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Deutschland/Welt Der große Gewaltexzess bleibt am 1. Mai aus
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Der große Gewaltexzess bleibt am 1. Mai aus
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20:32 02.05.2010
Von Michael Grüter
Demonstranten und Polizisten am Sonnabend in Berlin. Quelle: dpa
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Vom Lautsprecherwagen gibt es erste Erfolgmeldungen. Nur einige Hundert Nazis hätten sich am Bornholmer Bahnhof versammelt, gut einen Kilometer entfernt. Und die kämen nicht voran. Beifall und Freudenrufe werden laut. Für zwei junge Männer vor dem Café am Berliner S-Bahnhof Schönhauser Allee ist das der Moment der Zwischenbilanz: „Etwas lahm“, beklagt sich der eine. „Ich weiß nicht, was du willst“, sagt der andere. „Die Nazis kommen nicht vom Fleck. Dafür bin ich hier.“

So verschieden sind eben die Erwartungen, nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg. Dort hatte die Polizei mit weniger Krawall gerechnet – in der richtigen Annahme, dass viele Autonome nach Berlin fahren würden. Dass trotzdem bis zu 700 gewaltbereite Jugendliche durchs Schanzenviertel ziehen würden, hatte man nicht erwartet.

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Aus den Lautsprechern in Berlin dröhnt wieder Musik. Die Sonne scheint auf eine friedliche Szene. Eine junge Frau hat eine Decke ausgebreitet, macht es sich mit zwei Kindern im Krabbelalter bequem. Daneben liegt ein Mann mit rotem T-Shirt auf dem warmen Asphalt. Eigentlich sollen hier die Rechtsextremisten später entlanglaufen. Berlins Innensenator Ehrhart Körting hat alle Gegendemonstrationen im früheren Ostteil der Stadt untersagt. Manche wissen davon nichts, andere scheren sich nicht darum. Unter dem Motto „1. Mai – nazifrei“ versammeln sich rund 10.000 Bürger, jung und alt, im Schlabberlook oder im hippen Dress. Auch die Fraktion mit schwarzen Kapuzenpullis ist vertreten.

Vor diesem Maiwochenende zeigte die Berliner Polizei vor der Aufgabe, die Rechtsextremisten und ihre Gegner auseinanderzuhalten, den größten Respekt. Mit 3000 Rechtsextremisten war gerechnet worden. „Hunderte Verletzte“ könne es in Berlin geben, auch „Tote“ , hatte der Polizeigewerkschaftschef Konrad Freiberg gewarnt. Weiträumig hat die Polizei die Bornholmer Straße und den gleichnamigen S-Bahnhof abgesperrt. Doch nur einige Hundert Nazis kommen zum Sammelpunkt. Für eine bundesweite Mobilisierung sei das „sehr wenig, ein Schlag ins Wasser“, sagt Bianca Klose von der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus.

250 Rechtsextremisten versammeln sich unangemeldet im Berliner Westen auf dem Kurfürstendamm. Als sie sich trotz Polizeianordnung nicht zerstreuen, kommt es zu Festnahmen. In den Nebenstraßen der Bornholmer Straße gibt es Rangeleien. Hier ist der Autonomenanteil höher. Hunderte versuchen, die Polizeikette zu durchbrechen. Polizistentrupps stoßen vor, um Leute zu greifen, die gegen das Vermummungsverbot verstoßen.

Einige Hundert Meter entfernt hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse Innensenator Körting (beide SPD) getroffen. „Wehe, du setzt dich auf die Straße, dann geht’s rund“, scherzt der Senator hier noch – später macht er Ernst und kündigt eine Anzeige gegen Thierse an. Einige Hundert Demonstranten haben es durch die Sperren zur Bösebrücke geschafft, setzen sich dem Aufmarsch in den Weg. Sie werden von der Polizei weggeräumt. Dann bildet sich etwas weiter eine neue Sitzblockade. Thierse ist ebenso dabei wie der Berliner Integrationsbeauftragte, der Pankower Bezirksbürgermeister und der frühere Berliner Justizsenator Wolfgang Wieland von den Grünen.

Die Polizei ruft die Politiker namentlich auf, den Weg für die angemeldete Nazi-Demo freizumachen. Dann pflückt sie die Politiker von der Straße. Die Polizei sei nicht sein Feind, erklärt Thierse, sie tue ihre Pflicht, „so wie wir unsere staatsbürgerliche Pflicht erfüllen, indem wir unser Gesicht zeigen und zeigen, was wir davon halten, wenn Neonazis öffentlich demonstrieren“. Von den Häusern am Straßenrand ertönen Pfuirufe, ein Ei wird geworfen. Auf den Dächern erscheinen junge Männer in dunkler Kluft. Kurz darauf erklimmen auch Polizisten die Dächer, führen die Männer herunter. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Kaum ist ein Dach geräumt, wird ein anderes besetzt. Die Polizei befürchtet, dass von hier aus Steine auf die Nazi-Demonstranten geworfen werden könnten. In zwei Stunden sind die Rechtsextremisten 600 Meter weit gekommen. Der Polizeisprecher hatten sie darüber informiert, dass der Weg nicht leichter werde. Nun treten sie den Rückweg an, begleitet von Spott und Jubel Tausender Gegendemonstranten.

Am Abend nehmen knapp 10.000 Menschen an der „Revolutionären Maidemonstration“ teil. Antikonfliktteams der Polizei verteilen Flugblätter, auf denen steht: „Überleg’s dir“. Vermummung werde mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft. Brandstiftung könne sechs Monate bis zu zehn Jahre Haft nach sich ziehen. Steinwürfe seien genauso strafbewehrt. Kurz nach dem Ende der Demonstration knallt es heftig, ein Chinaböller ist explodiert. Es ist das Signal für den „Schwarzen Block“, der dann Flaschen und Steine auf Polizisten wirft und auch Müllcontainer in Flammen aufgehen lässt. Die Auseinandersetzung entbrennt zwei Stunden lang am Rande des Kreuzberger „Myfestes“, das Zehntausende friedlich feiern.

In Hamburg ist die Polizeibilanz undramatisch: Insgesamt wurden bei den Ausschreitungen 30 Beamte leicht verletzt, 77 Randalierer fest- oder in Gewahrsam genommen. Aber auch in Berlin zeugt Innensenator Körtings Bilanz von Zuversicht: Der 1. Mai sei dort friedlicher verlaufen. 98 Beamte wurden verletzt, einer so schwer, dass er ins Krankenhaus gebracht wurde. Verletzte gibt es auch unter den Demonstranten. Auf YouTube erscheint ein Videomitschnitt, der zeigt, wie ein Polizist einer auf dem Boden liegenden Frau gegen das Gesicht tritt, anscheinend bewusst.

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