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Deutschland/Welt Bundespräsident Köhler eröffnet deutschen Nationentag
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Bundespräsident Köhler eröffnet deutschen Nationentag
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20:04 19.05.2010
Kalte Schale, kunterbunter Kern: Der Deutsche Pavillon gilt in Schanghai als Publikumsmagnet. Die spielerische Hightech-Vision von der harmonischen Stadt der Zukunft fasziniert offensichtlich auch Bundespräsident Horst Köhler und seine Frau Eva Luise. Quelle: dpa
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Es ist der offizielle Deutschland-Tag auf der Expo 2010. Der Bundespräsident, auf fünftägiger China-Tour, eröffnet ihn. „Ich freue mich sehr, heute hier zu sein – in der Szene des Lebens, des Interesses“, sagt Horst Köhler. Im Mittelpunkt des Interesses steht allerdings erst einmal ein anderer: Fußballlegende Rudi Völler. „Rudi, Rudi“ tönt es begeistert – ein Hauch von Stadionatmosphäre weht über das Gelände der Weltausstellung.

Völler ist mit einer „Traditionself“ des DFB nach China gereist, um gegen eine chinesische Altherren-Elf zu spielen. Nun trifft er mit Köhler in der Megametropole am Huangpu zusammen und ist erst einmal nur beeindruckt: „Das ist alles sehr bombastisch hier.“

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Den Auftakt dieses Nationentages zelebrieren die Gastgeber wie einen Staatsakt. Es ist die erste Expo im bevölkerungsreichsten Land der Erde, die erste Expo in einem Schwellenland. Köhler weiß um Eitelkeiten und Empfindlichkeit seiner Gastgeber. „Better City, better Life“, eine bessere Stadt, ein besseres Leben, heißt das Motto dieser Schau. Köhler greift es auf, schmeichelt: „Chinas Führung will Wirtschaft und Gesellschaft auf ressourcenschonendes und energiesparendes Wirtschaften, Verbrauchen, Leben umstellen. Und als Partner für diese Transformation haben sie offensichtlich Deutschland ausgewählt. Da bin ich froh. Das gibt eine Chance für uns mitzuwachsen.“

In Wirklichkeit aber gibt es handfeste Probleme. Eindringliche Bitten um Verbesserung werden seit zwei Wochen ignoriert. Der Generalkommissar des Pavillons, Dietmar Schmitz, lässt alle Diplomatie beiseite: „Wir sind von China eingeladen worden. Ich fühle mich als Gast und möchte auch so behandelt werden und nicht wie im Kindergarten.“

Immer wieder gibt es Ärger mit den Visa für die Mitarbeiter, mit der Anlieferung von Waren für den Pavillon. Mal macht der Zoll Theater, dann blockieren die Kontrolleure auf dem Gelände den Nachschub von Kohlensäure für die Bierzapfanlage. Und das Personal vergeudet jeden Morgen ein- bis eineinhalb Stunden wegen der Kontrollen an den Eingängen.

Immer wieder kommt es zudem zu Zwischenfällen mit verärgerten Besuchern. Zwei bis drei Stunden lang ist die Wartezeit vor dem Deutschen Pavillon, der als Publikumsmagnet gilt. Es gibt wüste Beschimpfungen des deutschen Personals, „Nazi“-Rufe werden laut, es kommt zu Rempeleien, so dass weitere Sicherheitskräfte angefordert werden – vergeblich.

Horst Köhler macht trotzdem gute Miene. Schließlich leisten sich die Deutschen in Schanghai einen so großen Auftritt wie nie zuvor auf einer Weltausstellung. Rund 50 Millionen Euro kosten die sechs Monate im Deutschen Pavillon „Balancity“, die Stadt im Gleichgewicht. In dem urbanen Organismus des Pavillons werden täglich bis zu 30.000 Besucher gezählt. Sie wandern durch Landschaften, tauchen im Hamburger Hafen aus dem Wasser auf, erleben im Schrebergarten deutsche Grillkultur, besichtigen in der Fabrik Spitzentechnik zu Themen wie Energie, Nachhaltigkeit oder Mobilität. Es ist die Utopie von einer Stadt, die ihre Gegensätze in Einklang bringt. Im Chinesischen wird „Balancity“ übrigens mit „harmonische Stadt“ übersetzt – in auffallender Anlehnung an das derzeit gültige Propagandakonzept der „harmonischen Gesellschaft“.

Horst Köhler lässt sich von der sprachlichen Vereinnahmung nicht irritieren. Seine Gedanken zur Harmonie hat er ja vorher schon deutlich gemacht in seiner Rede über die Städte der Zukunft, über die Beteiligung der Bürger und darüber, wie „besonders wichtig“ es sei, „dass es für die Lösung der unvermeidlichen Interessenunterschiede transparente und als fair anerkannte Regeln gibt.“

Hat Köhler an dieser Stelle daran gedacht, wie viele Menschen in Schanghai zwangsumgesiedelt wurden, wie viele Häuser gegen den Willen ihrer Besitzer dem Erdboden gleichgemacht wurden um Platz zu machen für die größte Weltausstellung der Geschichte? Bestimmt. Aber er hat die Kritik an den Gastgebern, wie es seine Art ist, freundlich verpackt.

Bernhard Bartsch und Andreas Landwehr