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Deutschland/Welt Amerikaner bauen wieder Forts
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06:15 31.03.2012
Von Stefan Koch
In Alexandria fürchten die die Bürger um ihre Sicherheit. Quelle: dpa
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Alexandria

Langsam biegt der Schulbus um die Ecke. Bill Kramer steht an diesem Dienstagnachmittag allein an der Haltestelle, blickt entspannt in die Sonne und wartet auf seine Tochter Lisa. „Die Kleine freut sich immer so, wenn ich sie direkt am Bus abhole“, sagt Kramer, der Jeans und T-Shirt trägt und lediglich seinen Haustürschlüssel bei sich hat. Für die paar Schritte bis in seine Wohnung im achten Stock des Hochhauses lohne es sich gar nicht, die Jacke aus dem Schrank zu holen. Dann öffnet sich die Bustür und das Mädchen mit dem Ranzen auf dem Rücken läuft lächelnd zu seinem Vater.

Die Kramers sind Neulinge in Montebello, einer streng bewachten Wohnanlage am Stadtrand von Alexandria im Norden Virginias. Anders als die Alteingesessenen bringen die Eltern ihre Tochter noch zum Schulbus und schauen nachmittags hin und wieder auf dem Spielplatz vorbei. Der Vater erzählt, dass die anderen Kinder in der Nachbarschaft wie selbstverständlich allein draußen spielen, egal ob sie sich auf dem Spielplatz treffen, am Swimmingpool oder in dem kleinen Wäldchen, der die „gated community“ umschließt. Kramer lacht und sagt: „Daran müssen sich meine Frau und ich erst noch gewöhnen, dass sich unsere Kleine hier so frei bewegen kann. Hier ist es so sicher.“

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Sich frei zu bewegen ist in Montebello ein relativer Begriff. Tatsächlich erscheinen die Bewohner auf diesem etwa 14 Hektar großen Gelände recht entspannt und überaus freundlich. Die Autos fahren im Schritttempo und viele von Kramers Nachbarn gehen zu Fuß. Ab April, wenn der Pool für die Sommersaison öffnet, dürfte die Anlage eher an ein Ferienresort erinnern als an ein Wohngebiet am Stadtrand. Der hohe Zaun hinter dem Wäldchen ist von den Straßen und Gehwegen aus kaum zu erkennen. Und die Wächter, die Tag und Nacht patrouillieren, bewegen sich bei ihren Rundgängen möglichst unauffällig. Wer hier nicht wohnt und keine ausdrückliche Einladung eines Bewohners vorweisen kann, erhält keinen Zutritt. Dafür sorgt der Sicherheitsdienst, der an der Schranke jedes Fahrzeug kritisch überprüft.

„Es ist herrlich hier, sehr entspannend“, sagt Kramer. Der Mittvierziger ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften und lebte mit seiner Familie bis Ende vergangenen Jahres in „Old Town“, der Altstadt von Alexandria. Dort hätten sie es eigentlich ganz nett gehabt. Restaurants und kleinere Geschäfte lagen gleich um die Ecke ihres Reihenhauses. „Aber Sie wissen ja, was es heißt, mitten in der Stadt zu leben", sagt Kramer und blickt seinem Gesprächspartner direkt in die Augen. Die Raubüberfälle hätten sich in jüngster Zeit gehäuft, und da habe er es mit seiner Verantwortung als Familienvater nicht vereinbaren können, länger im Stadtzentrum zu bleiben. Kramer hält sich an den üblichen Verhaltenskodex der amerikanischen Mittelschicht und geht mit der Beschreibung der Gefahren nicht allzu sehr ins Detail. Er verliert kein Wort darüber, dass im Stadtzentrum vor allem ärmere Afroamerikaner und Zuwanderer aus Lateinamerika leben. Es ist in erster Linie die Drogenkriminalität, die die Angehörigen der Mittelschicht vertreibt. Sie haben Angst vor Tätern, die durch ihre Sucht unberechenbar werden, zumal viele hier in Virginia bewaffnet sind.

