Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland/Welt Die Bundeswehr - eine verunsicherte Armee
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Die Bundeswehr - eine verunsicherte Armee
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:53 05.04.2010
Von Stefan Koch
Auf dem Weg nach Hause: Im usbekischen Termes werden die Särge der toten Soldaten in den Regierungsairbus umgeladen, mit dem Minister Niebel aus Afghanistan zurück nach Köln-Bonn flog. Quelle: dpa
Anzeige

Die Fahne am Kasernentor von Seedorf hängt auf halbmast. Die Luftlandebrigade 31 trauert um drei ihrer Soldaten, die am Karfreitag bei Kundus ihr Leben verloren haben. Acht weitere Männer wurden schwer verletzt. Sie waren in das bislang blutigste Gefecht der Bundeswehr in Afghanistan verwickelt.

In der kleinen Gemeinde im Nordwesten Niedersachsens sind 3800 Soldaten stationiert. Sie gehören zu den erfahrenen Truppen, die auf Auslandseinsätze spezialisiert sind. Hauptmann Björn Gornik, Sprecher der Brigade, steht an den Osterfeiertagen unzähligen Journalisten Rede und Antwort. Der Offizier spricht von gedrückter Stimmung und großer Anteilnahme unter seinen Kameraden.

Anzeige

In den Kirchen der Region wird der Soldaten gedacht. Wilhelm Helmers, Superintendent des Kirchenkreises Bremervörde-Zeven, hatte bereits am Sonnabend an die Pastoren geschrieben: „Ich bitte Sie, in den Ostergottesdiensten der getöteten und verletzten Soldaten und besonders auch deren Familien und Freunden zu gedenken.“ Er findet kritische Töne zu dem Militäreinsatz: „Die schon vor dem Einsatz geäußerte Kritik, die mancherorts zu heftigen Reaktionen geführt hat, wird nun durch diese tragischen Umstände bestätigt.“ Helmers spielt auf die Äußerungen der damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann an, die in ihrem Neujahrsgottesdienst davon gesprochen hatte, dass „nichts gut ist in Afghanistan“. Worte, die nach den Gefechten vom Karfreitag umso eindringlicher klingen.

Auch der evangelische Bischof Gerhard Ulrich fordert mehr Solidarität mit den Bundeswehrangehörigen und ihren Familien. „Wir sind denen die Osterbotschaft schuldig, die nicht wissen, wohin mit ihrer Trauer, ihrer Angst“, sagte der Vorsitzende der Nordelbischen Kirchenleitung am Ostermontag im Schleswiger Dom. „Wir sind ihnen schuldig den Aufstand des Lebens gegen alle Gewalt.“

Die Seedorfer Truppen waren erst im Februar ins Krisengebiet am Hindukusch verlegt worden. Mehr als ein Jahr hatten sie sich auf diesen Einsatz vorbereitet. Immer wieder übten sie den Umgang mit Zivilisten, die Selbstverteidigung und die offensive Bekämpfung irregulärer Truppen. Und doch kam es zu diesem Wochenende des Schreckens, an dem erst deutsche Soldaten zu Tode kamen – bevor ihre Kameraden wenige Stunden später auch noch irrtümlich unbeteiligte afghanische Soldaten erschossen.

Nach Angaben von Generalinspekteur Volker Wieker griffen 30 bis 40 Taliban mit Kalaschnikows und Panzerfäusten aus dem Hinterhalt an, als die Deutschen eine Straße nahe Kundus von Sprengfallen befreien wollten. Amerikanische Jagdbomber hätten versucht, die Taliban durch Tiefflüge einzuschüchtern. Sie hätten jedoch ihre Waffen nicht einsetzen können – aus Sorge, die Deutschen und die Zivilbevölkerung zu gefährden. Ein Vorgehen, das rückblickend bei Militärs und Politikern viele Fragen aufwirft.

Drei Tage nach dem zehnstündigen Gefecht beginnt in Berlin die politische Debatte über die Ereignisse. „Wenn man die Wirksamkeit des Einsatzes erhalten will, muss man eine umfassende Sicherheitsanalyse vornehmen“, sagt Grünen-Verteidigungsexperte Omid Nouripour. Der Verlauf des Gefechts weise auf eine deutlich verbesserte Ausrüstung und eine gesteigerte Taktikfähigkeit der Taliban hin. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin wirft der Bundesregierung vor, den Einsatz in Afghanistan schöngeredet zu haben: „Die Ereignisse zeigen, in welch eine schwierige Lage der Einsatz der Bundeswehr auch im Norden Afghanistans geraten ist.“

Trittin geht aber noch einen Schritt weiter. Er nimmt gezielt den obersten Dienstherren der Soldaten ins Visier. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sei zu sehr mit seiner eigenen Verteidigung in der Affäre um den Luftangriff bei Kundus auf zwei Tanklaster beschäftigt gewesen.

