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Deutschland/Welt DDR-Bürgerrechtlerin: „Wir wollten nicht nur gegen etwas sein, sondern für etwas"
Nachrichten Politik Deutschland/Welt DDR-Bürgerrechtlerin: „Wir wollten nicht nur gegen etwas sein, sondern für etwas"
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11:02 19.10.2019
DDR-Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns hat zur friedlichen Revolution beigetragen. Quelle: Andre Kempner

In den entscheidenden Sekunden ihres Lebens als DDR-Bürgerrechtlerin ist Gesine Oltmanns innerlich ganz ruhig. „Ich wusste in diesem Augenblick, dass wir es geschafft hatten und eine neue Phase des Protestes beginnt.“

So erinnert sich die Leipzigerin knapp 30 Jahre später an jene dramatischen Augenblicke, die der Rebellion junger DDR-Oppositioneller gegen das SED-Regime einen enormen Schub verleihen sollten.

Rückblick: Es ist Montag, der 4. September 1989. Vor der Leipziger Nikolaikirche entrollt die damals 24-Jährige mit ihrer Freundin Katrin Hattenhauer (21) ein Plakat. „Für ein offnes Land mit freien Menschen“ – eine Kampfansage und Provokation in den Augen der DDR-Machthaber.

30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"

Im Normalfall wären beide jungen Frauen ob dieser Frechheit für Monate hinter Gitter gewandert. Doch an diesem Tag kommt alles anders. In der Sachsen-Metropole ist Internationale Herbstmesse, viele Journalisten aus dem Westen sind vor Ort.

Das wissen die Bürgerrechtler, die Kontakte zu den Ost-Korrespondenten von „Spiegel“, ARD und Co. für sich nutzen. Als Oltmanns und Hattenhauer nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche auf dem Kirchhof ihr – an allen Polizeikontrollen vorbeigeschmuggeltes – Banner entrollen, sind Journalisten vom „Klassenfeind“ live dabei.

Wir wurden sofort umzingelt und eingekesselt.

Gesine Oltmanns

Kameras surren, Fotografen drücken auf den Auslöser. Die Stasi-Jäger sind von dieser Medienpräsenz verunsichert. Bilder von wild verhaftenden und prügelnden Sicherheitskräften passen der SED-Führung nicht – schließlich geht es in Leipzig gerade um internationale Wirtschaftskontakte. Der Zugriff geschieht für DDR-Verhältnisse nur halbherzig.

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„Wir wurden sofort umzingelt und eingekesselt“, erinnert sich Oltmanns. „Schließlich entrissen sie uns das Plakat, doch die Verhaftung blieb aus. Da war uns klar, dass wir an diesem Tag gewonnen hatten.“

ARD treibt Widerstand voran

Nicht nur an diesem Tag. Das symbolstarke Bild vom Widerstand der beiden jungen Frauen und ihrer Freunde lässt die DDR weiter zerbröseln. Der Film läuft in der Tagesschau, (West)-Zeitungen drucken das Zeitdokument.

Da die ARD in vielen Wohnzimmern zwischen Ostsee und Thüringen präsent ist, erfahren nun auch DDR-Bürger davon, dass durch Leipziger Oppositionsgruppen der Widerstand gegen das SED-Regime vorangetrieben wird. „Viele hatten den ARD-Beitrag gesehen, danach wurden wir immer wieder erkannt und freundlich gegrüßt“, erzählt Oltmanns.

Gesine Oltmanns und Hans-Jürgen Röder präsentieren ihre neuen Kalender in der Stiftung Friedliche Revolution.

Der Spruch entstand übrigens spontan, im Gespräch zwischen den beiden Frauen. „Wir wollten nicht nur gegen etwas sein, sondern für etwas“, sagt Oltmanns und zeigt sich zufrieden darüber, dass er auch 30 Jahre später nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt hat.

Im September ’89 wächst der Widerstand in Leipzig von Woche zu Woche, die DDR-Machthaber geben aber noch nicht auf. Bei der Montagsdemo am 11. September sind die Medien aus dem Westen nicht vor Ort, es gibt zahlreiche Verhaftungen. Auch Katrin Hattenhauer trifft es, sie kommt erst am 13. Oktober aus der Stasi-Untersuchungshaft wieder frei.

