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Deutschland/Welt Die Metaller erfinden sich neu
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20:45 07.10.2011
Vater des Fortschritts: Der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber hat seine Gewerkschaft auf einen neuen Kurs gelenkt. Quelle: dpa
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Karlsruhe

Als der nüchterne Schwabe sich 2003 daran machte, die IG Metall zunächst als Vize, dann als Chef zu erneuern, erschien dies als kühnes Vorhaben: Gespalten in die Lager der Traditionalisten und der Reformer war die größte deutsche Gewerkschaft damals hin- und hergerissen. Auf der einen Seite stand der Anspruch, ein Bollwerk zur Verteidigung der einst stolzen Besitzstände der Industriearbeiterschaft zu sein – auf der anderen Seite ein wachsendes Verständnis für die komplizierten Erfordernisse der globalisierten Wirtschaft. Dass seine Gewerkschaft, die Jahr für Jahr Zigtausende Mitglieder verlor, die Kraft zur Erneuerung finden würde, darauf hätte Huber nicht gewettet. Doch Huber hat es geschafft – auch wenn er zurückhaltend nur von einer „ersten wichtigen Etappe“ spricht.

Am Sonntag beginnt in Karlsruhe das Treffen seiner Gewerkschaft – und zum ersten Mal seit 22 Jahren ist die Mitgliederzahl gewachsen. Bis Jahresende hofft der Chef auf ein Plus von 15 000 auf dann mehr als 2,24 Millionen. Die Beitragseinnahmen erreichen Rekordhöhe und sorgen erstmals seit zwei Jahrzehnten für einen ausgeglichenen Haushalt. Eine solche Bilanz kann keine andere DGB-Gewerkschaft vorweisen.

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Die größte Einzelgewerkschaft Europas profitiert nicht nur vom kräftigen Aufschwung der deutschen Metall- und Elektroindustrie in den vergangenen beiden Jahren, sondern auch und gerade vom gelungenen Krisenmanagement in der dramatischen Phase der Jahre 2008/2009. In der Tarifpolitik legte die IG Metall jegliches Kampfgetrommel ab und konzentrierte sich gemeinsam mit den Arbeitgebern auf die Sicherung der Arbeitsplätze. Huber flankierte dies mit bemerkenswert erfolgreichen politischen Initiativen: Die von der Großen Koalition beschlossene Abwrackprämie zugunsten der Autoindustrie und die massive Nutzung der Kurzarbeit gingen auf Impulse der Gewerkschaft zurück. SPD-Mitglied Huber hat sich in den schwierigen Monaten der Finanzkrise die persönliche Achtung der Bundeskanzlerin und CDU-Chefin erworben. Dem Vernehmen nach pflegen die beiden auch heute noch einen kurzen Draht.

Dieses konstruktive Verhältnis zur Regierung – unter Merkels Vorgänger Gerhard Schröder von der SPD weit weniger ausgeprägt – verträgt offensichtlich sogar eine ungewöhnliche Belastung. Denn die von Hubers Vize Detlef Wetzel vorangetriebene Verschlankung der Organisation dürfte bei den Vorstandswahlen in Karlsruhe ausgerechnet ein CDU-Mitglied das Amt kosten. Um ihre Tarifpolitik näher an den Betrieben gestalten zu können, hat die IG Metall in den vergangenen beiden Jahren Stellen und Geld von der Frankfurter Zentrale in die regionalen Verwaltungsstellen umgeleitet. Als vorläufiger Abschluss der Dezentralisierung steht nun die Verkleinerung des geschäftsführenden Vorstandes von sieben auf fünf Mitglieder an. Neben Wolfgang Rhode soll auch Regina Görner weichen, die seit 2005 für die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft im Führungsgremium saß.

Merkel habe wegen der pikanten Personalie das Gespräch mit ihm gesucht, räumte Huber vor wenigen Tagen in einem Interview freimütig ein – um ganz kühl fortzufahren: „Ich habe ihr erklärt, dass ich gerne eine qualifizierte Kollegin oder einen Kollegen aus der Union mit einer gewerkschaftlichen Biografie als geschäftsführendes Vorstandsmitglied möchte. Dafür braucht es aber geeignete Vorschläge.“ Da es die offenbar nicht gab, verbleiben neben dem parteilosen Hans-Jürgen Urban die vier SPD-Mitglieder Huber, Wetzel, Bertin Eichler und Helga Schwitzer im Führungsgremium. Diese offen zur Schau getragene Unbekümmertheit um den Volksparteienproporz hat die Kanzlerin aber offenbar nicht vergrätzt: Die Einladung, auf dem Kongress eine Rede zu halten, hat sie nicht abgesagt.

Die politischen Diskussionen der Gewerkschafter werden sich zwischen dem 9. und 15. Oktober vor allem um die europäische Finanzkrise, die Mitbestimmung der Arbeitnehmer und eine „neue Ordnung“ auf dem Arbeitsmarkt drehen. Die IG-Metall-Führung plädiert für eine stärkere Europäisierung der Wirtschaftspolitik, eine viel entschlossenere Regulierung der Finanzmärkte, die Eindämmung von Leiharbeit und Niedriglohnjobs sowie mehr Mitbestimmung der Beschäftigten. Der Gewerkschaftstag wird am Sonntagabend mit einem Grußwort von Bundespräsident Christian Wulff eröffnet.

Die Verkleinerung des geschäftsführenden Vorstandes, der die 481 Delegierten mit Zweidrittelmehrheit zustimmen müssen, ist nur ein Zwischenschritt bei der Neuaufstellung der IG Metall. Außer dem 50-jährigen Sozialpolitiker Urban nähern sich die Vorstandsmitglieder dem Rentenalter. Der 61-jährige Huber will zwar für weitere vier Jahre wiedergewählt werden, hat aber angekündigt, die Nachfolgeentscheidungen auf einem außerordentlichen Gewerkschaftstag im Jahr 2013 auf den Weg zu bringen. Dann sollen weitere Vorstandsmitglieder ausscheiden und jüngere Gewerkschafter aufrücken. Die Spekulationen konzentrieren sich auf zwei Männer: den 55-jährigen Leiter des mächtigen Bezirks Baden-Württemberg, Jörg Hofmann, und seinen 39-jährigen Amtskollegen Oliver Burkhard aus Nordrhein-Westfalen.

Mathias Philipp