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Deutschland/Welt Angies Abend: Die Union feiert dank Merkel
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Angies Abend: Die Union feiert dank Merkel
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23:53 27.09.2009
Von Stefan Koch
Angela Merkel, erste und aller Voraussicht nach auch nächste Bundeskanzlerin in Deutschland.
Angela Merkel, erste und aller Voraussicht nach auch nächste Bundeskanzlerin in Deutschland. Quelle: ddp
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Unter lautstarken „Angie“-Rufen betritt sie um 19.05 Uhr das Atrium im Konrad-Adenauer-Haus. Ronald Pofalla an ihrer Seite, den Blumenstrauß schnell weitergereicht, will sie das Wort ergreifen. „Liebe Freunde...“ geht im Applaus unter. „Liebe Freunde“, setzt sie mehrfach an. „Ich darf vielleicht sagen, nicht nur Sie sind glücklich, ich bin es auch.“ Sie spricht, wie so oft, ein wenig gedrechselt. Aber es ist fast zu hören, wie ihr ein Stein vom Herzen fällt. So vergnügt haben sie ihre Mitarbeiter in der Parteizentrale seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Auch nicht an dem etwas holprigen Wahlabend im Herbst 2005, der am Beginn ihrer ersten Kanzlerschaft stand. So ganz anders ist dieser Sonntagabend an der Klingelhöferstraße.

Selbstbewusst stellt sie fest: „Ich möchte den Wählern auch sagen, ich möchte die Bundeskanzlerin aller Deutschen sein.“ Ihre erste Botschaft: Mit ihr gibt es keine Revolution und schon gar keinen Kahlschlag. Sie steht in der Mitte, abgepuffert nach allen Seiten.

Ganz dem Bild der strengen und arbeitsamen Protestantin entsprechend, streicht sie heraus, dass nun schnell wieder die Arbeit wartet. Ungezwungen zu sein, ausgelassen ihren Erfolg genießen, das ist nicht die Sache dieser Politikerin. Sie umarmt ihre Anhänger nicht, sie hält sogar körperliche Distanz zu ihrem obersten Wahlkampfführer Ronald Pofalla. Das Überschwängliche überlässt sie den einfachen Mitarbeitern, insbesondere den ganz Jungen. In den ersten Reihen dominieren Jugendliche und junge Erwachsene, vornehmlich weiblich. Sie applaudieren frenetisch, feuern ihre Chefin an. Einige kreischen gar, als setzten sie die spröde Frau mit einem Popstar gleich. „Einfach großartig, wie sie das geschafft hat“, sagt Katarina Mai, 22-jährige Studentin aus Berlin und seit diesem Sommer für das „Team Deutschland“ im Einsatz – einer Art Nahkampftruppe für die Zielgruppe Erstwähler. Die Inszenierung stimmt, alles läuft nach Plan. Kein Wort über die leichten Verluste, kein Wort darüber, dass man bis in das Jahr 1949 zurückblättern muss, um auf eine derart geringe Zustimmungsquote zu stoßen. Was soll’s, sagen sich die Anhänger. Oder, wie es ein junger Mann aus der gegenüberliegenden Adenauer-Stiftung formuliert: „Das ist die neue Zeit, da gibt es nicht mehr die eine, prägende Partei.“

Gleichwohl will Merkel den Anspruch als Volkspartei nicht fallen lassen. Trotz des mageren Ergebnisses feuert sie ihre Leute an: „Wir wollen Volkspartei bleiben. Für Jüngere, für Ältere, für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.“ Jedem soll etwas geboten werden in diesem Gemischtwarenladen, der sich vor allem dem großen Ganzen verpflichtet fühlt.

An diesem Sonntag deutet nichts darauf hin, dass das eigentlich schlechte Abschneiden noch einmal ernsthaft diskutiert werden sollte. Merkel hat gleich eine passende Formulierung gefunden: „Es ist keine einfache Situation. Wir leben jetzt in einem Vielparteiensystem.“ Die CDU-Chefin kann sich dieses Selbstbewusstsein erlauben. Ihre Widersacher von der Schwesterpartei aus München sind gedeckelt worden. Mit gerade noch 41 Prozent dürfte die CSU kaum noch Gelegenheit erhalten, widerspenstig zu sein.

Die Parteigranden machten ihr denn auch sogleich ihre Aufwartung: Die Ministerpräsidenten aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen stehen Gewehr bei Fuß. Jürgen Rüttgers tritt als Erster vor die TV-Kameras. Roland Koch widmet sich den schreibenden Journalisten und hebt den „Weitblick der Kanzlerin“ hervor, die der Verlockung widerstanden habe, die Themen unnötig zuzuspitzen. Bemerkenswerte Worte ausgerechnet von einem CDU-Wahlkämpfer, der als einer der scharfzüngigsten gilt. Christian Wulff gibt sich betont besonnen. Nüchtern stellt er fest, dass Schwarz-Gelb von der Mehrheit der Deutschen gewünscht sei. Innenminister Wolfgang Schäuble und Bundestagspräsident Norbert Lammert sind ebenfalls da, halten sich aber zurück. Die Stimmung unter ihnen ist im Gegensatz zu 2005 gut, auch wenn das Ringen um Ministerämter und Fraktions- und Parteiposten schon beginnt. Ihr Credo: Es ist ein Erfolg ihrer Strategie und Popularität. Merkel hat die Union in die politische Mitte geführt. Systematisch hat sie der SPD Themen abgenommen. Der Mindestlohn – eine SPD-Forderung – war kaum ein Wahlkampfthema. Ursula von der Leyen gab der Union ein neues Familienbild. Der SPD blieb nur noch ihr Widerstand gegen die Atomkraft. Die Union hatte zwar auch nicht viel mehr als ein vorsichtiges, sehr zurückhaltendes Versprechen nach Steuersenkungen anzubieten. Aber es reichte.

Die Schlachten sind geschlagen. Die fast 4000 Gäste im Konrad-Adenauer-Haus sind gekommen, um zu feiern, nicht um zu analysieren. „Die CDU ist immer eine Partei gewesen, die auf die Frage des Machtgewinns fixiert war“, sagt ein CDU-Vorstandsmann. „Alles andere tritt dahinter erst einmal zurück.“ Dagegen sagt Jochen-Konrad Fromme, Bundestagsabgeordneter aus Wolfenbüttel: „Unser erstes Ziel haben wir erreicht. Es gibt Schwarz-Gelb. Aber über das schlechte Ergebnis muss gesprochen werden.“ Er ist einer der wenigen, die für klare Worte zu haben sind.

Schon vor Wochen sagte einer ganz oben in der Parteihierarchie: „Wenn die FDP eine Koalitionsaussage zu unseren Gunsten macht, kommen wir auf nicht mehr als 36 Prozent.“ Nun ist das Ergebnis noch schlechter. Zu groß war aber wohl die Verlockung für viele Wähler, der FDP die Stimme zu geben, um die Kanzlerschaft von Merkel zu sichern und die Große Koalition zu beenden. Allerdings ist das Schwarz-Gelb, das jetzt kommt, völlig neu. Die Innenarchitektur der Macht dürfte sich deutlich von früheren bürgerlichen Koalitionen unterscheiden. Unter Helmut Kohl stellte sich nicht die Frage nach Koch und Kellner, weil der Juniorpartner wirklich klein war. Doch heute? Die Liberalen haben sich gut aufgestellt. Sie haben ein Ergebnis erreicht, für das sie nun den Lohn erwarten. Das weiß man in der Union. Aber an diesem Abend bleibt für die CDU-Anhänger erst einmal das Gefühl, Sieger zu sein.

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