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Doch am 9. Oktober kapituliert die SED-Führung – 70.000 Menschen ziehen nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche friedlich und unbehelligt um den Leipziger Ring. Die Stadt schreibt Weltgeschichte. Ganz vorn mit dabei: Gesine Oltmanns und ihre Oppositionsgruppe mit Bürgerrechtlern wie Uwe Schwabe und Michael Arnold.

Für die aus dem Erzgebirge (Olbernhau) stammende, grazile junge Frau, die als Pfarrerstochter in der DDR nicht studieren durfte, erfüllt sich ein Traum. Frei reden, frei diskutieren, nach dem Mauerfall am 9. November auch frei reisen. Das habe sie immer gewollt, sagt sie mit Blick auf jene Tage, die das Land aufwühlten.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

Gesine Oltmanns blieb lieber im Hintergrund

Dieses Land hieß zunächst noch immer DDR. Die wollte sie 1988 schon verlassen, hatte einen Ausreiseantrag gestellt, den sie im Frühjahr ’89 aber zurückzog. Eine Entscheidung, die ihr Leben tief prägen sollte – politisch und privat.

Wir haben eben nicht nur rebelliert.

Gesine Oltmanns

Denn während sie als junge Oppositionelle die DDR mit aus den Angeln hebt, trifft sie im Basislager der Rebellion, in der Leipziger Mariannenstraße 46, auf den Baustudenten Christian. Es ist die Liebe ihres Lebens, 30 Jahre später sind die beiden immer noch ein Paar und Eltern von neun Kindern. „Wir haben eben nicht nur rebelliert. Wir waren jung, wir haben gelebt, auch deshalb war diese Zeit so aufregend.“

Während viele Bürgerrechtler ab 1990 politisch und gesellschaftlich in die erste Reihe rücken, bleibt Gesine Oltmanns lieber still im Hintergrund. Sie kümmert sich um die Rehabilitation von SED-Opfern, erträgt aber die psychische Belastung bei der täglichen Arbeit mit den traumatisierten Opfern nur schwer.

1992 kommt ihr erster Sohn in Leipzig zur Welt. Es ist ihr Rückzug auf Zeit ins Private. Und sie schwimmt damit wieder gegen den Strom. „Die Geburtenrate im Osten sank dramatisch, aber wir entschieden uns für viele Kinder“, sagt sie. „Auf der Straße bekamen wir oft freundliche Kommentare, so selten waren Kinder in diesen Zeiten.“

Politisch geprägte Familiengeschichte

2010 kommt die jüngste Tochter der Großfamilie Oltmanns auf die Welt. 2009 war Gesine Oltmanns in der neu gegründeten Leipziger Stiftung Friedliche Revolution im Vorstand ehrenamtlich wieder eingestiegen. Übrigens sehr zur Freude ihrer Kinder. „Sie wissen ja, dass wir eine politisch geprägte Familiengeschichte haben.“

Und in der Stiftung lebt sie weiter ihren Traum – der mittlerweile auch einer vom sozial gerechten Deutschland und Europa ist. Sie organisiert internationale politische Workshops ganz im Geist der Runden Tische von 1989. Und 2016, als auch in Leipzig die Rechtsausleger von Pegida marschieren wollten, holte sie ihr Plakat von 1989 wieder hervor und führte die Gegenproteste in der Stadt mit an. „Für ein offnes Land mit freien Menschen“ – der Spruch gilt für sie noch immer.

In diesem Geist hat sie auch ihre Kinder erzogen. „Es ist wichtig mitzugestalten, aber trotzdem im Rechtsstaat wachsam zu bleiben“, macht sie klar. Wie sehr sich das Leben in Leipzig und Sachsen 30 Jahre nach dem Mauerfall zum Positiven gewendet hat, sieht sie auch bei ihren schon erwachsenen Kindern. Sie wohnen alle noch in der Stadt, eine Tochter studiert in Dresden. Gewöhnungsbedürftig für eine DDR-Bürgerrechtlerin, die für die große Reisefreiheit gekämpft hat. Aber als Mutter ist sie natürlich auch ganz froh.

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