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Deutschland/Welt Aufstand der Unzufriedenen
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18:16 08.04.2009
Viele hoffen Jugendliche hoffen auf Annäherung an die EU. Quelle: Vadim Denisov/AFP
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"Freiheit“, „Nieder mit den Kommunisten!“ hallt es durch die Straßen der moldawischen Hauptstadt Chisinau. Mit den Sprechchören machen hunderte vorwiegend jugendliche Demonstranten ihrer Wut über den erneuten Wahlsieg der Kommunisten in der früheren Sowjetrepublik Luft. Am Dienstagmittag eskalierte die Situation: Demonstranten stürmen Parlament und Präsidentensitz, aus den oberen Etagen des brennenden Parlamentsgebäudes werfen sie Computer und persönliche Gegenstände der Abgeordneten auf die Straße.
Chaotische Szenen wie in diesen Tagen hat es in Moldawien lange nicht gegeben. Das Szenario erinnert eher an die Präsidentschaftswahlen 2004 in der Ukraine, die in die Massenproteste der „Orangen Revolution“ mündeten. Anders als im östlichen Nachbarland gingen die Demonstranten in Chisinau aber nicht nur wegen angeblicher Wahlfälschungen, sondern vor allem aus sozialer Unzufriedenheit auf die Straße, meint der bekannte Regisseur Mihai Fusu.
„Ich glaube, die Jugendlichen haben einfach die Geduld verloren“, pflichtet ihm der 21-jährige Andreï bei. Ein Studium in Moldawien sei teuer, zwischen 550 und 820 Euro im Jahr. „Wer kann sich das leisten?“, fragt der Arbeitslose. „Und was kann man danach machen? Die Löhne sind schlecht und es gibt keine Arbeit.“
Andreï fürchtet, dass die gewalttätigen Ausschreitungen die Anliegen der Jugendlichen in ein schlechtes Licht rücken könnten. Aber jetzt sei die Regierung in Chisinau endlich auf deren Probleme aufmerksam geworden. Während die regierenden Kommunisten vor allem ihre klassischen Wähler wie Renter und Landbewohner im Blick hätten, würden die jungen Leute übersehen.
„Die alten Leute wählen die Kommunisten, weil sie ihre Renten erhöht haben“, sagt der 29-jährige Ion. Auch für die Menschen auf dem Land gebe es Hilfen. „Die Jugendlichen kriegen nichts“, sagt er. „Was sollen wir machen? Gehen? Wie unsere Eltern?“ Moldawien gilt als das ärmste Land Europas, wegen der schlechten Wirtschaftslage haben seit Ende der 90er Jahre Hunderttausende das rumänischsprachige Land verlassen. Der durchschnittliche Monatslohn liegt in Moldawien gerade einmal bei 250 Euro, der ungelöste Konflikt mit der abtrünnigen Republik Transnistrien bremst die Wirtschaftsentwicklung weiter.
Eine Verbesserung erhoffen sich viele junge Moldawier von einer Annäherung an die Europäische Union. Bei den Demonstrationen am Dienstag waren auch Sprechchöre wie „Wir wollen zu Europa gehören“ oder „Wir sind Rumänen“ zu hören. Nach der letzten Wiederwahl seiner kommunistischen Regierung im Jahr 2005 hatte Präsident Wladimir Woronin theoretisch eine Kehrtwende vom pro-russischen Kurs in Richtung EU vollzogen, um seinem Land Wirtschaftshilfen zu sichern. Heute werfen ihm die Jugendlichen Untätigkeit und Unwilligkeit vor.
Auch die schon häufig diskutierte Wiedervereinigung mit Rumänien können sich viele junge Leute vorstellen. Moldawien gehörte bereits zwischen den beiden Weltkriegen zu Rumänien, bevor der sowjetische Diktator Josef Stalin es im Zweiten Weltkrieg annektierte. „Woronin ist gegen die Anbindung an Rumänien, obwohl das besser wäre“, sagte Andreï. „Dann wären wir in Europa.“
Die 25-jährige Lili sieht die gewalttägigen Proteste allerdings kritisch. „Es war vorher schon schwer, hier zu leben. Jetzt wird es noch schlimmer werden“, vermutet sie. „Das alles zu reparieren, wird ein Vermögen kosten“, setzt sie mit Blick auf das erstürmte Parlamentsgebäude hinzu. „Und wer wird das bezahlen? Wir alle.“

AFP