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Deutschland/Welt DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gestorben
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19:27 11.09.2010
Die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley verstarb nach schwerer Krankheit.
Die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley verstarb nach schwerer Krankheit. Quelle: dpa
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Erich Honecker und der Stasi war sie ein Dorn im Auge. Doch auch Verhaftung und Ausweisung aus der DDR brachten Bärbel Bohley nicht zum Schweigen. 1989 stand die mutige Frau in der ersten Reihe der jungen Bürgerrechtsbewegung gegen das verkrustete SED- Regime. Für viele Menschen in Ost und West war Bohley eine der wichtigsten Persönlichkeiten der friedlichen Revolution. Nach langem Krebsleiden starb die prominente DDR-Bürgerrechtlerin am Sonnabend im Alter von 65 Jahren in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte sie als „eine der bedeutenden Stimmen der Freiheit“.

Als im Vorjahr am 9. November 2009 der 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin gefeiert wurde, war Bohley nicht dabei. Sie spiele doch den Mauerfall nicht nach, hatte sie in ihrer direkten Art per Zeitungsinterview erklärt. Die Feierlichkeiten erinnerten sie an die Kampagnen in der DDR. Die Ostdeutschen hätten eine Diktatur selbst abgeschüttelt, da könnten die Menschen im Westen nicht mitreden. Das werde die Deutschen noch lange trennen.

Im September 1989 gehörte die Malerin zu den Gründern der Bürgerbewegung Neues Forum. Die streitbare und unbequeme Kämpferin für Menschen- und Bürgerrechte war schon ab Mitte der 80er Jahre Stimme der DDR-Opposition und wurde wegen ihrer Aktivitäten mehrfach inhaftiert. Sie saß auch in Stasi-Haft in Berlin-Hohenschönhausen. Nach dem Mauerfall besetzte Bohley zusammen mit anderen Aktivisten die Zentrale des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit in der Normannenstraße. Diese Aktion leitete den Untergang des verhassten Spitzelministeriums ein.

Doch viele Bürgerrechtler waren nach der Wiedervereinigung enttäuscht über eine unzureichende juristische Aufarbeitung des DDR- Unrechts. Bohley brachte das so auf den Punkt: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“

Ab 1996 lebte und arbeitete Bohley vorwiegend im ehemaligen Jugoslawien. Sie organisierte in Bosnien ein Wiederaufbauprogramm und ermöglichte Waisen und Kindern aus Flüchtlingsfamilien des ehemaligen Jugoslawiens gemeinsame Sommerferien in Kroatien. 2008 kehrte sie mit ihrem Mann nach Berlin zurück. Vor ihrem Tod wünschte sich Bohley, dass ihre Projekte weiter laufen. Freunde, die sie in den letzten Monaten regelmäßig besuchten, berichteten: „Bärbel blieb auch in schweren Tagen ihres Leidens tapfer und lebensfroh.“

Die Berichte ihres Vaters über den Zweiten Weltkrieg gaben Bohley schon in jungen Jahren wichtige Impulse, sich mit Fragen von Krieg und Frieden zu beschäftigen und überzeugte Pazifistin zu werden. Sie studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und arbeitete als freischaffende Künstlerin. Ihren Lebensunterhalt musste sie sich teilweise durch den Verkauf von bemalten Eierbechern verdienen.

1983 wurde die Malerin wegen „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ verhaftet, nach einer internationalen Solidaritätswelle kam sie nach sechs Wochen aus der Haft. Mit Zwangsabschiebung reagierten Honecker und Co fünf Jahre später. Nach einer Demonstration zum Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 1988 wurde die Regimegegnerin festgenommen. Die unbequeme Frau sollte weg: Aus dem Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen wurde sie über die Bundesrepublik nach England verfrachtet. Nach sechs Monaten konnte sie ihre Rückkehr in die DDR erzwingen.

Inzwischen bröckelte die Macht des SED-Regimes weiter. Die DDR- Bürger stimmten mit den Füßen ab, immer mehr verließen das Land. Bohley verfasste den Gründungsaufruf der Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum“ mit. Wenige Monate nach dem Mauerfall saß Bohley für das „Forum“ in der Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung.

In ihrem zähen Kampf gegen vermeintliche und tatsächliche Stasi- Spitzel musste Bohley auch juristische Niederlagen einstecken, so etwa 1992 gegen Gregor Gysi, damals PDS-Fraktionschef im Bundestag und 1988 einer von Bohleys Rechtsanwälten.

Mitte der neunziger Jahre versammelte Bohley in ihrer Berliner Wohnung prominente Intellektuelle aus Ost und West bei Montagsrunden. Bohley war zudem 1996 bei der Gründung des Vereins Bürgerbüro dabei, dem sich auch der damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Liedermacher Wolf Biermann anschlossen. Hintergrund war, dass viele Opfer der SED-Zeit sich zunehmend an den Rand gedrängt fühlten. Das Bürgerbüro in Berlin erhält von ihnen bis heute Anrufe und Anfragen.

Bohleys Tod löste am Sonnabend quer durch die Parteien Betroffenheit aus. Bundeskanzlerin Merkel sagte: „Unerschrocken ist sie ihren Weg gegangen. Für viele, auch für mich, waren ihr Mut und ihre Geradlinigkeit beispielhaft.“ Für die Grünen erklärten die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin: „Sie wird uns immer in Erinnerung bleiben als eine, die beharrlich für Freiheit kämpfte, als das noch mit wirklichen Gefahren verbunden war und wirklichen Mut erforderte.“

dpa