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Deutschland/Welt Der Aufmarsch gegen den Iran beginnt
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15:07 31.01.2012
Die USA bauen derzeit das Landungsschiff „USS Ponce“ mit Hochdruck in eine schwimmende Kommandozentrale um. Quelle: dpa
Jerusalem

„Ich bin überzeugt, dass Israel den Iran im Jahr 2012 angreifen wird.“ Knapper und eindeutiger geht es kaum. Ronen Bergman, einer der bekanntesten Militärexperten und Journalisten Israels mit Zugang zu den höchsten Entscheidungsträgern in Politik, Armee und Geheimdiensten, hat am Wochenende in der „New York Times“ diesen Satz geschrieben. Er hat damit weltweites Aufsehen, wenn nicht weltweite Unruhe erregt.

Tatsächlich bereitet Israel sich intensiv auf den Kriegsfall vor. Seit 2006 hält das Heimatfrontkommando zweimal im Jahr landesweite Übungen ab. Im ganzen Land heulen die Luftschutzsirenen auf, Schulkinder und Zivilisten werden angehalten, einen nahe gelegenen Bunker aufzusuchen, während der Katastrophenschutz der Armee die Bergung von Verletzten aus eingestürzten Gebäuden und die Abwehr eines Angriffs mit Chemiewaffen probt. Wie viele Ängste aber gelten der vermuteten Gefahr aus Teheran, wie viele einem möglichen Raketenangriff der Hisbollah aus dem Libanon?

Verteidigungsminister Ehud Barak sieht im Iran „eine wirkliche, existenzielle Bedrohung“. In einem Interview mit Bergman sagte er jüngst: „Die Iraner sind immerhin eine Nation, deren Führung sich das strategische Ziel gesetzt hat, Israel zu vernichten.“ Und nach der Rückkehr vom Weltwirtschaftsforum in Davos fügte er hinzu: „Die Zeit läuft uns davon. Jetzt kommt es auf die Entschlossenheit der Staatenlenker an, um das Atombombenprogramm Teherans zu stoppen.“

Baraks Ansicht spiegelt das Empfinden vieler Israelis wider. Keine Woche vergeht, in der nicht Vernichtungsdrohungen iranischer Politiker in den Medien zitiert werden oder Bilder von iranischen Manövern im Fernsehen zu sehen sind. Denn Teheran belässt es nicht bei Drohgebärden: Die Revolutionswächter unterstützen Terrororganisationen wie die radikalislamische Hamas und die libanesische Hisbollah-Miliz logistisch mit Tausenden Raketen. Allein die Hisbollah verfügt nach Einschätzung von US-Verteidigungsminister Leon Panetta bereits über mehr als 50 000 Raketen, die jeden Punkt in Israel erreichen können. Hunderte Millionen fließen alljährlich in die Hände der Islamisten, die nach eigenem Bekunden die Vernichtung Israels mit Attentaten und einem gelegentlichen Raketenangriff vorantreiben wollen.

Diese Bedrohung ist für Israelis kein abstraktes Hintergrundgeräusch, sondern gelebter Alltag. Dabei müssten Premier Benjamin Netanjahu und Barak eigentlich mit der Entwicklung  zufrieden sein: Noch vor sechs Monaten glaubte in Jerusalem niemand, dass die EU ein Ölembargo über Teheran verhängen würde  oder dass die USA Irans Zentralbank mit Sanktionen belegen würden. Doch kaum wird Israels Wünschen entsprochen, wachsen die Zweifel daran, dass diese Schritte die nuklearen Bestrebungen der Mullahs noch bremsen können. „Es geht jetzt darum, die Beschlüsse der EU in die Tat umzusetzen“, sagt Netanjahus Sprecher Mark Regev dieser Zeitung. Was danach noch kommen könnte, darauf wissen auch Israels Experten keine Antwort.

