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Deutschland/Welt Bildungspolitische Nachhilfe bei der „Super-Nanny“
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Bildungspolitische Nachhilfe bei der „Super-Nanny“
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22:17 29.07.2009
SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und die Super Nanny Katia Saalfrank in Hannover. Quelle: Steiner
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Lena hat lange gewartet. Sie hat aus leeren Blättern ein kleines Heft gebastelt und vorn auf die erste Seite mit grünem Stift „Autogramme“ geschrieben. Das A ist ein wenig verrutscht. Aber was macht’s? Seit einer Woche haben sie im Kindergarten diesem Tag entgegengefiebert; sie haben über diesen Gast geredet, der so etwas wie ein Fernsehstar sein soll. Aber sind nicht alle, die auf dem Bildschirm leben, Stars? Als die „Super-Nanny“ schließlich vor der Tür gesichtet wird, geht ein Kreischen durch die Räume. „Sie kommt, sie kommt!“

Die „Super-Nanny“ heißt eigentlich Katharina Saalfrank; Sie ist 38 Jahre alt, Mutter von vier Söhnen und Diplom-Pädagogin. Ach ja, und sie ist Sozialdemokratin, seit zwölf Jahren. Als Super-Nanny sucht sie in der gleichnamigen Serie des Fernsehsenders RTL seit Jahren unter Kamerabegleitung Familien auf, die Probleme mit der Erziehung ihrer Kinder haben. Dass die oberste Fernseherzieherin nun die Probleme der SPD lösen soll, behaupten nur böse Zungen. Dass die Pädagogin Saalfrank die sozialdemokratische Antwort auf die Familienministerin Ursula von der Leyen sein soll, die der SPD die Familienpolitik streitig macht, wird tapfer bestritten. „Sie war es, die mich mitgenommen und eingeladen hat“, sagt SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, als er sich gestern an der Seite von Saalfrank in der Kindertagesstätte in Hannover-Linden vorstellte. Kein Wahlkampfgag? „Ende dieser Woche ist unsere gemeinsame Sommerreise beendet; erst dann beginnt der Wahlkampf.“

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Gut einen Monat lang waren sie gemeinsam unterwegs, die Pädagogin für schwierige Fälle und der Generalsekretär einer krisengeschüttelten Partei, die vor allem in der Bildungspolitik punkten will. Bei etwa einem Dutzend Veranstaltungen saßen sie auf dem Podium, zumeist gemeinsam mit dem örtlichen SPD-Kandidaten, und diskutierten mit Eltern, Erziehern und Kindern. Mal in Mainz, mal in St. Ingbert, mal im Havelland, mal in Burgdorf. Und immer war der Saal ausgebucht. Dass beide – auf Einladung der SPD-Kandidatin Edelgard Bulmahn – eine Kita besuchen, wie gestern in Hannover, gehörte eher zu den Ausnahmen.

Kennengelernt haben sie sich bereits vor einem Jahr bei einer Veranstaltung in Heils Heimatstadt Peine. Damals, sagt Heil, habe er festgestellt, dass im Publikum ganz andere Leute saßen, nicht die üblichen Gäste, die er immer wieder trifft. Saalfrank betont, dass sie das „Feedback“ dieser Diskussionen genießt, die sie – auch ohne SPD-Begleitung – regelmäßig veranstaltet. Irgendwann im Frühjahr entstand dann die Idee des Doppels. Der Start jeder Veranstaltung ist in der Regel ein kurzer Film, in dem Kinder erzählen, was Strafen, der Klaps der Mutter oder des Vaters, für sie bedeuten. Danach reden vor allem die Zuschauer. Es sei überraschend, wie die Leute ins Erzählen kommen, sagt Saalfrank. Über ihre Sorgen oder über das Problem, dass das eigene Kind in keiner Schule besteht. „Viele Eltern fühlen sich mit ihren Problemen alleingelassen.“ Letztlich gehe es immer um die Schwierigkeiten der Eltern – „wenn man die löst, hilft man auch den Kindern“.

Glaubt man den beiden, dann hat jeder von ihnen auf dieser Sommerreise etwas gelernt. Für Heil war es so etwas wie ein Ausflug ins wirkliche Leben. Es gehe darum herauszufinden, ob „Politik in petto hat, was Familien brauchen“, hatte er vor gut einem Monat gesagt. Und das Ergebnis? „Politische Debatten in Berlin sind manchmal sehr abstrakt“, sagt er. Über Bildung im Allgemeinen, über Erziehung im Besonderen. Dabei vergesse man oft, dass es vor allem darum gehe, Eltern den Rücken zu stärken. Auch über die Rolle des Staates müsse neu nachgedacht werden. „Er sollte nicht verordnen, sondern Möglichkeiten öffnen.“ Ganztagsschulen seien wichtig. Einige Familien wünschen sie sich, aber andere nicht. „Wir wissen, dass die Nachfrage heute größer ist, als es Plätze gibt. Aber wir wollen nichts vorschreiben.“

Er nennt sie eine gute Ratgeberin. Sie begreift sich als Vermittlerin, die Politik auf den Prüfstand stellt. Die Politik liefere oft nur Schlagwörter, sagt Saalfrank. Politik müsse erklärt werden. Distanz müsse überwunden werden. „Politiker sollten genau hinschauen und darauf achten, wie Gesetze im Alltag tatsächlich ankommen und umgesetzt werden.“ Es gehe nicht um Erziehung, sondern um Beziehungen, die viel Kraft kosteten, und um die Beziehungsfähigkeit, die insgesamt in der Gesellschaft abnehme.

Familien, denen sie in ihrer Arbeit begegne, seien oft kritisch gegenüber der Politik. „Viele schimpfen über die Politik, viele sind unzufrieden.“ Sie selbst, so scheint es, hat Gefallen an der Begegnung gefunden. Auch eigene Urteile hat sie korrigiert. „Ich habe gemerkt, dass häufig übersehen wird, dass Politik immer schwieriger wird.“ Für die Sozialdemokratin Saalfrank folgt daraus Verständnis, nicht Überdruss. Es sei spannend gewesen, mitgestalten zu können. Also Einstieg, statt Abschied? Bereits in der ersten Vorstellungsrunde hatte das Doppel betont, dass Saalfrank nicht vorhabe, Politikerin zu werden. „Das Verrückte ist, dass sich viele gar nicht vorstellen können, dass sich jemand für eine Partei engagiert, ohne sofort eine politische Karriere anzustreben“, sagt Heil. Saalfrank hat bereits einen Vollzeitjob. Einen, den nicht unbedingt jeder in der Partei für vorzeigbar hält. Einige Sozialdemokraten hatten moniert, dass die RTL-Sendung Kinder und Familien bloßstelle und kein Vorbild für die Bildungspolitik sei.

Lena, Bahrein, Barisch oder David, den Hortkindern aus Hannover, ist dies ziemlich schnuppe. Wichtig ist, dass sie endlich ihre Autogramme bekommen; schließlich haben sie darauf lange gewartet. Und wenn sie ehrlich sind, haben sie zwar von der Super-Nanny gehört, aber im Fernsehen gesehen? „Nee“, gesteht Bahrein. Auch ein Vater, der vorbeigeschaut hat, um die Gäste zu erleben, räumt ein, dass er die Serie „merkwürdig“ finde. Er frage sich, warum Familien bereit sind, sich vor der Kamera zu zanken. Auch an diesem Tag sind Kameras dabei – mit dem Mikro vor der Nase soll Lena sagen, wie sie die Super-Nanny fand. Lena bleibt stumm. Fünf Minuten lang. Dann kommt ein leises „schööön“.

Von Gabi Stief