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Deutschland/Welt Die Bundeswehr ist kaum gefordert
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Die Bundeswehr ist kaum gefordert
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22:05 20.08.2009
Von Klaus von der Brelie
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In der Provinz Farya, im Westen des deutschen Verantwortungsbereichs. Aber auch von dort kommt die Meldung: „Keine Personenschäden, alle Fahrzeuge weiter einsatzbereit.“

Und wie ist die Lage in der Region Kundus, wo die deutschen Soldaten in den vergangenen Tagen immer wieder angegriffen wurden? Schon morgens schlagen Raketen in der Stadt ein, sieben Geschosse werden aufs Stadtzentrum und die Wahllokale abgefeuert. Mindestens zwei Wahlhelfer werden verletzt. Südwestlich der Stadt, in der Unruheregion Charrah Darreh, nehmen Aufständische die afghanischen Sicherheitskräfte unter Beschuss. Auch in der Nachbarprovinz Takhar explodidert eine Bombe. Während die Polizei aus Charrah Darreh mehrere Verletzte meldet, heißt es in Takhar, bei der Explosion sei nur Sachschaden entstanden.

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Ganz anders die Lage in der Provinz Baghlan. 70 Kilometer südlich von Kundus rücken die Taliban-Kämpfer schon am frühen Morgen auf die Kleinstadt Baghlan vor. Ihr Ziel sind die Wahllokale in der Stadt – die Stimmabgabe soll verhindert werden. Die afghanischen Sicherheitskräfte fordern bei der Schutztruppe Isaf Unterstützung an. Ungarische Soldaten greifen in die Kämpfe ein. Die Gefechte ziehen sich über Stunden hin, an die Öffnung der Wahllokale ist nicht zu denken. Der Polizeichef der Provinz, Mohammed Kabir Andarabi, teilt nach Abflauen der Kämpfe gegen Mittag mit, „22 Terroristen“ seien getötet worden, genauso viele seien verwundet worden. Auch der Polizeichef von Baghlan sei den Kämpfen zum Opfer gefallen.

In der „Boom-Town“ Masar-i-Scharif dagegen verläuft die Wahl weitgehend ungestört. „Alles ruhig, keine nennenswerten Zwischenfälle“, melden die Beobachter aus der Hauptstadt der Provinz Balkh. Die deutschen Soldaten im Feldlager am Rande der Stadt hören es gern. Die meisten von ihnen stehen hinter den Mauern des Camps in Bereitschaft, müssen aber nirgends eingreifen. Ähnlich ergeht es ihren Kameraden im Feldlager Kundus. Die Anspannung ist zu spüren, aber am Abend überwiegt Freude über einen relativ ruhigen Tagesverlauf. „Es hätte auch anders kommen können“, heißt es in der Umgebung von Regionalkommandeur Jörg Vollmer, Probleme wie den Ungarn in Baghlan seien den Bundeswehrangehörigen zum Glück erspart geblieben.

Offensichtlich hat die mit den Afghanen verabredete Taktik in Nordafghanistan weitgehend funktioniert. „Weil es sich bei der Wahl um eine rein afghanische Angelegenheit handelt, hat sich die Schutztruppe Isaf zurückgehalten“, erläutert ein Oberstleutnant in Masar-i-Scharif. Die afghanische Polizei habe den Schutz der Wahllokale übernommen, die afghanische Armee habe „den zweiten Ring“ gebildet. „Wir waren erst an dritter Stelle gefordert.“

Insgesamt 4200 deutsche Soldaten sind derzeit in Afghanistan im Einsatz. Vor der Wahl ist das Bundeswehrkontingent mit Zustimmung des Bundestages um 1000 Mann verstärkt worden. Bis zu 4500 Soldaten darf Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) maximal am Hindukusch einsetzen. Bei dieser Obergrenze soll es einstweilen bleiben. „Man weiß ja nie, wie sich die Lage in den nächsten Wochen während der Stimmauszählung und im Falle einer Stichwahl im Oktober entwickelt“, heißt es im Verteidigungsministerium in Berlin. Auch mit Blick auf Kundus, „wo wir sicherheitsmäßig erheblich gefordert sind“, könne auf die vorgenommene Verstärkung nicht verzichtet werden, sagt Minister Jung.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Jung sind sich einig, dass der Bundeswehreinsatz am Hindukusch noch bis zu zehn Jahre dauern könnte und ein sofortiger Abzug, wie ihn die Linken fordern, nicht infrage kommt, weil Afghanistan noch nicht in der Lage ist, selbst für seine Sicherheit zu sorgen. „Je schneller wir mit der Ausbildung von Polizei und Armee vorankommen, desto schneller können wir unsere eigene Präsenz zurückfahren“, sagt Steinmeier. Wie lange dies dauern könnte, deutet der Nato-Generalsekretär an. „Militär und Polizei in Afghanistan müssen verdoppelt werden“, sagt Anders Fogh Rasmussen, „von derzeit 200.000 auf 400.000 Mann.“