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Deutschland/Welt Der Maulwurf, der Amerika verriet
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22:25 23.12.2011
Gegen den Obergefreiten Bradley Manning (links) liegen zahlreiche Vorwürfe vor, 22 Anklagepunkte insgesamt. Quelle: dpa
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Fort Meade

Ein kleiner, schmuckloser Raum in einem unscheinbaren Flachbau. Dunkles Holz, grauer Fußboden. Bradley Manning trägt die gescheckte Uniform eines US-Soldaten. Seine Brille, mit dunklem Gestell, lässt den 24-Jährigen allerdings älter aussehen. „Yes, Sir“, antwortet er, als ihn der ermittelnde Offizier Paul Almanza fragt, ob er verstanden habe, welche Rechte er besitze. Dass er eine Erklärung abgeben oder schweigen könne. Manning zieht es vor zu schweigen – die gesamten sieben Tage dauernde Anhörung über. Nur mit seinem Anwalt David Coombs spricht er immer wieder leise.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng in Fort Meade (Maryland), so streng wie bei einem Terrorprozess. Hier sitzt die National Security Agency, der Militärnachrichtendienst der USA, spezialisiert auf das Abhören von Telefonaten und das Mitlesen von E-Mails.

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Gegen den Obergefreiten Manning liegen zahlreiche Vorwürfe vor, 22 Anklagepunkte insgesamt. Aber einer davon hat es richtig in sich: Unterstützung des Feindes. Darauf kann die Todesstrafe stehen. In Mannings Fall wollen die Staatsanwälte lebenslange Haft beantragen, das haben sie bereits vorher deutlich gemacht. Allerdings ist noch nicht entschieden, ob nach der Anhörung das eigentliche Militärtribunal überhaupt eröffnet wird. Nach den Schlussplädoyers des Vorverfahrens soll das bis Mitte Januar entschieden werden. Vermutlich wird es den Prozess geben.

Für diesem Fall möchte Verteidiger Coombs erreichen, dass zumindest 19 Anklagepunkte fallen gelassen werden. Der Anwalt bestreitet, dass die Enthüllungen schwere Schäden angerichtet hätten. „Der Himmel ist nicht eingestürzt, und er wird auch nicht einstürzen“, sagte er in seinem Schlussplädoyer. Wenn US-Außenministerin Hillary Clinton das anders sehe, dann solle sie Beweise dafür vorlegen. Vor allem sieht das Militärstaatsanwalt Almanza anders. Er spricht in seinem Plädoyer von klaren Beweisen und führt Zeugenaussagen sowie den untersuchten Computer des Angeklagten an.

Manning sitzt bereits seit anderthalb Jahren im Gefängnis. Er soll während seiner Stationierung als Analyst der US-Armee im Irak massenhaft Geheimdienstdokumente aus Computern gezogen und der Enthüllungsplattform WikiLeaks zugespielt haben. Detaillierte Informationen über die Kriege im Irak und in Afghanistan sowie unzählige Diplomatendepeschen kamen an die Öffentlichkeit. Das hat den USA international eine Menge Ärger eingebracht.

Anwalt Coombs hat dazu viele Fragen. So will er wissen, warum die Dokumente, die Manning an WikiLeaks weiterleitete, überhaupt als geheim eingestuft wurden. „Wieso war das Zeug vertraulich? Warum dauert es so lange, um das zu klären?“ Seit jenem Tag im Mai 2010 warte die Öffentlichkeit auf eine Antwort.

Der Tag, auf den Coombs anspielt, ist der 21. Mai 2010. Der Obergefreite Manning verbringt ihn in einem stickigen, fensterlosen Raum vor dem Computer, wie alle Tage in der Forward Operation Base Hammer, 60 Kilometer östlich von Bagdad. Ein Analyst, der Informationen auswertet.

Er sucht einen Menschen, dem er sich anvertrauen kann. Unter dem Pseudonym „bradass87“ beginnt er zu chatten, mit dem Kalifornier Adrian Lamo, einem Halbgott der Hackerszene. Manning sieht in ihm einen Seelenverwandten. „Hypothetische Frage: Wenn du freien Zugang zu geheimen Netzwerken hättest, (...) und du unglaubliche Sachen sehen würdest, schreckliche Sachen (...), was würdest du tun?“, fragt er ihn. Bald weiß Lamo, dass nur Manning die Quelle für die größten Coups von Wikileaks sein kann. Er verpfeift ihn bei den Behörden. Am 26. Mai wird der Gefreite im Irak verhaftet. Für die einen ist er ein Verräter, für die anderen ein Held.

Mannings Gegner zeichnen das Bild eines Verlierers, der sich auf seine Art rächen wollte. Eines jungen Mannes, der Probleme habe, der schwul sei und ein bisschen gestört. Seine Sympathisanten nennen ihn einen „Whistleblower“, einen Informanten, der Missstände aufdecken wollte. In seinem Chat mit Lamo, im Sommer veröffentlicht vom Computermagazin „Wired“, hat er moralische Begründungen vorgebracht. Er müsse der Welt alle Schattenseiten Amerikas offenbaren, weil nur Offenheit die Menschheit zur Umkehr bewege, schrieb er.

Im Irak hat Manning offenbar den Glauben an die Größe seiner Nation verloren, an die vorgeblich moralische Überlegenheit Amerikas. Eines der ersten Dokumente, das er entdeckt, ist ein verstörendes Video. 2007 aufgenommen, zeigt es, wie zwei Apache-Hubschrauber in Bagdad vermeintliche Aufständische angreifen. In Wahrheit sind es unbewaffnete Zivilisten, darunter ein Fotoreporter von Reuters, dessen Teleobjektiv die Amerikaner für eine Waffe halten. Die Soldaten in den Helikoptern reden, als wäre es ein Tontaubenschießen. „Hübsch, gut geschossen“, lobt einer. „Schau, diese toten Bastarde“, sagt ein anderer. Im April 2010 stellt WikiLeaks-Gründer Julian Assange das Video im nationalen Presseclub in Washington vor. Es ist bis dato sein größter Coup – ein Coup, der für Manning viele Jahre im Gefängnis bedeuten könnte.

Frank Herrmann

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