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Deutschland/Welt Der grüne Glückspunkt: Regieren
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22:49 17.08.2009
Von Daniel Alexander Schacht
„Wir erleben längst den Aufstieg einer wirklich neuen bürgerlichen Klasse“: Renate Künast glaubt an Kreativität und Verantwortung. Quelle: Berthold Stadler/ddp
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„Wir werden sehen“, sagt die zierliche Frau mit trotzigem Gesichtsausdruck zu ihren Gestaltungschancen im Wahljahr 2009. „Ich bin schließlich eine Kämpfernatur – deshalb bin ich ja damals schon zur GAL, weil’s nichts anderes gab, weil ich’s nirgends aushalte, wo Kreativität nicht Voraussetzung ist.“

Die GAL, das war eben jene „Grün-Alternative Liste“ im Berliner Abgeordnetenhaus, die später erst in den Grünen aufgegangen ist. Damals, das war 1979, als West-Berlin noch jene von der DDR umgebene Insel der Alternativszene war, die sich als schroffer Gegenentwurf zur spießbürgerlichen Welt der Wilmersdorfer Witwen inszenierte. Da konnte Renate Künast – damals 24-jährige Sozialarbeiterin, die gerade ein Jura-Studium draufsattelte, heute Spitzenkandidatin und Fraktionschefin der Grünen im Bundestag – weder zur Berliner CDU gehen noch zur traditionellen SPD. Und schon gar nicht zur FDP: „So ‘ne dicke Hornhaut auf der Seele habe ich nicht und wünsche ich keinem.“

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Aber auch in der Alternativszene, die Künast 1985 in den Berliner Senat wählte, hat seither ein Entwicklungsprozess stattgefunden, den die Grünen-Politikerin für ihre Partei als abgerundet schildert. „Wir Grünen haben mit und seit der rot-grünen Regierungszeit einen Häutungsprozess durchgemacht, an dessen Ende wir uns endlich mit uns selbst angefreundet haben.“ Auch mit den zutiefst bürgerlichen Anteilen der eigenen Familiengeschichten und Biografien.

Sind die Grünen damit auch reif für ein bürgerliches Bündnis? Zumal auch das bürgerliche Parteienlager längst grüne Anteile in den eigenen Wahlprogrammen hat? Bei Koalitionsfragen wiegelt Künast ab, programmatisch hält sie klar dagegen: Dass die Grünen sich nicht auf eine klare Koalitionsaussage einigen konnten, dass Grünen-Wähler nicht wissen, ob ihre Stimme mittelbar eine konservative oder eine sozialdemokratische Koalition stützen wird, stört die Spitzenkandidatin nicht. „Wer Union oder SPD wählt, weiß auch nicht, ob er damit Schwarz-Gelb oder eine Neuauflage von Schwarz-Rot stützt.“ Entscheidend sei aus der Sicht ihrer Partei für die Koalitionsfrage, wie viel „grün“ in der künftigen Regierungsprogrammatik stecke. „Denn bei den anderen steht Grün nur drauf, ist aber nicht drin“, sagt Künast, die als Deutschlands erste Verbraucherministerin kräftige grüne Impulse im Agrar- und Ernährungssektor gesetzt hat. „Es geht eben nicht um ein bisschen Umweltkosmetik, es geht darum, unsere komplette Wirtschaftsweise zu verändern.“

Gibt es ein Bürgertum, das da mitmacht, sich auch über die traditionelle Lagerlogik hinwegsetzt, das um der Sache willen sogar eine Koalition mit einer Partei anstrebt, die sich immer noch als links versteht? „Wir erleben längst den Aufstieg einer wirklich neuen bürgerlichen Klasse“, sagt Künast. „Das sind Leute, die nicht diese soziale Hornhaut entwickeln, die nicht auf Kosten anderer leben wollen.“ Dieses neue Bürgertum verfolge andere Lebensentwürfe, wolle mehr als nur individuelle Freiräume. „Wer da mehr Geld und Bildung als andere hat, will auch sozial gestalten, Verantwortung übernehmen.“

Die Grünen haben ihr Angebot an dieses „kreative Bürgertum“ in die Formel von einem „Green New Deal“ gegossen. Statt nur auf die Abwehr von Umweltgefahren setzen sie auf einen ganz umfassendes Verständnis von Ökologie, das zum Leitgedanken einer nachhaltigen industriellen Entwicklung werden soll. 400.000 neue Arbeitsplätze durch Umweltmodernisierung, 185.000 durch Bildungsinvestitionen, 150.000 durch die Reform des Gesundheitssystems, 60.000 im sozialen Arbeitsmarkt, 200.000 durch den Abbau von Schwarzarbeit – so listen es die Grünen in ihrem Wahlprogramm auf. Insgesamt soll dieser „New Deal“ ganz seriös eine Million neue Jobs bringen und, sozusagen nebenbei, den ökologischen Umbau von Auto- und Chemieindustrie bewirken.

Haben Leute wie Renate Künast und ihr Mit-Spitzenkandidat Jürgen Trittin noch viel mit jenen Gestalten gemein, die einst als Körnerfresser und Krötenretter verspottet wurden? Heute pflegt die Ökopartei kein grünes Glück im Winkel mehr, sie zeigt sich leistungsorientiert und kampfbereit.

Das gilt nicht zuletzt für Künast, die sich selbst ein „Schlachtross“ nennt und die Spitzenkandidatur eine willkommene Zusatzaufgabe neben der Fraktionsführung. „Klar ist das anstrengend, aber im Ministeramt waren Drehzahl und Taktrate viel höher“, sagt sie und lässt keinen Zweifel daran, dass sie diesen Stress als positiv empfindet wegen der damit einhergehenden Gestaltungsmöglichkeiten. „Opposition ist nötig, aber Regieren – das ist der Glückspunkt der Politik“, sagt sie fast schon schwärmerisch.

Ist ihr Politik zum unverzichtbaren Lebenselixier geworden? „Ach was“, setzt sie dagegen, klar könne sie auch ohne Politik leben, als Anwältin arbeiten, ein Gartenhaus bauen, Farne züchten. Genug Zeit für Freunde leistet sie sich gerade gegen den Stress, für jene „Bodenhaftung“, die für Politiker unverzichtbar sei. „Ganz gleich, was ich in meinem Leben noch anstelle: Es wird jedenfalls was Kreatives sein.“ Wir werden sehen.

Klaus von der Brelie 17.08.2009
Stefan Koch 17.08.2009