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Deutschland/Welt Botschafter in Sri Lanka: „Das hier ist grobes Versagen“
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Botschafter in Sri Lanka: „Das hier ist grobes Versagen“
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16:07 25.04.2019
Colombo: Soldaten führen an einer Straße Personenkontrollen durch.
Colombo: Soldaten führen an einer Straße Personenkontrollen durch. Quelle: Foto: Jayawardena/AP
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Colombo/Hannover, Colombo

Terror, Tod und Trauer hat ein früherer Hannoveraner in Sri Lankas Hauptstadt Colombo hautnah miterlebt. Die Sicherheitsbehörden hätten versagt und frühzeitige Informationen eines ausländischen Geheimdienstes nicht an den Staatspräsidenten weitergeben, berichtet Tunca Özcuhadar. Der frühere Generalkonsul der Türkei in Hannover ist Botschafter auf Sri Lanka.

Herr Botschafter, wenige Stunden nach den Selbstmordanschlägen haben Sie berichtet, unter den Toten seien zwei türkische Ingenieure. Unser Beileid. Ist die Zahl Ihrer vom Terror betroffenen Landsleute weiter gestiegen?

Gottseidank nicht. Der Tod zweier junger türkischen Ingenieure hat uns tief getroffen. Sie haben für eine Baufirma gearbeitet, sich zum Osterbrunch im Fünf-Sterne-Hotel getroffen. Da kam es zum Selbstmordanschlag. Wir haben die Leichen der beiden Männer in die Türkei überführt; sie sind schon beigesetzt.

Tunca Özcuhadar Quelle: privat

Wann und wie haben Sie von den Anschlägen erfahren?

Sofort nach der ersten Anschlag um 8.45 Uhr kamen Anrufe und Messages bei mir an. Ich war in meiner Residenz, fünf Kilometer entfernt vom nächsten Anschlagsziel.

Sie sprechen viele Sprachen. Versucht man im diplomatischen Korps, sich dann auch untereinander in dieser Situation zu unterstützen?

Natürlich. Wir sind eine kleine diplomatische Gemeinde, nur 45 Botschafter auf Sri Lanka. ich bin mit vielen Kollegen, auch dem deutschen Botschafter gut befreundet. Erst heute haben wir uns getroffen.

Im Land herrscht Ausnahmezustand. Wie erleben Sie den?

Schon am Tag der Anschläge gab es eine Ausgangssperre. Zuerst von 18 bis 6 Uhr, inzwischen von 21 bis 4 Uhr. Das halte ich für ein sehr effizientes Mittel, um weiteren Terror zu verhindern.

Es hat sehr viele Verhaftungen geben. Jetzt heißt es nach Erkenntnissen der Regierung in Sri Lanka, der IS sei verantwortlich für die Selbstmordanschläge und diese könnten eine Art „Vergeltung" für den Angriff auf die Moscheen in Christchurch gewesen sein. Was sagen Sie dazu?

Der IS hat die Verantwortung für den Terror übernommen. Aber ob das stimmt? Die Täter sind Killer, die unschuldige Frauen, Männer und Kinder getötet haben. Dass sie sich auf eine Religion dabei berufen, ist unmöglich. Niemand darf einen Menschen töten.

Der Staatspräsident hat inzwischen berichtet, Sicherheitsbehörden hätten versagt. Stimmt das so?

Leider ist das richtig. Tage vor dem Anschlag, schon am 11. April, gab es eine Warnung vom Geheimdienst eines befreundeten ausländischen Landes. Offenbar haben die weder der Staatssekretär des Verteidigungsministeriums noch die Polizei an den Staatspräsidenten weitergegeben. Ich erinnere mich noch gut an Ermittlungsfehler in Sachen Nationalsozialistischer Untergrund in Deutschland. Da waren einige auf dem rechten Auge blind. Aber das hier ist grobes Versagen, das den Tod von inzwischen 359 Menschen verursacht hat.

Die soziale Medien sind weitgehend abgeschaltet. Wie halten Sie den Kontakt zur türkischen Bevölkerung; wie informieren Sie sich?

Wer sich auskennt mit Apps und Internet, hat die Möglichkeit, sich zu informieren. das ist wichtig, denn zu der lokalen Organisation, die Verantwortung für die Anschläge übernommen hat, gehören mehr als 100 Einheimische. Noch nicht alle sind festgenommen. Es besteht die Gefahr weiterer Anschläge. Ohne Unterstützung können die Täter das auch nicht gemacht haben. Zeitgleich sieben Bomben zu zünden, erfordert ein riesiges logistisches Backup.

Fühlen Sie sich selbst noch sicher?

Wir allen haben die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. In Kirchen, Moscheen, Botschaften, Residenzen. Wir meiden öffentliche Plätze und sind vorsichtiger geworden.

Sri Lanka galt nach Ende des Bürgerkriegs als tolles touristisches Ziel. Und jetzt?

Der Inselstaat ist ein wunderschönes Land. Sand, Sonne, Natur. Wie ein Paradies. Die Regierung hatte große Erwartungen an den Tourismus. Die Zahl der Gäste, zuletzt drei Millionen, und die Einnahmen, zuletzt 2,5 Milliarden Dollar, sollten steigen. Jetzt wird das nicht so schnell gelingen.

Von Vera König