Erwartungsgemäß wies Guttenberg diese Vorwürfe am Montag zurück. Er hatte seinen Osterurlaub in Südafrika abgebrochen und war nach Berlin zurückgeflogen. Vor mehreren Journalisten führte der CSU-Politiker am Wochenende eine neue Sprachregelung ein: Auch wenn es nicht jedem gefalle, könne man „umgangssprachlich von Krieg reden“. Es dürfe nicht sein, dass man sich bei der Beschreibung des Militäreinsatzes in Worthülsen ergehe. Außerdem könne der Einsatz weitere Verwundete und Gefallene fordern.

Gleichwohl: Der Einsatz werde fortgesetzt, hob Guttenberg hervor. Anderenfalls drohe eine Destabilisierung der gesamten Region – von der Atommacht Pakistan bis zum Iran. Auch der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold warnte davor, nach jedem tragischen Vorfall eine neue Grundsatzdebatte zu eröffnen. „Der Einsatz bleibt sinnvoll und notwendig, in unserem Interesse, aber auch für die Menschen in Afghanistan.“ Allerdings müsse die Vorgehensweise ständig diskutiert und angepasst werden.

Unter den Soldaten sind dagegen ganz andere Stimmen zu hören. Mehrere Unteroffiziere, die zurzeit in Nordafghanistan eingesetzt sind, meldeten sich am Montag zu Wort: Sie fühlen sich im Stich gelassen und haben das Gefühl, dass die Politik ihre Einsatzbedingungen nicht richtig anerkenne. Anstatt die Situation schönzureden, sollte Berlin mehr Kampftruppen, Kampfhubschrauber und Artillerie schicken. Ihr Vorwurf: Nach dem politischen Debatten über das Bombardement bei Kundus am 4. September seien die befehlshabenden Offiziere so tief verunsichert, dass sie auch dann keine Luftunterstützung von den Alliierten anforderten, wenn eigene Soldaten in lebensgefährliche Gefechte verwickelt sind.

Ob Brigadegeneral Frank Leidenberger, derzeitiger Isaf-Kommandeur für Nordafghanistan, zu zögerlich reagierte, als seine Soldaten am Karfreitag unter Dauerbeschuss gerieten? Diese Frage dürfte sich im Nachhinein ebenso schwer beantworten lassen wie die Frage, ob Oberst Georg Klein am 4. September voreilig handelte, als er die amerikanische Luftwaffe ausdrücklich aufforderte, zwei entführte Tanklastzüge am Kundus-Fluss zu bombardieren.

Damals starben bis zu 142 Menschen, darunter viele Zivilisten. An diesem Wochenende wurden drei deutsche Soldaten getötet, acht schwer verletzt. Irrtümlich erschossen die Deutschen kurz darauf sechs afghanische Polizisten. Nicht nur die politische Führung der Bundeswehr steht schwer unter Druck. Auch die militärische Spitze muss sich fragen lassen, ob sie dem Einsatz gewachsen ist.

Mehr zum Thema

Die Nachrichten über das blutige Gefecht der Bundeswehr mit radikal-islamischen Taliban überschattet das Osterfest in Seedorf. Die drei am Karfreitag in Afghanistan gefallenen Soldaten und ihre acht verwundeten Kameraden wohnten quasi direkt vor ihrer Haustür.

05.04.2010

Nach Bundeswehr-Angaben ist der Gesundheitszustand der vier in Afghanistan schwer verwundeten Soldaten stabil. Die Männer waren am Sonnabend nach ihrer Rückkehr nach Deutschland in das Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz gebracht worden. Sie hatten Schuss- und Splitterverletzungen erlitten.

05.04.2010

Ein Flugzeug mit den Särgen der drei in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten ist am Sonntag auf dem Flughafen Köln/Bonn gelandet. Der Regierungs-Airbus, in dem auch Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) an Bord war, sei gegen 17.30 Uhr im militärischen Teil des Flughafens eingetroffen.

04.04.2010