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Deutschland/Welt Die einstige „Mexiko-Grippe“ wird zur globalen Gefahr
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Die einstige „Mexiko-Grippe“ wird zur globalen Gefahr
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20:25 02.08.2009
Von Alexander Dahl
Ein wirklich sicheres Mittel gegen die Schweinegrippe gibt es noch nicht. Quelle: Oliver Lang/ddp
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Mehr als 75 000 Menschen sind am Wochenende im schleswig-holsteinischen Dorf Wacken gewesen, um dort das weltgrößte Heavy-Metal-Festival zu genießen. Die Polizei fasste eine Bande rumänischer Taschendiebe, die Ordner lieferten sich Rangeleien mit betrunkenen und aggressiven Jugendlichen – doch eine echte Bedrohung für das Fest machten die Veranstalter ganz woanders aus: Wegen der weltweit grassierenden Schweinegrippe hatten Ärzte und Sanitäter des Festivals große Mengen antiviraler Medikamente beschafft und Isolationsräume eingerichtet. Die befürchtete Masseninfektion blieb einstweilen aus; am Sonnabendabend gaben die Mediziner vor Ort Entwarnung.

Weltweit bleibt die Gefahr einer grassierenden Seuche dagegen weiter bestehen. Dabei war die Krankheit im April anfänglich sogar als gleichsam nur regionale „Mexiko-Grippe“ bezeichnet worden. Doch schon Anfang Juni stufte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation ( WHO), Margaret Chan, die Schweinegrippe in die höchste Warnstufe ein und erklärte sie damit zur Pandemie – die Gefahr, dass der Erreger mit der medizinischen Bezeichnung H1N1 einen weltweiten Seuchenzug antritt. Etwa 30 000 Infizierte in 74 Ländern hatte die WHO registriert; auf zwei Kontinenten hatte es etwa 150 Grippetote gegeben. Chan versicherte schon damals, dass die H1N1-Welle eine milde Pandemie sei; Reise- oder Handelsbeschränkungen forderte sie nicht.

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Tatsächlich äußert sich eine Schweinegrippeninfektion durch Halsschmerzen, Schnupfen und Husten; mitunter auch Fieber und Gliederschmerzen – vergleichbar der alljährlichen Grippewelle in den Herbst- und Wintermonaten, von der deutschlandweit rund 5000 Menschen infiziert werden, ohne das dies Besorgnis auslöst. „Tatsächlich scheint der Erreger harmlos zu sein“, sagt Alexander Kekulé, Virologe und Chef des Instituts für Immunologie in Halle. Möglich sei, dass sich die Zahl der Erkrankten in den kommenden Monaten sprunghaft steigere. „Aber dass sich das Virus in eine tödliche Menschheitsbedrohung verwandeln könnte, dafür gibt es momentan keine Anzeichen.“

In Deutschland sind derzeit etwa 6000 Menschen mit der Schweinegrippe infiziert – mit steigender Tendenz. Allein am 29. Juli wurden 635 neue Fälle gemeldet. Die meisten Patienten in Behandlung befinden sich in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Württemberg und Niedersachsen – hier haben sich etwa 1080 Menschen angesteckt. Wenn Ende August in weiteren Bundesländern die Sommerferien zu Ende gehen, dürfte die Zahl noch emporschnellen, weil dann die Urlauber aus den südlichen Regionen Europas nach Hause zurückkehren. Die überwiegende Mehrheit der bisher Erkrankten schleppte den H1N1-Virus aus Spanien ein.

In der EU rechnet der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Europaparlament, Jo Leinen (SPD), mit einer Million Erkrankter Ende des Jahres. Die Zahl sei noch konservativ geschätzt, die Skala sei nach oben hin offen, sagte Leinen am Wochenende und forderte die Pharmaindustrie auf, Impfstoff für rund 150 Millionen Europäer bereitzustellen. Allein die Bundeshauptstadt Berlin stellte vergangene Woche einen „Rahmenplan Influenza-Pandemie“ auf und prognostiziert im günstigsten Fall 450 000 Erkrankungen im Stadtgebiet.

So unklar wie der Epidemieverlauf ist, so umstritten ist seit dem Wochenende auch der Wirkstoff, mit dem gegen die Seuche geimpft werden soll. Experten kritisieren, dass das Serum nicht ausreichend getestet wurde und starke Nebenwirkungen hat. Dennoch bestellten die Gesundheitsminister der Länder am vergangenen Freitag beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) 50 Millionen Dosen, ausreichend für das Impfen von 25 Millionen Bundesbürgern. „Was wir hier erleben, ist ein Großversuch an der deutschen Bevölkerung“, warnt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des pharmakritischen „Arznei-Telegramms“. Anlass für Bedenken ist, dass der Impfstoff ein bisher einmaliges beschleunigtes Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA in London durchlaufen hat. Der Bremer Pharmakologe Peter Schönhofer sagte, das aktuelle Serum sei nach dem „selben Strickmuster“ gebaut, wie eines, das die USA bereits in den siebziger Jahren testeten, aber wieder zurückzogen. Damals, im Jahr 1976, erkrankten auf einer US-Militärbasis 13 Soldaten am H1N1-Virus, einer von ihnen starb. Aus Angst vor einer großen Seuche wurden in aller Eile etwa 40 Millionen Amerikaner geimpft – mit mitunter schlimmen Folgen, denn Ärzte diagnostizierten bei etwa einem Prozent der Geimpften Nervenerkrankungen bis hin zu Lähmungen der Beine und der Atemwege.

Trotzdem wollen die USA, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und die Schweiz Schweinegrippen-Serum für die gesamte Bevölkerung einlagern. Dass Deutschland nur etwa ein Drittel der Bevölkerung impfen will, nennt der Virologe Kekulé „vernünftig“. Schließlich seien die Deutschen für ihre Impfmüdigkeit „berüchtigt“; vor der normalen herbstlichen Grippewelle lassen sich nur etwa ein Fünftel aller Deutschen einen Immunschutz spritzen.

Viele Bundesbürger schenken der Schweinegrippe denn auch weiterhin kaum Beachtung. Einer aktuellen repräsentativen Umfrage zufolge ändert etwa die Hälfte der Befragten ihr Verhalten nicht. Nur rund 20 Prozent werden größere Menschenansammlungen vermeiden – und 16 Prozent möchte niemanden mehr die Hand schütteln oder zur Begrüßung einen Kuss geben.