Sicherheit hat ihren Preis

Um sich im Alltag wieder wohl zu fühlen, schränken sich die Kramers ein und tauschten das geräumige Reihenhaus mit einer kleineren Vierzimmerwohnung. Das Leben in der „gated community“ hat seinen Preis: 390.000 Dollar. „Eine stolze Summe, wenn man bedenkt, dass wir ziemlich zusammenrücken mussten“, sagt Kramer.

Nach einer Studie der New Yorker Sozialwissenschaftlerin Setha Low erhöht sich die Einwohnerzahl dieser Wohnsiedlungen in den USA in jüngster Zeit drastisch. Es fehlen exakte und amerikaweite Zahlen, aber die Professorin geht davon aus, dass in Metropolregionen wie zum Beispiel Los Angeles oder New York City heute mehr als zehn Prozent mit Stacheldrahtzaun und Sicherheitspersonal leben. War diese Wohnform in den neunziger Jahren zumeist Wohlhabenden vorbehalten, tendiere mittlerweile auch die Mittelschicht zum behüteten Wohnen. Kurioserweise kommt die Wissenschaftlerin zu der Erkenntnis, dass die geschützten Anlagen auch in Regionen entstehen, in denen die Kriminalität nicht besonders hoch ist. Lows Fazit: Gerade im Süden der USA, dort, wo die Zuwanderung durch Lateinamerikaner besonders stark ist, grenze sich die weiße Bevölkerung immer stärker ab. Ausgerechnet im Heimatland des eigentlich so selbstbewussten Malboro-Mannes entwickele sich eine Kultur der Angst – auch wenn die Zahl der Morde und Raubüberfälle nicht wesentlich steige.

Trayvon Martin wurde dieses gesteigerte Sicherheitsbedürfnis Ende Februar in Florida zum Verhängnis. Ein selbsternannter Nachtwächter erschoss den 17-Jährigen in einer geschlossenen Wohnanlage, als er sich abends in einer Fernsehpause Süßigkeiten kaufen wollte. Der Täter blieb am Tatort, bis die Polizei zur Stelle war und gab bei der Vernehmung an, dass er sich von Trayvon bedroht fühlte – obwohl der Teenager unbewaffnet war. Die Polizei ließ den Schützen noch am Abend des Vorfalls nach Hause gehen. Vielleicht auch, weil das Opfer dem Klischeebild eines Kriminellen glich? Trayvon war Afroamerikaner, trug seine Kapuzenjacke tief ins Gesicht gezogen und war in der Wohnanlage unbekannt.

Ganz Amerika ist über den Tod des jungen Mannes empört, unzählige Demonstrationen rütteln in diesen Tagen das Land wach und fordern Gerechtigkeit für den Getöteten. Protestiert wird dabei auch gegen Gesetze, die den schnellen Schusswaffengebrauch erlauben: Wer sich auf dem eigenen Grundstück – und dazu zählen auch geschlossene Wohnanlagen – bedroht fühlt, darf die Waffe ziehen. „Stand Your Ground“ – Weiche nicht zurück - heißt der Paragraph, der das Selbstverteidigungsrecht ungemein weit auslegt.

Selbstverständlich hat auch Kramer von dem schrecklichen Vorfall in Florida gehört. Dass ein Teenager in einer geschlossenen Wohnsiedlung von einem selbsternannten Nachtwächter erschossen wird, habe ihn tief getroffen. Aber: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Wachleute so leichtfertig handeln. Hier ist das Personal richtig gut ausgebildet.“ Mit einem schnellen Urteil über die Gesetzeslage hält sich Kramer zurück: „Es ist erschütternd, wenn ein Unschuldiger erschossen wird. Aber das war ein Einzelfall.“

28.03.2012
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