Start heute“, gab SPD-Chef Franz Müntefering die Parole für die Aufholjagd aus. Doch echte Stimmung kommt beim Live-Duell nicht auf - mal Gelächter, mal verhaltener Beifall. Ein befreiter Jubel nach einem verbalen Treffer - darauf warten auch die Anhänger vergebens.


In Studio B ist die Duell-Kulisse aufgebaut: Die Pulte der beiden 2,40 Meter entfernt, Merkel steht aus Zuschauersicht links, der Herausforderer rechts auf rotem Teppich. Um buchstäblich Augenhöhe zwischen Kanzlerin und Kandidat zu gewährleisten, ist ein mit Teppich überzogener Holzblock als Podest hinter Merkels Pult eingearbeitet. Stift und Block jeweils vor den beiden, dazu ein Glas Wasser - mehr Hilfsmittel für die Duellanten gibt es nicht. Neun Kameras und 200 Scheinwerfer fangen jede Bewegung ein, sollen die
Kontrahenten ins rechte Licht setzen. 54 Prozent der Deutschen wollten am Bildschirm dabei sein, 20 Millionen Zuschauer erwarteten die vier Sender.

„Das ist ein Platzpatronen-Duell“, hatte FDP-Chef Westerwelle gespottet und den zu erwartenden Stil des Schlagabtauschs karikiert: „Nicht wahr, Frank-Walter, es war nicht alles schlecht“ würde die Kanzlerin sagen und der antworten: „Da hast Du recht, Angela.“ Großkoalitionäre Harmonie statt verbalem Schlagabtausch? Die Anhänger der SPD erhofften sich etwas anderes: Angriff, Leidenschaft, eine Entzauberung der präsidialen Kanzlerin. Die früheren TV-Duellanten meldeten sich am Sonntag zu Wort. Ex-Kanzler Gerhard
Schröder gab seinem Ex-Kanzleramtschef verbale Unterstützung: Steinmeier werde „erstens eine gute Vorstellung liefern und zweitens damit dazu beitragen, dass dieser Umfrage-Käse wieder nach oben geht.“ Und Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber, aus dem Jahr 2002 duellerfahren gegen Schröder, hatte öffentlich Tipps gegeben und aus seiner Erfahrung geplaudert: „Die Minuten vor dem Duell bedeuten die stärkste Anspannung im Leben eines Politikers.“ Nur wer Überraschungen biete, könne in Führung gehen: „Brennen und Emotionen
wecken“, so die Forderung Stoibers. Doch die beiden Rivalen um das Kanzleramt setzten auf Argumente statt Emotionen.