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Deutschland/Welt Bild der Verwüstung prägt Libyens Hauptstadt Tripolis
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Bild der Verwüstung prägt Libyens Hauptstadt Tripolis
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16:56 21.02.2011
Die Proteste in Tripolis hinterlassen ein Bild der Verwüstung.
Die Proteste in Tripolis hinterlassen ein Bild der Verwüstung. Quelle: dpa
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Libyen versinkt in Chaos und Gewalt. In der Hauptstadt Tripolis und weiteren Städten sind die Proteste gegen den seit 42 Jahren herrschenden Staatschef Muammar al-Gaddafi eskaliert. Bei Zusammenstößen zwischen Polizei und Regimegegnern sollen am Montag mehr als 60 Menschen getötet worden sein. Das Parlamentsgebäude brannte nieder. Die zweitgrößte Stadt Bengasi, die Wiege der Proteste, im Osten Libyens fiel an die Gaddafi-Gegner. Teile der Armee liefen angeblich über. Nach Schätzungen sollen bislang an den fünf Protesttagen insgesamt 400 Menschen ums Leben gekommen sein. Der Revolutionsführer mied weiter die Öffentlichkeit

Die EU-Außenminister verurteilten bei einem Treffen in Brüssel die blutige Gewalt gegen Demonstranten scharf. Strafmaßnahmen gegen das lange Zeit als „Schurkenstaat“ isolierte Libyen sind aber umstritten. Nicht nur Italien fürchtet einen neuen Flüchtlings-Exodus aus Nordafrika. Das Auswärtige Amt sprach eine Reisewarnung für das gesamte nordafrikanische Land aus.

Revolutionsführer Gaddafi hielt sich weiter aus der Öffentlichkeit fern. Gerüchten zufolge soll der schrille Oberst das Land heimlich verlassen haben, was dessen Familie dementierte. In einer Fernsehansprache warnte sein Sohn Saif al-Islam vor einem Bürgerkrieg. Der libysche Justizminister Mustafa Abdul-Dschalil trat aus Protest gegen den „exzessiven Einsatz von Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten“ zurück. Das berichtete die libysche Zeitung „Quryna“ am Montag. Weitere Funktionäre und Diplomaten in Libyen sollen ebenfalls ihren Rücktritt erklärt haben.

Die Unruhen im Land lassen auf den Weltmärkten die Ölpreise steigen. Das Land ist heute nach Angaben des Auswärtigen Amtes Deutschlands drittwichtigster Erdöllieferant. Auch in anderen arabischen Ländern blieb die Lage angespannt. In Marokko kamen fünf Menschen bei Ausschreitungen ums Leben.

In der libyschen Hauptstadt Tripolis versammelten sich auch am Montag wieder Tausende Demonstranten auf dem Grünen Platz. Oppositionsanhänger brannten in der Nacht zu Montag das Gebäude des Volkskongresses nieder. Auch das Gebäude des Olympischen Komitees in Tripolis soll in Flammen aufgegangen sein. Das Komitee wird von Mohammed al-Gaddafi, dem ältesten Sohn des Staatschefs, geleitet. Nach Augenzeugenberichten soll zudem das Gebäude des staatlichen Fernsehens geplündert worden sein. Die Lage in dem nordafrikanischen Land blieb auch im Tagesverlauf unübersichtlich.

Mehrere Volksstämme haben sich Medienberichten zufolge den Gaddafi-Gegnern angeschlossen. Der Religionsführer Aref Ali Najed verkündete, die großen Volksgruppen hätten sich gegen Gaddafi verbrüdert. „Alle großen Volksstämme Libyens sind vereint. Das einzige, was sie bislang trennte, war Gaddafi und sein Regime“, sagte Najed vom einflussreichen Warfla-Stamm dem Sender BBC.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam hatte in der Nacht in einer Fernsehansprache vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Er sagte, die Führung sei bereit zu Reformen. Sie wolle aber, falls nötig, bis zum letzten Mann kämpfen.

Das Parlament, der Allgemeine Volkskongress, sollte zusammenkommen und über Reformen beraten. Nach Angaben von Einwohnern der Stadt waren bis zum frühen Morgen Schüsse zu hören gewesen. Zahlreiche Polizeistationen der Hauptstadt standen am Morgen in Flammen, wie ein Korrespondent von Al-Dschasira berichtete.

Nach unbestätigten Meldungen sollen sich die Sicherheitskräfte aus mehreren Städten zurückgezogen haben. Die Aufständischen, die am vergangenen Mittwoch mit ihren Demonstrationen gegen die Staatsführung begonnen hatten, haben demnach einige Städte weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Im Osten hätten kriminelle Banden das Machtvakuum für Plünderungen ausgenutzt.

Auf Internetseiten der Oppositionellen hieß es, zwei Stämme planten, die Stadt Sebha in Zentrallibyen unter ihre Kontrolle zu bringen. Zuvor hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass sich Gaddafi dorthin zurückgezogen haben soll.

Die EU-Staaten sind sich bislang uneins in ihrer Libyen-Strategie. Gaddafi ist bisher ein Verbündeter der Europäer im Kampf gegen die illegale Einwanderung. Er hatte zuletzt gedroht, die Zusammenarbeit mit der EU bei der Unterbindung der illegalen Einwanderung aus Nordafrika aufzukündigen, sollte sich Europa bei den aktuellen Unruhen hinter die Demonstranten stellen.

Internationale Konzerne wie BP, Siemens und und die BASF-Tochter Wintershall wollen wegen der Unruhen einen Teil ihrer Mitarbeiter aus Libyen abziehen. Westliche Firmen sind vor allem im libyschen Energiesektor sowie im Baugewerbe tätig. Etwa 500 Deutsche leben in dem nordafrikanischen Land, darunter auch viele mit doppelter Staatsbürgerschaft.

Das Auswärtige Amt sprach eine Reisewarnung für das gesamte nordafrikanische Land aus. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte am Montag in Berlin alle Bundesbürger, die sich noch in Libyen aufhalten, auf, das Land zu verlassen. Zugleich verurteilte er das gewaltsame Vorgehen gegen die Gaddafi-Gegner aufs Schärfste. „Nichts und niemand rechtfertigt, das friedliche Demonstrationen mit Gewalt, Mord und Totschlag niedergeknüppelt werden“, sagte Westerwelle.

Mit Blick auf die Rede des Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam, der mit Bürgerkrieg im Land gedroht hatte, sagte Westerwelle: „Wer in einer solchen Lage sein Volk einschüchtern will, indem er in Libyen mit Bürgerkrieg droht, der zeigt nur, dass er am Ende ist.“

dpa

Dieser Artikel wurde erneut aktualisiert.