Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland/Welt Afghanistan macht viele Soldaten krank
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Afghanistan macht viele Soldaten krank
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 16.03.2010
Von Klaus von der Brelie
Psychische Belastungen der Soldaten, besonders nach Afghanistan-Einsätzen, sollen in der Bundeswehr kein Tabuthema mehr sein.
Psychische Belastungen der Soldaten, besonders nach Afghanistan-Einsätzen, sollen in der Bundeswehr kein Tabuthema mehr sein. Quelle: dpa
Anzeige

Damit habe sich die Anzahl der Erkrankten im Vergleich zu 2008 fast verdoppelt, heißt es im Jahresbericht des Wehrbeauftragten, der gestern vorgestellt wurde. Fast 90 Prozent der psychisch erkrankten Soldaten gehörten zur Internationalen Schutztruppe Isaf in Afghanistan.

Für den Anstieg nennt Robbe zwei wesentliche Gründe: zum einen die erhöhte Zahl der Soldaten im Einsatz, zum anderen die „Zunahme der Einsatzintensität und die kriegsähnlichen Verhältnisse, insbesondere im Raum Kundus“. Nach wie vor ungeklärt sei die Dunkelziffer psychisch erkrankter Soldaten. Nach Robbes Erkenntnissen werden in der Truppe psychische Erkrankungen nach wie vor als stigmatisierend empfunden und von Betroffenen insbesondere aus Angst vor persönlichen Nachteilen verschwiegen. Es sei deshalb davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl psychisch Erkrankter um einiges höher liegt als die festgestellten Fälle, heißt es im Bericht.

Mit deutlichen Worten fügte Robbe hinzu: „Psychische Belastungsstörungen dürfen auch in der Bundeswehr kein Tabuthema mehr sein. Die Vorgesetzten auf allen Ebenen müssen noch weitergehender als bisher für diese Thematik sensibilisiert werden.“ Leider sei die Bundeswehr 17 Jahre nach Beginn der Auslandseinsätze noch immer nicht ausreichend gerüstet, um traumatisierte Soldaten zu behandeln. Von derzeit 38 Dienstposten für Psychiater seien nur 22 besetzt. Der Personalmangel habe bereits zur Schließung einer Ambulanz und einer Bettenstation in den Abteilungen für Psychiatrie zweier Bundeswehrkrankenhäuser geführt. Im Afghanistaneinsatz stehe derzeit für rund 4500 Soldaten gerade einmal ein Psychiater zur Verfügung. So deutlich wie nie zuvor übte der Wehrbeauftragte gestern Kritik: „Die Bundeswehrführung ist mit Blick auf die Fürsorgepflicht gegenüber den Soldaten noch nicht in der Einsatzrealität angekommen.“ Vor allem im Sanitätsdienst habe sich die Situation verschlechtert. Insbesondere dem verantwortlichen Inspekteur für das Sanitätswesen, Generaloberstabsarzt Kurt-Bernhard Nakath, warf er ein „klares Versagen“ vor. „Es gibt nicht wenige Experten in der Bundeswehr, die davon sprechen, dass dieser Inspekteur die Sanität regelrecht vor die Wand gefahren habe“, sagte Robbe. Die Sanitätsführung gehe davon aus, dass derzeit rund 600 Ärzte fehlten.

Der Aderlass von mehr als 120 Ärzten, die der Bundeswehr allein im Zeitraum von Januar 2008 bis April 2009 den Rücken gekehrt hätten, habe tiefe Spuren hinterlassen. Ohne den Rückgriff auf zivile Ärzte und Krankenhäuser wäre die sanitätsdienstliche Versorgung der Soldatinnen und Soldaten nicht mehr zu gewährleisten.

Grundsätzlich beklagt Robbe, dass die Bundeswehr unter einer unübersichtlichen Führungsstruktur, Reibungsverlusten, einer veralteten Materialplanung und viel zu viel Bürokratie leide. Eine Modernisierung sei deshalb unverzichtbar. Für die Auslandseinsätze gebe es nicht genug geschützte Fahrzeuge, Maschinengewehre, Hubschrauber und Transportflugzeuge.