Eine Option für Israel wäre eine Intensivierung des Kriegs der Geheimdienste: Seit 2004 hat Mossad-Chef Meir Dagan fast unbegrenzte Ressourcen erhalten, um das Atomprogramm zu sabotieren. Seither fliegen den iranischen Technikern Zentrifugen um die Ohren, werden in Teheran Atomwissenschaftler in ihren Fahrzeugen zu Tode gebombt, explodieren mysteriöse Sprengladungen in Kasernen der Revolutionswächter. Diese „außernatürlichen Ereignisse“, so konstatiert Dagan in Interviews zufrieden, hätten das iranische Atomprogramm erheblich verlangsamt.
Ungeachtet der schon jetzt heftigen Kritik von Menschenrechtlern meinen die Militärs inzwischen, diese Störung sei nicht ausreichend. Ihrer Ansicht nach, die von Barak geteilt wird, bleiben Israel nur noch neun Monate, um einen Angriff auf den Iran zu starten. Danach wäre das Atomprogramm schon zu weit fortgeschritten und eingebunkert, um es mit einer Attacke zu stoppen oder hinauszögern zu können. Eine iranische Atombombe wäre dann nur noch eine Frage von Monaten.

Der israelische Premier Benjamin Ne­tanjahu wähnt in Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad einen neuen Hitler: „Ein Iran mit Atombomben ist eine Gefahr für den Nahen Osten und die ganze Welt“, sagte er vor der Knesset. Ein nuklearer Iran „stellt natürlich auch für uns eine schwere, direkte Bedrohung dar“. Wenige Sätze später erläuterte er seine Verteidigungsdoktrin: „Wenn jemand dich umbringen will, töte ihn zuerst.“

Die Armee hat einen eindeutigen Auftrag: Einen nuklearen Iran darf es nicht geben. Und so investiert sie Milliarden in die Rüstung. Barak genehmigte den Kauf von Batterien des neuartigen Raketenabwehrsystems „Iron Dome“ und neuer Kampfflugzeuge. Gleichzeitig erwägt der Generalstab, Divisionen, die nach dem Friedensschluss mit Ägypten aufgelöst wurden, wieder aufzubauen. Im Süden wurde eine neue Brigade gegründet, die den Negev vor Terrorangriffen schützen soll. Sämtliche Eliteeinheiten der Armee wurden unlängst in einem „Tiefenkorps“ unter dem Kommando von General Schai Avital zusammengefasst. Ihre kombinierten Fähigkeiten sollen es in Zukunft ermöglichen, noch weiter hinter feindlichen Linien in Syrien, im Irak oder im Iran  auch mit Infanterieverbänden zu operieren. Zu diesem Zweck übte die Armee zum ersten Mal seit 15 Jahren den Sprung einer ganzen Fallschirmjägerbrigade von mehr als 1000 Mann. Im Ernstfall sollen diese Soldaten den erwarteten Raketenhagel verhindern, der bei einem Angriff auf den Iran oder die libanesische Hisbollah erwartet wird. In Basen der Luftwaffen wurden dafür eigens neue Einheiten gebildet, die die Startbahnen auch unter Beschuss intakt halten können. Zwei von Israels drei U-Booten wurden überholt. Bis 2014 werden fünf U-Boote im Dienst sein, ein sechstes bald danach mit deutscher Hilfe in Betrieb genommen werden.

Doch trotz dieser besorgniserregenden Zeichen ist ein Angriff auf den Iran nicht unabwendbar. Ehud Barak sagte erst vergangene Woche, diese Option liege noch „in weiter Ferne“, die Sache sei längst nicht entschieden. Das liegt auch daran, dass ranghohe Militärs und Geheimdienstler immer offener und eindringlicher vor einem Angriff warnen: Der ehemalige Geheimdienstchef Meir Dagan ist nur der prominenteste in einer ganzen Reihe Offiziere, die von einer „Katastrophe“ sprechen, sollte Israel allein gegen Teheran vorgehen. Man besäße gar nicht die Kapazitäten, um den Iran mit militärischen Mitteln aufzuhalten, sagte Dagan.

Im Gegensatz zu Bergman sind andere israelische Experten deswegen weitaus weniger entschlossen in ihrer Einschätzung: Sie werten die Manöver und die scharfe Rhetorik als Säbelrasseln, das die Staatengemeinschaft, allen voran die USA und die EU, zum Handeln anspornen soll. Auch der Planungsstab der israelischen Armee soll bereits begonnen haben, darüber nachzudenken, wie der Nahe Osten mit einem atomar bestückten Iran leben könnte. Dass es am Ende dazu kommen könnte, will man selbst in den hohen Etagen des Verteidigungsministeriums in Tel Aviv nicht mehr ausschließen.