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Deutschland/Welt Die Krise scheint an Dresden vorüberzuziehen
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Die Krise scheint an Dresden vorüberzuziehen
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20:42 25.08.2009
Von Klaus Wallbaum
Blick auf Dresden. Quelle: ddp
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Oberbürgermeisterin Helga Orosz reagiert schnell und ohne viel Federlesen: Sie lässt in der Stadt mehrere Container aufstellen, in denen Erzieherinnen künftig Kindergartenkinder betreuen.

Sonderlich ungewöhnlich ist so ein Notprogramm in Deutschland nicht, aber ungewöhnlich an diesem Ort. Denn eigentlich ist die sächsische Landeshauptstadt Dresden noch aus DDR-Zeiten mit reichlich Tagesstätten ausgestattet – ganz anders als vergleichbare Städte im Westen. Nun fehlen hier inzwischen 2000 Plätze für die Kleinsten. Warum? Dresden boomt, immer mehr Familien mit Kindern ziehen hierher. Von wegen der Osten blutet aus, die Leute ziehen scharenweise weg, und die Landschaft verödet. In Dresden passiert das Gegenteil.

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Tatsächlich leiden die östlichen Bundesländer darunter, dass viele junge Menschen ihr Glück im Westen suchen. Auch Sachsen bleibt davon nicht verschont. In manchen Ecken, etwa im Erzgebirge und in der Oberlausitz, sieht es düster aus. Aber auf der anderen Seite gibt es im Freistaat drei Zentren, die auf die umliegende Gegend eine magnetische Wirkung ausüben. Neben Dresden behaupten sich auch Leipzig und Chemnitz. Leipzig ist und bleibt die Handelsmetropole, im Norden der Stadt entstehen neue Frachtumschlagszentren. In Chemnitz haben sich viele Hochschuleinrichtungen angesiedelt, zwischen Chemnitz und Zwickau hat sich die Fahrzeugindustrie ausgebreitet.

Die Perle aber ist Dresden, einer der fünf größten Standorte für Mikroelektronik weltweit. Ein Netzwerk war Anfang der neunziger Jahre unter dem damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf entstanden – ein Verbund von mehr als 1000 kleinen Firmen, vier Universitäten, fünf Fachhochschulen und mehreren Forschungseinrichtungen. Damit gab man ein Signal für weitere Firmen, sich niederzulassen und zu investieren. Biedenkopf war der Garant für Verlässlichkeit. In der Zwischenzeit sind durchaus düstere Wolken am Horizont aufgezogen. Die Krise der Mikroelektronik schlägt durch. Die Firma Qimonda, Nachfolger von Siemens und AMD, ist insolvent und produziert nicht mehr, die Suche nach neuen Investoren blieb bisher ohne Erfolg.

Noch spiegeln sich die Probleme nicht im Stadtbild wider. Dresden wächst und gedeiht weiter. Die einen meinen, diese Stadt habe inzwischen eine eigene Stärke, die auch den Rückgang bei der Mikroelektronik verkraftbar mache, die Photovoltaikproduktion könne das auffangen. Das sind die Optimisten. Die Pessimisten sagen, das ganze Ausmaß der Krise werde in einigen Monaten sichtbar, wenn alle Übergangshilfen und Abfederungen auf dem Arbeitsmarkt ausgelaufen sind.

Wie auch immer – Dresden ist als Krisenstadt kaum vorstellbar. An einem normalen Arbeitstag in diesem Sommer wirkt dieser Ort, als habe jemand ein Großereignis angekündigt: Immer neue Reisebusse fahren vor, Menschengruppen steigen aus, bewaffnet mit Fotoapparaten und Filmkameras, sie bewegen sich langsam und neugierig durch die historische Altstadt, bevölkern die Brühlsche Terrasse und stellen sich in die Schlange, die sich vor dem Eingang der wieder aufgebauten Frauenkirche gebildet hat. Die Hauptstadt versprüht etwas vom starken Selbstbewusstsein des Freistaats Sachsen.

Mit diesem Sachsen-Stolz helfen sich die Menschen durch die Krise. Der Freistaat ist besser gerüstet als andere. In den Jahren 2000 bis 2008 wuchs die Wirtschaft um 15,7 Prozent – stärker waren nur die Bayern. Knapp 14 Handwerksbetriebe gibt es auf 1000 Einwohner – das ist deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. Bei der Pro-Kopf-Verschuldung glänzt das Land außerdem mit dem bundesweit zweitniedrigsten Wert, und das trotz der Risiken, die mit der Pleite der Sachsen-Landesbank noch einhergehen. Außerdem ist das sächsische Bildungssystem bundesweit vorbildlich, regelmäßig schneidet das Land in Vergleichen der Schulorganisation gut oder sehr gut ab.

Woran liegt das? Ganztagsunterricht mit Mittagessen wird in Sachsen schon seit jeher angeboten, auch dies ist ein Erbe aus DDR-Zeiten. Früh hat sich das Land nach der friedlichen Revolution 1989 auch entschieden, nach der vierjährigen Grundschule zwei Schultypen zur Wahl zu stellen – das Gymnasium und die Mittelschule, eine Verbindung von Real- und Hauptschule. Seit langem legen die Schüler nach Klasse zwölf das Abitur ab. In vielen westlichen Ländern sind all diese Themen mit Übergangsschwierigkeiten verbunden: Mühsam organisieren die Ganztagsschulen das Mittagessen, die Schulzeit zum Abitur muss oft verkürzt werden, ohne dass die Lehrpläne zuvor entrümpelt wurden.

Und einige schmerzhafte Reformen sind bereits durchgestanden. Vor wenigen Jahren ging es um die Frage, wie viele kleine Schulen auf dem Lande wegen des Schülermangels geschlossen werden müssen. Auch die Gebietsreform hat die CDU/SPD-Koalition ohne große Begleitmusik umgesetzt. Das geschah zu der Zeit, als die öffentliche Aufmerksamkeit auf der Krise der Sachsen-LB lag, in deren Folge im vergangenen Jahr Ministerpräsident Georg Milbradt zurückgetreten ist. Im Westen der Republik wären solche Reformen kaum derart geräuschlos verlaufen.

Milbradt und sein Nachfolger, der gebürtige Sachse Stanislaw Tillich, haben bisher unauffällig regiert. Als Kurt Biedenkopf noch residierte, ließ er regelmäßig mit interessanten Vorschlägen aufhorchen, an denen sich eine bundespolitische Debatte entzündete. Von Sachsen als Musterland des Ostens, wenn nicht gar der Republik, war damals öfter die Rede. Heute hört man solche Sätze kaum noch, im politischen Spitzenpersonal ist Bescheidenheit eingekehrt. Aber wie auch immer die Landtagswahl ausgeht: An den relativ guten Bedingungen, die in Sachsen anzutreffen sind, wird sich dadurch vermutlich nichts ändern.