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Deutschland/Welt Alte Kameraden der NVA treffen sich im Berliner Tierpark
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Alte Kameraden der NVA treffen sich im Berliner Tierpark
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21:47 08.03.2011
Von Reinhard Urschel
Der ehemalige NVA-General Heinz Keßler (rechts).
Der ehemalige NVA-General Heinz Keßler (rechts). Quelle: Archivbild
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Im Berliner Tierpark, dem östlichen Gegenstück zum Zoo im Westen, gibt es 1040 verschiedene Arten zu betrachten. Weil am vergangenen Wochenende auch Dinosaurier gesichtet wurden, ermitteln nun die Behörden.

In der Cafeteria des idyllischen Geländes in Friedrichsfelde hatten sich gut hundert alte Kameraden getroffen, um den 55. Gründungstag der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR würdig zu begehen, mit Rotkäppchensekt und Käse-Buletten-Spießchen. Steingraue Uniformen, alles im Original vom Stiefel bis zur Schulterkordel, hoben sich ab vom umbra-beigen Rentnerlook. Man erkannte also die alten Dienstgrade und konnte sich militärisch formgerecht begrüßten: „Guten Tag, Genosse Major“, „Guten Tag, Genosse General“. Neben dem Rednerpult war die DDR-Flagge aufgepflanzt, Hammer und Zirkel im Ährenkranz wurde die notwendige Ehre erwiesen. Es steckt halt tief drin. Der Ranghöchste der Teilnehmer der Feier, ausgerichtet vom „Traditionsverband Nationale Volksarmee“, war der letzte Verteidigungsminister der DDR, Heinz Keßler. Der Armeegeneral, just 91 Jahre alt geworden, ist wegen seiner Mitschuld an den Mauertoten vorbestraft. Bis zuletzt hat er den Schießbefehl hartnäckig geleugnet. Von siebeneinhalb Jahren Haft, wie es das Urteil vorsah, hat er vier im offenen Vollzug absitzen dürfen. In dieser Umgebung aber war die Vorstrafe kein Grund, ihn zu meiden.

Was während der Kostümparty geredet wurde, lässt sich nur ahnen. Verschreckt vom nachträglichen öffentlichen Interesse haben sich die Mitarbeiter der Cafeteria ein Schweigegelübde auferlegt.

Weil der Tierpark aber öffentliche Fördergelder bekommt, drängen nun Berliner Landespolitiker auf ein behördliches Nachspiel. So einen Mummenschanz wolle man nicht noch einmal erleben, ließ der sozialdemokratische Verfassungsschutzexperte Tom Schreiber stirnrunzelnd mitteilen. Eilfertig beteuerten die Linken, die Gruppierung habe keinerlei politische Relevanz in der Partei. Keßler ist tatsächlich gleich 1990 aus der flugs in PDS umbenannten ehemaligen SED ausgeschlossen worden.

Die immer noch recht straff organisierten früheren Angehörigen der NVA, der FDJ und des Staatssicherheitsdienstes treten hin und wieder keck und unverfroren in der Öffentlichkeit auf. Die alten Herrn – denn es handelt sich in der Mehrzahl um betagte Männer – scheuen nicht davor zurück, auf Veranstaltungen von Verfolgtenverbänden aufzutauchen und ihre früheren Opfer zu verhöhnen. Der Verfassungsschutz hat zwar die „Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde“ und die „Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung“ im Visier, findet aber nichts Strafwürdiges. Man pflege dort halt, heißt es in den einschlägigen Berichten, eine alte Sicht auf alte Zeiten. Schwerwiegende Folgen hat der Mummenschanz nicht. Der Betreiber der Cafeteria und ein Tierpark-Mitarbeiter, der von dem Treffen gewusst, seine Vorgesetzten aber nicht ins Bild gesetzt hatte, erhielten eine Abmahnung.

Das Tragen von NVA-Uniformen ist übrigens nicht verboten, auch weil die NVA als Armee nicht mehr existiert. Als das Treffen stattfand, war darüberhinaus noch Karneval.