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Deutschland/Welt 300 Zuhörer bei Margot Käßmanns Buchpräsentation
Nachrichten Politik Deutschland/Welt 300 Zuhörer bei Margot Käßmanns Buchpräsentation
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19:19 12.05.2010
Von Gabriele Schulte
Margot Käßmann Quelle: ap
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Kurz vor dem offiziellen Beginn des 2. Ökumenischen Kirchentages in München ist die frühere EKD-Vorsitzende und hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann erstmals nach ihrem Rücktritt im Februar wieder öffentlich aufgetreten. In der Buchhandlung Hugendubl am Münchener Marienplatz präsentierte sie am Mittwochnachmittag ihr neues Buch „Das große Du - Das Vaterunser“, das gerade im Lutherischen Verlagshaus Hannover erschienen ist.

Weit über 300 Interessierte, offenbar allesamt Anhänger, drängten sich hinter den Absperrbändern und lauschten der knappen Buchvorstellung. Viele reihten sich in die eine Stunde lang nicht abreißende Schlange derer ein, die sich anschließend Bücher signieren ließen.Die Antwort auf die alle interessierende Frage gab Margot Käßmann erst ganz zum Schluss in kleiner Runde, als die zahlreichen Kameras längst verschwunden waren. „Mir geht es vielfältig, sagen wir mal so“, sagte sie zu einer Frau, die sich am Signiertisch nach ihrem Befinden erkundigte. Mit Blick auf die in der Nähe entdeckte Journalistin korrigierte die ehemalige Bischöfin dann schnell: „Mir geht es gut.“

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Den Eindruck, dass es Margot Käßmann wirklich gut geht, hatten die Zuhörer bei der Präsentation indes nicht gewonnen. Die 51-Jährige im schwarz-weißen Kostum wirkte ungewohnt angespannt. So knapp antwortete sie auf die streng buchbezogenen Fragen vom Verlagschef, dass das öffentliche Gespräch sogar weniger als die von ihm angekündigten zwanzig Minuten dauerte. „Großartig“ finde sie die Aufforderung des Kirchenreformators Martin Luther, beim Beten „kein großes Brimborium zu machen und jeden Tag mit einem kräftigen Amen das Vaterunser zu beten“, sagte Käßmann zu Beginn.

Das schmale Buch „Das große Du“ ist als zweiter Band in der schon 2005 konzipierten Reihe „Einfach evangelisch“ erschienen. Auf ihren Rücktritt bezieht sich Käßmann darin nicht, wohl aber auf ihren Gottesdienst in der hannoverschen Marktkirche nach dem Tod von 96-Torhüter Robert Enke. „Da haben die Fans draußen vor der Tür in das Gebet eingestimmt.“

Mit Bezug auf den 2.Ökumenischen Kirchentag, sieben Jahre nach dem ersten von Protestanten und Katholiken gemeinsam veranstalteten Kirchentag in Berlin, meinte die frühere Bischöfin: „Das Vaterunser zeigt, dass uns wesentlich mehr verbindet, als uns trennt.“

Die Zuhörer in der Buchhandlung hielten sich mit Applaus weitgehend zurück, einige stimmten am Ende das ökumenische, von Käßmann vorgeschlagene Kirchenlied „Sonne der Gerechtigkeit“ an. Erst bei der anschließenden Signierstunde zeigte sich die große Sympathie, die Margot Käßmann trotz ihrer Promillefahrt weiter entgegengebracht wird. Mag die Schar derer auch gewachsen sein, die sich kritisch über die frühere Bischöfin äußern - hier in München jedenfalls erwiesen sich alle als Fans. Zuhörer schwärmten von „ihrer Ausstrahlung, ihrem Auftreten“ und vor allem „ihrer Aufrichtigkeit“. Einzelne legten sogar kleine Geschenke wie einen Marienkäfer aus Schokolade auf den Signiertisch. Andere teilten Margot Käßmann mit, dass sie ihr nach ihrem Rücktritt geschrieben hätten und sie nun in ihre Gebete einschließen.

„Ich bin froh, dass Sie hier sind“, verriet ihr die 40-jährige Gaby Kampe aus Nienburg. „Danke“, antwortete Margot Käßmann knapp und lächelnd, wie schon so viele Male an diesem Nachmittag. „Sie ist immer noch meine Bischöfin“, meinte die Hannoveranerin Monika Ilsemann, die gleich vier Käßmann-Bücher dabei hatte - darunter „In der Mitte des Lebens“, den weiter in der Spiegel-Bestseller-Liste vertretenen autobiografischen Ratgeber.

Die in der Groß-Buchholzer St. Matthias-Gemeinde engagierte 63-Jährige lobte die „konsequente, verantwortungsvolle Haltung“, die Käßmann nach ihrem Alkohol-Fehltritt an den Tag gelegt habe. „Wenn ich gewusst hätte, was hier auf mich zukommt, wäre ich wahrscheinlich nicht gekommen“, sagte Ilsemann. Sich in solch ein Fan-Gedränge zu begeben, sei eigentlich nicht ihre Art. Schon eineinhalb Stunden vor Beginn der Buchvorstellung hatten sich die Ersten im 3.Stock der Buchhandlung gute Plätze gesichert.

Großen Andrang erwarten die Veranstalter auch bei Käßmanns Kirchentags-Terminen in den kommenden Tagen. Sie reichen von einer Bibelarbeit in einer der Messehallen bis zum „Talk auf dem roten Sofa“ mit ihrem Nachfolger im Chefsessel der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Letzterer nimmt Käßmanns Platz bei den Veranstaltungen ein, bei denen sie als EKD-Vorsitzende aufgetreten wäre. Erst nach langem Überlegen hatte Margot Käßmann beschlossen, die übrigen Auftritte in München wahrnehmen zu wollen. Interviews mit Journalisten lehnt sie allerdings ab. Fragen nach ihrem persönlichen Befinden, wie die ehemalige Bischöfin sie spontan der teilnahmsvollen Leserin bei der Signierstunde beantwortete, sind eigentlich nicht vorgesehen.

Margot Käßmann: Das große Du - das Vaterunser, Lutherisches Verlagshaus Hannover, 84 Seiten, 12,90 Euro.